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Operation "Spade": Die dreckige Vorgeschichte der Edathy-Affäre

Wie ein deutscher Pädofilmer in Rumänien die Operation "Spade" auslöste - die in Kanada einen Videohändler in den Knast brachte und in Deutschland zwei Politiker stürzte.

Von Martin Knobbe und Werner Mathes

Im Oktober 2010 nimmt ein Undercover-Ermittler der Polizei von Toronto Kontakt zu einem Mann auf, der mit einschlägigen Videos handelt: Brian Way, damals 41. Sein Name ist schon aus früheren Ermittlungen bekannt. 2005 hatte Brian Way begonnen, mit seiner Firma 4P5P über Webseiten mit Namen wie "Baikalfilms" oder "Azov Films" Videos mit halbnackten und nackten Jungen zu vertreiben. "Naturistisch" nannte er sie, weil sie keine expliziten sexuellen Handlungen zeigten. Völlig legal, zumindest nach Ansicht der Firma, die das auch auf ihrer Webseite vermeldete. Wohl deshalb hatten die Kunden keine Bedenken, das Material mit ihrem echten Namen, ihrer Adresse und Kreditkartendaten zu bestellen: Zehntausende waren es weltweit, allein in Deutschland über 800, darunter war auch der Abgeordnete Sebastian Edathy. Die Filme waren zwischen 45 und 90 Minuten lang und kosteten nach Angaben der kanadischen Polizei 20 bis 45 Dollar.

Damals, vor acht Jahren, sahen die Polizisten noch keinen Anlass, den Inhaber der Firma anzuklagen. Zu harmlos schien sein Material auf den ersten Blick, knapp unterhalb der Grenze zur Kinderpornografie. Nun aber bestellten die Polizisten verdeckt einige dieser Filme und kamen schnell zu dem Schluss: Auch wenn keine Gewalt- oder Sexszenen zu sehen waren, erfüllten die meisten der Aufnahmen den Tatbestand der Pornografie. Zu eindeutig drehte sich alles um die Geschlechtsteile der fünf- bis zwölfjährigen Kinder. Der Zweck, sich diese Videos zu bestellen und anzusehen, konnte nur sexueller Natur sein. "Viele Gerichte in Kanada und USA haben das in ihren Urteilen bestätigt", sagt Paul Kraftczyk, einer der Ermittler. "Die meisten der Filme waren illegal." Wenigstens nach kanadischem und US-amerikanischen Recht.

Die Kunden von "Azov Films"

Brian Way wurde festgenommen und wartet heute in Toronto auf seinen Prozess. Bei der Hausdurchsuchung fanden die Ermittler nicht nur Film- und Fotomaterial in einem Umfang von 45 Terrabyte, sondern auch Ways komplette Kundendatei. Es war der Beginn einer der größten internationalen Ermittlungen gegen die Besteller solchen Materials. Operation "Spade" nannten es die Kanadier, Operation "Spaten": Je tiefer man gräbt, desto mehr Dreck fördert man zutage.

Am Ende wurden Hunderte Pädophile auf der ganzen Welt festgenommen, allein in Kanada 40 Lehrer, neun Priester, neun Ärzte oder Pfleger, 32 freiwillige Kinderbetreuer, sechs Strafverfolger und Justizbeamte, drei Väter aus Pflegefamilien. Von Anfang an hätten die kanadischen Behörden auch eng mit den deutschen zusammen gearbeitet, erzählt Julian Sher, Buchautor, Filmproduzent und ehemaliger Reporter des Toronto Star, der die dreijährigen Ermittlungen der Polizei exklusiv begleiten durfte. Um die Ermittlungen in Deutschland nicht zu gefährden, hätte man die Zusammenarbeit aber lange geheim gehalten. Deshalb tauchten die deutschen Vertreter auch nicht auf der großen Pressekonferenz der kanadischen Polizei im November vergangenen Jahres auf. Sie bereiteten die Ermittlungen gegen die deutschen Kunden vor und wollten nicht, dass die Pädophilen gewarnt würden.

Der Pädo-Filmer in Rumänien

Die Handlungen der Filme von 4P5P gleichen sich: Immer sind Jungs zu sehen, die nur eine Unterhose oder Badehose tragen, meistens aber nackt sind. Sie ringen und raufen, schwimmen, duschen, ziehen sich in der Umkleide aus oder besuchen eine Sauna. Manchmal sind sie verkleidet, manchmal liegen sie nackt zusammen auf einer Matratze und ölen sich gegenseitig ein. "Viele sagen ja: Was soll's? Ein Mann guckt sich ein paar Jungs an, die nackt herum tollen. Wo ist die Verletzung? Wo ist der Missbrauch?", sagt Julian Sher. "Ich habe mit vielen dieser Jungen gesprochen und kann nur sagen: Sie fühlen sich heute ausgebeutet und erniedrigt. Sie schämen sich für diese Bilder, die aus dem Internet nie mehr verschwinden. Ein normales Leben können sie nicht mehr führen." Auch Shers Kollege Robert Cribb vom "Toronto Star" hat sich tagelang mit den Jungen und ihren Eltern unterhalten. "Viele kommen aus kleinen Dörfern in einer konservativen Gegend und werden heute als schwul beschimpft", sagt der Reporter.

