Peer Steinbrück Der Mann für den Fall der Fälle


Wo Schröder drauf steht, könnte Steinbrück drin sein. Im Fall einer großen Koalition wird der Ex-Ministerpräsident als Vizekanzler und Minister gehandelt. stern.de hat den vielleicht entspanntesten Wahlkämpfer des Landes begleitet.
Von Florian Güßgen

Es ist eigentlich absurd. Überall reden sie sich die Köpfe heiß über eine große Koalition. Und jeder weiß, dass dieser Mann einer von denen ist, die es dann werden richten müssen - für die SPD, unter einer Kanzlerin Merkel. Minister könnte er werden, Vizekanzler gar. All das - und trotzdem scheint sich an diesem Tag kein Mensch für Peer Steinbrück zu interessieren.

"Steinbrück. Kompetent. Freundlich. Preiswert"

Halb vier. Ein trüber Nachmittag in Rheinbach, einem Städtchen unweit von Bonn. Vorhin hat es geregnet, jetzt ist der Himmel wolkenverhangen, die Luft feucht. Roter Sonnenschirm, Schröder-Flugblätter. Steinbrück, nunmehr Ministerpräsident a. D., steht an einem Infostand vor dem Raiffeisen-Haus in der Hauptstraße. Er verteilt Rosen. Er macht Wahlkampf, hier im traditionell schwarzen Kreis Rhein-Sieg. Für die Abgeordnete Ulrike Merten. Für die SPD. Für den Reformer Gerhard Schröder. Eine handvoll Leute umringen ihn. Zehn sind es, vielleicht auch weniger. Von den Passanten bleibt kaum einer stehen. Der Chef des Ortsvereins hat sich einen Lautsprecher mit Mikro besorgt. Mit hellem Trenchcoat und dunklem Hut preist er den Gast an wie ein Kirmes-Losverkäufer seine rosaroten Riesen-Teddies. "Rheinbach hat Besuch. Rheinbach hat hochrangigen Besuch. Rheinbach hat Besuch von Peer Steinbrück." Und er macht weiter. "Peer Steinbrück. Kompetent. Freundlich. Preiswert." Er sagt das wirklich, denn es hört ja ohnehin keiner hin. "Es ist einfach eine schlechte Tageszeit. Da haben die Leute anderes im Sinn", murmelt eine SPD-Ratsfrau entschuldigend.

"Er ist einfach ein Sympathieträger"

Steinbrück selbst ist das alles herzlich egal. Er ist völlig entspannt. Entspannter geht es eigentlich gar nicht. Er wirkt, als hätte er selbst Spaß an der Situationskomik - nur zeigen darf er das natürlich nicht. Deshalb spielt er den Wahlkämpfer. "Wissen sie überhaupt noch, wann sie ihrer Frau das letzte Mal Blumen geschenkt haben?", fragt er einen Passanten - und überreicht ihm eine Rose. "Wissen sie schon, was sie wählen?", fragt er einen anderen. Irgendwann nimmt er sogar selbst das Mikro in die Hand, spielt den Unterhalter. Er sagt, dass die anderen eine andere Gesellschaft wollen, dass sie den Bürgern vorgaukeln, das Land sei schwach. In Wirklichkeit aber sei es stark, das Land. So etwas sagt Steinbrück. Genauso gut könnte er sagen, die Russen hätten Rheinbach umzingelt. Seinem sarkastischen, trockenen Humor würde das entsprechen. Aber auch das lässt er. Natürlich. "Er ist einfach ein Sympathieträger," versichert die treue Ratsfrau. "Die Leute wollen, dass er eine Funktion übernimmt."

