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Osama bin Ladens Tod auf Twitter Der Triumph des Weltinfokanals


Twitter überbrachte die Nachricht schneller als der US-Präsident, ein Ohrenzeuge des US-Angriffs twitterte aus Pakistan, unter dem Hashtag #OBL kommt die Welt zusammen. Der Tod Osama bin Ladens ist ein Twitter-Ereignis. Ist der Infokanal besser als das Fernsehen?
Von Florian Güßgen

Als Flugzeuge am 11. September 2001 in die Zwillingstürme des World Trade Centers einschlugen, herrschte das Fernsehen. Kein Medium war so schnell, kein Medium brachte Nachrichten und Bilder so fix ins Wohnzimmer, in die Büros, auf die Straße. 2011 ist es anders. Als US-Soldaten am 1. Mai Al-Kaida-Führer Osama bin Laden töten, berichtet kein Medium schneller als Twitter. Der erste Griff geht nicht mehr zur Fernbedienung, sondern zum Smartphone. Unter dem Hasthtag #OBL für Osama bin Laden laufen sekündlich zig Nachrichten, Kommentare, Links und Einschätzungen ein. Twitter erscheint als das verbindende Medium dieses epochalen Ereignisses.

"Sie haben bin Laden getötet. Hot damn"

Es war der Infokanal Twitter, der am Montagmorgen schneller war als alle anderen, schneller auch als US-Präsident Barack Obama. Denn es war, wie die "New York Times", aber auch deutsche Medien berichten, Keith Urbahn, der Büroleiter von Ex-US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, der um 22.25 Uhr Ortszeit (4.25 Uhr unserer Zeit) als erster twitterte: "Eine glaubwürdige Person sagt mir, sie haben Osama bin Laden getötet. Hot damn." Und er fügte hinzu: "Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber lasst uns beten, dass es das tut." US-Präsident Obama war da gerade noch dabei, jene Rede zu verfassen, mit der er der Welt die Neuigkeit verkünden wollte. Erst kurz zuvor waren Journalisten vom Weißen Haus per Twitter verständigt worden, dass der Präsident sich an die Nation wenden werde, allerdings ohne den Inhalt der Rede zu verraten. Nach dem Tweet Urbahns verbreitete sich die Nachricht in Windeseile, die Journalisten begannen zu recherchieren, Politiker bestätigten sie - und das alles bevor der Präsident um 23.35 Uhr (5.35 Uhr unserer Zeit) vor die Mikrofone getreten war. Das "New York Times"-Stück zeichnet diese Entwicklung minutiös nach. Die Reuters-Journalistin Lauren Young beleuchtet in einer Analyse die Rolle, die Twitter beim Bekanntwerden der Nachricht vom Tod Osama bin Ladens gespielt hat. Und sie zitiert ihren Kollegen Antony De Rosa mit den Worten: "Iran war [Twitters] erster große internationale Moment, dann kam Ägypten, aber der erste verlässliche Bericht des Todes von Osama bin Laden ist bislang Twitters größter Augenblick."

"Uh oh, ich habe über den Überfall gebloggt"

Dabei war Rumsfelds Büroleiter nicht einmal der erste, der über die Tötungsaktion des US-Sonderkommandos twitterte. Im pakistanischen Abbottabad hatte der Programmierer Sohaib Athar über sein Twitter-Account @reallyVirtual von Hubschrauberlärm in der Nachbarschaft berichtet, auch davon, dass es offenbar einen Absturz gegeben habe. Erst viel später wurde dem 33-Jährigen, der nach eigenen Angaben aus Lahore in Pakistan stammt, offenbar klar, dass er Ohrenzeuge der US-Tötungsaktion gegen bin Laden geworden war. "Uh oh, jetzt bin ich der Typ, der den Überfall auf Osama livegeblogged hat, ohne es zu wissen", twitterte Athar - und berichtete später davon, wie sich nun sofort Medienanfragen bei ihm häuften. Der Kollege Dirk von Gehlen, aber auch andere deutschsprachige Blogs haben ebenfalls über Athar berichtet.

Twitter schafft die direkte Verbindung zwischen Wohnzimmern oder Großraumbüros in Deutschland, Büros in Washington und einer Wohngegend mit Stromproblemen in Pakistan. Für jeden lesbar, für jeden verständlich. Alle sind dabei. Immer - auch wenn sie, wie im Fall von Athar, nicht immer genau wissen, über was sie da genau berichten. In treffende, plakative Worte gefasst hat das, wie so oft, Internet-Tausendsassa Jeff Jarvis in seinem Blog "Buzzmachine". "Twitter ist an diesem Tag des Sieges unser Times Square", schrieb Jarvis am Montag in Anspielung auf die Siegesfeier auf dem New Yorker Platz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. "Heutzutage ist unser gemeinsames Erleben von Nachrichten nicht mehr dadurch definiert, dass wir alle Fernsehen gucken. Jetzt läuft das Fernsehen im Hintergrund. Auf Twitter erfahren wir von Nachrichten, auf Twitter teilen wir unsere Gedanken und Gefühle mit."

Obama statt Osama

Dass in dem ganzen Twitter-Gesummse von weltpolitischer Bedeutung der deutsche Regierungssprecher Steffen Seibert statt Osama aus Versehen Obama tippte und dadurch seinen Tweet auf natürlich komische Art sinnentstellte, ist dabei ein mehr als lässlicher Fehler. Wer vertippt sich nicht einmal auf dem Smartphone? Und wer verhaspelt sich nicht bei der Obama-Osama-Sause? Viel entscheidender ist, dass Seibert die Bedeutung von Twitter als Kommunikationskanal immerhin verstanden hat. Denn eine Regierung, die dort nicht präsent ist, verpasst vieles von dem, was ihre Bürger erleben. Da ist ein Verschreiber Pillepalle.

Eine schöne Pointe ist übrigens, dass Keith Urbahn, also just jener Twitterer, der als Beleg für die Überlegenheit von Twitter gegenüber den klassischen Medien angeführt wird, am Montagmorgen weitere Tweets verschickte. In einem schreibt er, dass er seine Informationen von einer Quelle hatte, die für einen TV-Sender arbeitet. "So sehr ich auch an die wachsende Rolle des 'Bürgerjournalismus' glaube", twitterte Urbahn, also daran, "dass Blogs, Twitter usw. traditionelle Medien verdrängen, so wenig ist mein Tweet dafür ein großer Beleg".


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