Viele der Filme wurden in Rumänien gedreht, im Norden des Landes, in den ärmlichen Dörfern Transylvaniens bei Satu Mare oder Zalau, an den Hängen der Mezes-Berge. Der Produzent war ein Deutscher: Markus Rudolph R., etwas untersetzt, Brillenträger. 2001 kam er nach Rumänien, um für eine deutsche Holzfirma zu arbeiten. In seiner Freizeit umgab er sich gerne mit Jungen. Er bot an, ihnen in einer Schule Karate beizubringen. Die Eltern stimmten zu, er war ja ein netter junger Mann, ein scheinbar seriöser Geschäftsmann aus Deutschland. Sie wussten nicht, dass R. in seiner Heimat bereits im Gefängnis gesessen hatte, wegen des Herstellens von Kinderpornographie. Er gewann das Vertrauen von immer mehr Kindern, sie mochten ihn, er lud sie oft zum Pizzaessen ein. Dafür zogen sie sich für ihn aus, in Gärten, in Hotels, in seiner Wohnung, die Kamera lief immer mit. Den Jungen sagte R. nie, dass er vorhabe, die Aufnahmen zu veröffentlichen.

Auf der Fahrt nach Deutschland

Die Filme schickte R. nach Toronto, wo sie das Team um Brian Way fertig produzierte, auf DVDs brannte, ins Internet hochlud und zum Versand oder zum Download anbot. Die Firma hat nach Polizeiangaben vier Millionen Dollar Umsatz damit gemacht. R. bekam nach seinen eigenen Angaben zwischen 500 und 1000 Dollar pro Film. Es war sein Lebensunterhalt, seinen Job bei der Holzfirma hatte er zuvor verloren.

Im August 2010 brach R. mit vier Jungen im Auto nach Deutschland auf. Noch vor der Grenze wurde er verhaftet, ein Schäfer hatte das nackte Treiben beobachtet und die Polizei alarmiert. In der Wohnung des Videofilmers finden die Beamten Kinderkostüme wie eine Ritterrüstung aus Plastik, Spielzeug-Handschellen, Gleitmittel, Kinderunterhosen und Unmengen von Datenträgern. Die rumänischen Ermittlungsbehörden informierten ihre Kollegen in Toronto, die zwei Monate später die Operation "Spaten" anlaufen ließen.

R. wurde zu 20 Monaten Haft verurteilt. Kurz nach seiner Festnahme verschickte er an seine Opfer Briefe. "Ich bin eine armselige Person. Alles, was passierte, war allein meine Schuld." Er sei nach dem Verlust seiner Arbeit in Panik geraten und habe entdeckt, wie leicht es doch sei, mit den Nacktvideos Geld zu verdienen. "Du hast mir Freundschaft und Vertrauen entgegen gebracht, und ich habe gelogen und habe dich benutzt, und deshalb tut es mir sehr, sehr leid", schrieb er in einem dieser Briefe.

"Habe den Missbrauch weitergeführt"

Auch in den USA haben die kanadischen Ermittlungen zu vielen Festnahmen geführt: Ein hoch angesehener Kinderarzt aus Boston war darunter, der Vize-Rektor einer Highschool, mehrere Polizisten. Bei allen basierte die Anklage auf dem Besitz der Nudistenfilme aus Kanada, wie Brian Bone betont, der leitende Ermittler bei der US-Post, die in solchen Fällen wie eine Polizeibehörde ermitteln darf. Bei vielen fanden die Ermittler noch zusätzliches kinderpornographisches Material, oft brutaler, oft selbst gefilmt. Manchmal stammten die Opfer aus der Nachbarschaft oder Verwandtschaft. Selbst die politische Szene in Washington blieb von dem Skandal nicht verschont. Jesse Ryan L., ein beliebter und angesehener Büroleiter eines republikanischen Senators, hatte bei Azov Films drei Videos bestellt, für 78,60 Dollar. Als die Polizei die Wohnung des 35-Jährigen durchsuchte, fand sie noch weiteres Material: darunter die Vergewaltigungsszene eines sechsjährigen Mädchens.