Wo jetzt Schröder drauf steht, könnte schon bald Steinbrück drin sein

Die Leute? Die Partei? Die Funktion? Steinbrück ist wahrscheinlich einer der entspanntesten Wahlkämpfer in der Geschichte dieser Republik. Irgendwie scheint er nicht dazu zu gehören zu dem ganzen Zirkus dieser Tage, dem aufgeregten Spekulieren über Bündnisse und Koalitionen. Denn eigentlich ist er draußen, eigentlich hat er im Mai eine verheerende Niederlage erlitten, eigentlich hat seine Abwahl diese Neuwahl-Lawine erst ausgelöst. Eigentlich ist Steinbrück ein Wahlverlierer. Eigentlich. Denn tatsächlich ist Steinbrück eine der größten Hoffnungen der SPD, zumal im Fall einer großen Koalition. Wo derzeit Schröder drauf steht, könnte schon am Abend des 18. September Steinbrück drin sein - als Minister, vielleicht sogar als Vizekanzler einer großen Koalition. Er weiß das. Ihn macht das noch entspannter.

Versprochen hat er nichts

Der 58-Jährige kann ganz locker bleiben. Weder der Partei noch den Wählern ist er offiziell etwas schuldig geblieben, er hat offiziell nichts versprochen. Ein paar Mal ist er in den vergangenen Wochen in Berlin gesichtet worden. Das ja. Aber an öffentlichen Spekulationen hat er sich nicht beteiligt - und um ein Bundestagsmandat hat er sich auch nicht beworben. Lediglich vor dem Berliner Parteitag soll er bei den Netzwerkern, den Pragmatikern im SPD-Lager, gesagt haben, dass eine große Koalition nicht die schlechteste aller Lösungen sei. Steinbrück hat in der SPD einen guten Ruf. Und er weiß, dass die Partei für die Zeit nach dem Wahl-Sonntag nicht viele hat wie ihn. Die Personaldecke ist dünn. Kommt die große Koalition, ist Schröder weg. Müntefering wird bleiben, Otto Schily vielleicht, Peter Struck vielleicht - und dann wird es auch schon eng. Es gibt die Männer-Riege der Pragmatiker - Steinbrück, Olaf Scholz, Matthias Platzeck, dann gibt es noch den unberechenbaren Sigmar Gabriel und die Linke Andrea Nahles. Das ist nicht viel. Steinbrück und Scholz gelten als Verfechter der Agenda 2010, der Kanzler-Reformen. Beide sind sie Techniker, Leute, die sich in Details einfuchsen - das alles macht sie zu SPD-Kandidaten für eine großen Koalition. Steinbrück, ehemals Minister in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen, Regierungschef in Düsseldorf, wirtschaftsnah - er wäre es, so die Überlegung, der auch den Spagat zwischen der Rolle des Gestalters und der des Aufpassers hinkriegen könnte. Er sehe sich ohnehin nicht als Mann der Legislative, heißt es. Eher als einen, der regiert, als Macher in der Exekutive. Auch deshalb könnte er es sein - der SPD-Mann für den Fall der Fälle.

"Wir bereiten die nächste Saison vor"

In Rheinbach scheint das alles an diesem Nachmittag unendlich weit weg. Von den Leuten am Infostand hat sich Steinbrück verabschiedet. Strammen Schrittes ist er hinüber gelaufen zum "Himmeroder Hof", einem Restaurant. Eigentlich soll hier in der Stube ein Gespräch stattfinden, mit der Lokalpresse. Gekommen ist zunächst keiner, nur ein Fotograf, der offenbar auch nicht so richtig weiß, was das alles soll. "Können Sie mir in drei Sätzen sagen, worum es hier heute geht?", fragt er Steinbrück, dem die Journalisten noch im Mai in Bussen hinterherfuhren. "Wir sind hier zusammengekommen, um die nächste Spielsaison der Fußball-Bundesliga vorzubereiten", antwortet er gelassen - und isst Kuchen.

