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"Schild und Schwert"-Festival: Zu Adolf Hitlers 129. Geburtstag: Hunderte Neonazis wollen in kleinen sächsischen Ort einfallen

Bewohner der Gemeinde Ostritz in Sachsen sind am kommenden Wochenende nicht zu beneiden: Etwa 1000 Neonazis werden dort zu einem Festival erwartet – und die Gegenveranstaltungen locken ebenfalls Tausende Besucher.

Am Wochenende werden in der sächsischen Stadt Ostritz Hunderte Neonazis und Sympathisanten der rechten Szene erwartet - und Hunderte bis Tausende Gegner.

Am Wochenende werden in der sächsischen Stadt Ostritz Hunderte Neonazis und Sympathisanten der rechten Szene erwartet - und Hunderte bis Tausende Gegner.

Picture Alliance / Getty Images

Die meisten Menschen in Deutschland haben wohl noch nie etwas von Ostritz gehört. Die kleine Stadt in der Oberlausitz im Südosten Sachsens hat etwa 2300 Einwohner. Das Berühmteste dort ist wohl das Kloster St. Marienthal, direkt hinter der Ortsgrenze fängt Polen an.

In den nächsten Tagen könnte die ganze Republik auf Ostritz blicken: Von Freitag bis Samstag findet dort ein Festival unter dem Namen "Schild und Schwert" statt. Auftreten sollen unter anderem Bands der militanten Rechtsrockszene und NPD-Redner wie der frühere Bundesvorsitzende Udo Voigt. Der hessische Unternehmer Hans-Peter Fischer stellt für das rechte Treffen sein Hotel "Neisseblick" sowie das angrenzende Grundstück zur Verfügung.

Ein "SS-Festival" in Ostritz

Nimmt man nur die Anfangsbuchstaben des Festivals, wird es gruselig: "SS". Ostritz wird also Schauplatz eines "SS-Festivals" Und auch das Datum ist bezeichnend: Am 20. April, also am diesem Freitag, jährt sich der Geburtstag von Adolf Hitler zum 129. Mal.

Gruselig und teils unfreiwillig komisch ist auch die Website von "Schild und Schwert", die, teils in altdeutscher Schrift, das Programm bewirbt, darunter Konzerte und Tattoo-Angebote. Unter der Rubrik "Kampfsport" steht dort: "Leben heißt Kampf. Alle Tage waren es Kämpfer, die ihre Sippe, ihren Stamm, ihre Heimat verteidigt haben." Und weil Sport für die "Sippe" so wichtig ist, gibt es auch Kampfsportvorführungen bei dem Festival. Eine davon unter dem Titel: "Kampf der Nibelungen".

Viele Ostritzer dürften beunruhigt sein, was denn da für Sippen und Stämme am Wochenende in ihrer Gemeinde auftauchen. Allein die Zahl der Besucher von rechts ist hoch: "Es werden etwa 1000 Neonazis am Wochenende in Ostritz erwartet“, sagt Michael Schlitt, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Internationales Begegnungszentrum St. Marienthal (IBZ), dem stern. Selbst erwarten die Festival-Veranstalter laut der Nachrichtenagentur AFP 750 Teilnehmer an beiden Tagen.

Die Stiftung IBZ veranstaltet am Wochenende ein Friedensfest im Ort als Kontrapunkt zu dem Neonazi-Aufmarsch und hofft besonders auf Besucher aus der Region. Das Friedensfest sei auch als Beitrag zur Deeskalation gedacht, sagt Schlitt. Er erhoffe sich davon eine mäßigende Wirkung auf rechte und linke Demonstranten.

Mehr Gegner der rechten Szene als Festival-Besucher

Eine mäßigende Wirkung ist womöglich nötig. Das Friedensfest ist nicht die einzige Gegenveranstaltung. Von der Linkspartei und dem Deutschen Gewerkschaftsbund wurden gleich vier Aktionen angemeldet, die sich dem Neonazi-Festival in Ostritz entgegenstellen. Die Initiative "Rechts rockt nicht" etwa erwartet zu ihren Konzerten bis zu 3000 Teilnehmer. Beobachter befürchten angesichts der Masse an Besuchern in der Region und der womöglich aufgeheizten Stimmung Ausschreitungen.

"Die Ostritzer haben Angst", sagt auch Schlitt. "99 Prozent der Bevölkerung lehnt das Neonazi-Festival ab“, fügte er im Gespräch mit dem stern hinzu. "Es waren noch nie so viele Neonazis in Ostritz – und es gab hier noch nie ein solches Polizeiaufgebot."

Die Polizei rechnet über das Wochenende mit dem größten Einsatz in Ostsachsen in den vergangenen zehn Jahren. Es werden mehrere Hundertschaften auch aus anderen Bundesländern im Einsatz sein. Gerechnet wird mit etwa 1000 Polizisten.

Vor zwei Wochen hatten sich 40 Bürgermeister aus der Region in einer gemeinsamen Erklärung gegen das Neonazifestival positioniert. Sie wandten sich klar "gegen eine Etablierung neuer rechtsextremer Strukturen in der Oberlausitz". Wer Menschenrechte in Frage stelle und die Demokratie bekämpfe, "der ist hier nicht willkommen", hieß es.

Dennoch - das Neonazi-Festival wird stattfinden. Im Fall Ostritz verweisen die Polizei und das Landratsamt Görlitz als Versammlungsbehörde auf das Grundgesetz, wonach sich jeder friedlich und ohne Waffen unter freiem Himmel versammeln dürfe.

Angemeldet wurde das Festival vom Thüringer NPD-Landesvorsitzenden Thorsten Heise. In Ostritz selbst spiele die NPD keine Rolle, sagt Schlitt. Dagegen habe  "Schild und Schwert" für die rechte Szene in ganz Deutschland eine große Bedeutung. Es diene dazu, sich zu vernetzen und zur Propagierung eines rechten Lebensstils.

Veranstaltung fällt unter die Versammlungsfreiheit

Zuletzt hatten sich im Sommer 2017 im thüringischen Themar bis zu 6000 Menschen bei einem Rechtsrockkonzert getroffen. Das war die bis dahin größte Musikveranstaltung von Neonazis in Deutschland. Kritiker forderten damals, Rechtsrockkonzerte nicht mehr als politische Demonstrationen einzustufen, die unter die Versammlungsfreiheit fallen. Auch das Festival "Schild und Schwert" wirbt mit politischen Vorträgen um Teilnehmer.

Nach Einschätzung linker Aktivisten nutzen die Rechtsextremen Musikfestivals auch als kommerzielle Veranstaltung, um ihre Strukturen zu finanzieren. Diese Einschätzung gab die Sprecherin der Initiative "Rechts rockt nicht", Sascha Elser, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP.

Friedensfest-Initiator Schlitt setzt darauf, dass seine Veranstaltung zur Abschreckung der rechten Szene beiträgt. "Wir hoffen, mit dem Ostritzer Friedensfest die Neonazis abzuschrecken, so dass es eine solche Veranstaltung kein zweites Mal gibt", sagte er dem stern.

Eines ist aber wohl jetzt schon klar: Die Ostritzer werden froh sein, wenn sie das kommende Wochenende hinter sich haben.


anb/feh / AFP