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Online-Wahlkampf Renate Künast geht gerne in die Sauna


Die Grünen starten ihren Wahlkampf im Internet: Mit einer frisch gelifteten Seite, neuen Community-Elementen und jeder Menge Peinlichkeiten auf den Facebook-Profilen der Spitzenkandidaten.
Von Sebastian Christ

Bei den Grünen kann man demnächst petzen gehen. Ein paar Mausklicks genügen, und schon gelangt man dann zu einem Meldeformular, in das man Informationen über Politiker anderer Parteien eingeben kann. Wo ist CDU Politiker XY aufgetreten? Was hat er gesagt? Und wie hat er es gesagt? Wahlkampffutter für die Grüne Parteizentrale. "Wenn wir einen schmutzigen Wahlkampf machen wollen, dann können wir das online wie offline machen", sagt Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke. Es klingt fast so, als ob sie sich dafür entschuldigen wolle. Renate Künast sekundiert: Man könne Widersprüche in der Gentechnikdebatte aufdecken. Wenn etwa konservative Politiker in Brüssel anders argumentieren als in Berlin. Dabei bestünde eigentlich gar kein Rechtfertigungsdruck: Wenigstens in diesem Punkt haben die Grünen ihren Online-Kampagne zu Ende gedacht. Ein Stückchen Web 2.0 im Wahlkampf.

Persönliche Details bei Facebook

Ansonsten war bei der Vorstellung der grünen Web-Offensive wenig Revolutionäres zu hören. Statt die engagierte Bürger in Programmentscheidungen mit einzubinden und sie somit von Nutzern zu Akteuren werden zu lassen, versuchen die Grünen wie alle anderen Parteien auch, den Community-Hype abzuschöpfen. Für eine Partei, die mal die basisdemokratischste im ganzen System sein wollte, ist das ein bisschen wenig. Dafür hat Jürgen Trittin jetzt sein eigenes Facebook-Profil, das er konsequent "Facebook-Eintrag" nennt. Auch Renate Künast. In einer Pressemitteilung wird stolz darauf verwiesen, dass beide "alle persönlichen Informationen und Statusmeldungen" selbst verfassen. So kann man jetzt über den ehemaligen Umweltminister erfahren, dass er "in einer Beziehung" ist, nicht an Gott glaubt und Depeche Mode hört. Bei Renate Künast steht zwar nichts zum Glauben und zum Beziehungsstatus, dafür weist sie darauf hin, dass sie gern Gartenbücher liest und in die Sauna geht. Und wenn man beide Profile zu Ende studiert hat, beschleicht einem als Leser das Gefühl, dass zwischen den Buchstaben Guido Westerwelle herauswinkt - Spaßwahlkampf reloaded.

Parteien engagieren sich in diesem Jahr stärker im Netz als jemals zuvor. Schuld daran hat auch Barack Obama, der mit maximalem Erfolg gezeigt hat, wie man einen Wahlkampf auf Graswurzelebene organisiert, ohne dabei selbst die Zügel aus der Hand zu geben. Obama gelang es, weite Teile der Jugend zu motivieren und sie über das Netz zu organisieren. Lange bevor deutsche Politiker wussten, was Facebook überhaupt ist, verschickten die Mitarbeiter des damaligen Präsidentschaftskandidaten in regelmäßigen Abständen Nachrichten an alle Fans und Unterstützer. Wer von Obama begeistert war, bekam das Gefühl vermittelt, Teil einer Bewegung zu sein.

Einladungen zu Demos

Offensichtlich wollen die Grünen in eine ähnliche Richtung gehen. Die Seite www.gruene.de wird nun von einer Online-Redaktion betreut, die auch am Wochenende besetzt ist. Ähnlich wie bei my.barackobama.com kann man sich bei den Grünen unter der Rubrik "Meine Kampagne" einloggen. Dort steht ein größeres Angebot an Informationen zur Verfügung. Außerdem sollen die Nutzer mit passgenauen Angeboten beschickt werden. Wörtlich heißt es auf der Seite: "Während Du Meine Kampagne nutzt, werden wir Dich hin und wieder nach weiteren Informationen fragen. Zum Beispiel: Hast Du Lust an einer Demonstration teilzunehmen? Oder: Hast Du ein Profil auf Facebook und könntest dort eine grüne Kampagne unterstützen?"

Klar wird: Es geht nicht um Inhalte, sondern um Manpower. Über das Internet versuchen die Grünen wie alle anderen Parteien auch, mögliche Unterstützer in die Organisation der Kampagne einzubinden. Wer seine Stimme für die Grünen erheben will, kann das also gerne tun. Mitdiskutieren bei inhaltlichen Themen ist auch noch erlaubt. Mitentscheiden dagegen nicht mehr. "In der Programmdebatte", sagt Steffi Lemke, "werden Formulareinträge als Meinungsäußerung gewertet." Und davon gibt es ja bei den Grünen ohnehin viele. Wenn die grüne Facebook-Gruppe etwa auch ein Antragsrecht auf dem Parteitag haben wolle, dann müsse ja vorher erst einmal die Satzung geändert werden.

Von Trittin lernen ...

So bleibt Politik 2.0 im diesjährigen Bundestagswahlkampf wohl erst einmal ein Traum. Aber wer weiß: Vielleicht ist ja Jürgen Trittins Lebensmotto auf seinem "Facebook-Eintrag" auch als versteckte Botschaft an alle Internetnutzer gedacht: "Du hast keine Chance - nutze sie!"


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