Erst respektierten sie ihn, jetzt wird er geliebt

Irgendwann an diesem Tag sagt Steinbrück, er wolle die Wahlfreiheit haben. Er meint damit nicht die Wahl am Sonntag, sondern die Wahl zwischen einem Leben in der Politik und einem Leben außerhalb. Vorstellen kann er sich das. Bestens. Das Landtagsmandat, das er immer noch hat, dürfte ihn kaum ausfüllen. In keinem Fall. Wahlfreiheit? Sehr kokett klingt das. Steinbrück ist Stratege genug, um zu wissen, dass es nur eine Auszeit ist, die er sich genommen hat, eine Art "Sabbatical", eine kurzzeitige Freistellung. Tatsächlich steht er gegenüber der Partei in diesen schweren Tagen in der Pflicht. Zu sehr sind sie zusammengewachsen - er, der früher als Oberlehrer verschrien war, als hölzerner Bürokrat, und die SPD, seine Partei. Wie Schröder in diesem Spätsommer hat Steinbrück im Frühjahr in schier aussichtloser Position nicht aufgegeben, hat ihnen immer wieder Mut gemacht, hat durch seine persönlichen Sympathiewerte das katastrophale Ergebnis in ein schlechtes verwandelt. Aus "dem Steinbrück" wurde so "der Peer", der ihnen das Herz wärmte, den sie nicht nur respektieren, sondern jetzt auch lieben. Seit 1969 ist er in der SPD. Jetzt wird er sie wohl kaum hängen lassen.

Skizze für ein schwarz-rotes Programm

Zu seiner eigenen Zukunft hat Steinbrück sich derzeit jedoch eisernes Schweigen verordnet. Wäre ja auch Irrsinn, einer großen Koalition das Wort zu reden, in der das Zugpferd Schröder sicher nicht mehr vorkäme. Aber dass er den Bund mit der Union im Zweifelsfall für kein Unglück hält, das macht er auch an diesem Nachmittag klar. Um fünf Uhr steht er im "Café Breuer" in Bornheim. Knapp zwanzig Leute sind da. Es geht um den Mittelstand, um die Gewerbesteuer, um die Bonitäts-Anforderungen der Banken, Basel Zwo. Trockenes Zeug. Steinbrück, der Volkswirt, beherrscht das. Aber etwas anderes liegt ihm am Herzen. Er nähert sich dem Thema langsam, mit seinem Standard-Aufwärm-Spruch. Nein, sagt er, er glaube nicht, dass die Verteilung von Schlaumeiern und Deppen in der SPD anders sei als die Verteilung von Schlaumeiern und Deppen in der Bevölkerung. Gute und Schlechte, soll das heißen gibt es überall, bei den Bürgern, bei der Union, und bei uns. Auch im Vergleich mit der Union dürfe die SPD nicht immer so tun, als habe sie die Weisheit gepachtet, sagt er. Der Bürger habe diese Rechthaberei satt, der wolle Lösungen. Und dann sagt er diesen entscheidenden Satz, dann skizziert er das Prinzip, das ab nächster Woche prägend sein könnte für dieses Land. "Ich glaube, dass in zentralen Fragen die beiden großen Parteien in Deutschland aufgefordert sind, nach gemeinsamen Lösungen zu suchen." Steinbrück skizziert, ohne es so zu nennen, das Programm einer großen Koalition. Altersvorsorge, Pflegeversicherung, Föderalismus, Vereinfachung des Steuersystems. Überall da sieht er Handlungsbedarf - und wohl auch Schnittmengen zwischen SPD und Union. Letzteres sagt er nicht. Nur die Hoffnung auf niedrigere Steuern, wettert er, das sei ein Irrglaube. Da mache die Union den Bürgern etwas vor.