In einem Brief versuchte sich L. an einer Erklärung. Beim Ansehen der Videos habe er sich zum ersten Mal nicht mehr alleine gefühlt, "ich spürte eine Verbindung". L. sagte, er sei in seiner Kindheit selbst missbraucht worden, deshalb habe er sich den Kindern in den Filmen so nahe gefühlt. "Das ist mein tiefstes, dunkelstes Geheimnis." Erst in der Haft habe er gelernt, darüber zu sprechen. "Ich habe euren Missbrauch weiter geführt", schrieb er "an die Kinder" in den Videos. "Das wird auf meiner Seele lasten, bis zum Ende meines Lebens." Kurze Zeit später wurde L. aus der Untersuchungshaft entlassen. Seine Eltern fanden ihn später leblos in ihrem Haus: L. hatte sich erhängt.

Etwa ein Prozent der Männer pädophil

In Deutschland, schätzen Experten, ist etwa ein Prozent der erwachsenen männlichen Bevölkerung pädophil veranlagt, immerhin eine sechsstellige Anzahl von Männern, die Kinder, vor allem Jungs, als Objekte ihrer sexuellen Begierde ausgemacht haben. In dieser relativ abgeschotteten Szene machen sich Pädo-Kriminelle - oft als Trainer oder Erzieher - an Knaben heran, bis sie in die Pubertät kommen und damit "hormonell verseucht" (Szene-Jargon) sind, tauschen "Boylovers" in einschlägigen Internet-Chat-Rooms kinderpornografische Fotos und Filme, leben sogenannte "Edel-Pädos" ihre Neigungen nur in der Fantasie aus - wobei sie durchaus die Netzwerke der Community nutzen.

Dieter Gieseking, ein ehemaliger Polizeibeamter und bekennender Pädo, betreibt zum Beispiel das Netz-Portal "krumme13.org", wo auch Hausdurchsuchungen bei ehemaligen Kunden von Azov Films gemeldet werden. So soll sich bereits am 4. September vergangenen Jahres in Österreich ein Einsatzkommando der Polizei Zugang zur Wohnung eines nebenberuflichen Kinder- und Jugendfotografen verschafft haben. Eine weitere Meldung besagt, dass es auch in Deutschland schon im September wenigstens eine Durchsuchung gegeben haben soll, bei der Azov-Filme sichergestellt wurden - wie im Fall Edathy war vom BKA nach angeblicher Aktenlage darauf hingewiesen worden, dass die meisten erworbenen Inhalte nach deutschem Recht "strafrechtlich irrelevant" seien. Auch bei einer Hausdurchsuchung im Jahr 2009 waren Azov-Filme sichergestellt worden, die aber angeblich nicht beanstandet wurden. "Das bedeutet, dass es unterschiedliche Bewertungen der Ermittlungsergebnisse gibt", sagt Dieter Gieseking.

Der umstrittene Verdacht

Mindestens sieben Hausdurchsuchungen bei ehemaligen Azov-Kunden, so Gieseking, seien von einem Richter des Amtsgerichts Gießen erwirkt worden, "obwohl die Betroffenen dort nicht ihren Wohnsitz haben". In Gießen sitzt die Zentralstelle für Internetkriminalität (ZIT), eine Sondereinheit der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt/Main. Auf Kinderpornografie spezialisierte ZIT-Staatsanwälte hatten das Aktenkonvolut, das das BKA von der kanadischen Polizei erhalten hatte, ausgewertet - und kamen offenbar zum Schluss, dass die Azov-Filme zwar keine strafbewehrten Pornos seien, deren Abnehmer aber erfahrungsgemäß auch Konsumenten härterer Ware sein könnten.

Eine Folgerung, die unter Strafrechtlern auf Widerspruch stößt. "Selbst wenn jemand für solch hartes Material affin sein sollte, kann es genauso gut sein, dass er die Grenze zur Strafbarkeit bewusst nicht überschreitet", schreibt der Düsseldorfer Fachanwalt Udo Vetter. "Diese Menschen nehmen sich zurück, respektieren das Gesetz. Schon damit hat das Strafrecht seine vornehmste Aufgabe wirksam erfüllt: die Einhaltung gesellschaftlicher Regeln."

Edathy wohl früh informiert

Nun hofft "Krumme13"-Mann Dieter Gieseking, auch im Interesse der rund 800 Betroffenen, dass Sebastian Edathy sich juristisch wehrt - und notfalls eine Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe einreicht.

Kenner der Pädo-Szene gehen davon aus, dass sich auch "Grenzgänger" wie Edathy in den Foren und Chat-Rooms der Community informierte. "Den Tipp, dass es diese Jungsfilme bei Azov in Toronto gab, muss er ja irgendwo hergehabt haben", sagt einer. Da liegt es nahe, dass Edathy über die Operation "Spaten" und ihre Auswirkungen nicht erst Mitte November 2013 über Nachrichtenmedien erfahren hatte, sondern womöglich schon früher, über entsprechende Pädo-Portale im In- und Ausland.

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Von:

und Martin Knobbe