Gute Erfahrung mit Koch

Es ist klar. Steinbrück kann sich das schon vorstellen, das mit der Union. Mit Roland Koch, dem Hessen, hat er einmal eine gemeinsame Liste zur Streichung von Subventionen erarbeitet. Das sei eine seiner guten Erfahrungen mit den anderen gewesen, sagt er. Das Scheitern der Föderalismus-Reform war eine schlechte. Von Rot-Grün hat Steinbrück ohnehin schon lange genug. Er war einer der ersten, die in Nordrhein-Westfalen eigentlich raus wollten aus diesem Bund. Er liebäugelte mit der FDP, konnte aber nicht zu den Liberalen kommen, weil die Bundes-Genossen dem einen Riegel vorschoben. Was wäre das für ein Signal für Berlin gewesen? Es gibt viele, die unken, die SPD werde in einer großen Koalition zerrieben werden, es werde ihr aus dem Korsett einer schwarz-roten Regierung heraus nicht gelingen, die Enttäuschten wieder einzufangen, die Hartz-IV-Gegner. Lafontaine und Gysi, so die Befürchtung, würden die Sozialdemokraten im Bundestag genüsslich vor sich hertreiben können. Steinbrück dagegen gilt als Anhänger jener Theorie, die besagt, dass die Regierungsbeteiligung die Genossen disziplinieren werde, dass die SPD sich trotz der Fesselung an die Schwarzen profilieren könne. Auch am Ende der ersten großen Koalition Ende der 60er Jahre stand schließlich wieder ein sozialdemokratischer Kanzler.

Die fehlende Herzenswärme

Was soll die SPD also tun? Die Frage nach der großen Koalition ist nicht die einzige Zerreißprobe, vor der sie steht. Die Probleme sind grundsätzlicher. Soll sie den Reformkurs Schröders fortsetzen - oder soll sie die Schröder-Schilder abschrauben, das Erbe des Reformkanzlers schnell entsorgen, einen Kurswechsel einläuten, wieder nach links zurückdriften? Steinbrück jedenfalls steht für die Fortsetzung des Reform-Kurses, auch wenn er glaubt, dass man die Partei stärker einbinden, sie mehr mitnehmen muss. Mit Hartz IV, mit den Reformen, habe man der SPD sehr viel zugemutet, sagt Steinbrück bei der letzten Veranstaltung an diesem Tag in einem Brühler Hotel. Er habe das richtig gefunden, sagt er. Nur an Herzenswärme habe man es vermissen lassen. Man habe die sozialdemokratische Seele zu wenig gestreichelt, zu wenig klar gemacht, dass die Reformen notwendig seien, um den Sozialstaat zu erhalten, dass sie nicht dazu gedacht seien, ihn auszuhöhlen. Die Zuhörer - siebzig, achtzig sind es an diesem Abend - glauben ihm das. Sie bejubeln ihn.

Etwas später, als Steinbrück in der Hotelbar zur Ruhe kommt, legt er den entspannten Wahlkämpfer ab, sinniert bei Weißwein und Zigarillo über die strategischen Aussichten der SPD. Man kann spüren, dass ihn das Schicksal der SPD umtreibt. Es bewegt ihn, was mit dieser Partei geschieht, mit den Errungenschaften Gerhard Schröders, die schon bald dessen Erbe sein dürften. Steinbrück will das nicht zurückdrehen, er will diese sieben Jahre nicht im Nachhinein schlecht reden. Fast schon mit Bewunderung spricht er von Schröders politischem Instinkt, dessen Einsatz im Wahlkampf. Dass er es ist, der von Schröders Abschiedsgeschenk an die Partei - der Regierungsbeteiligung in einer großen Koalition - profitieren könnte, darüber schweigt er. Dazu will er nichts sagen. Das gebietet schon der politische Stil. Steinbrücks ganz persönliche Wahlfreiheit, von der er so gerne spricht, diese Ausstiegs-Option, erscheint in diesem Lichte dennoch mehr denn je als Fiktion.

Wahlabend in Berlin

Am Sonntagabend, jedenfalls, da wird Peer Steinbrück in Berlin sein. Im Willy-Brandt-Haus, in der Hauptstadt. Und für die kommende Woche hat er noch keine Termine ausgemacht, keinen Urlaub gebucht. Da wird er erreichbar sein, verfügbar. Auf jeden Fall für die SPD. Für Müntefering. Für Schröder. Und vielleicht auch für Merkel.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker