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Presseschau: "Pegida ist kopflos"

Von einem Tag auf den anderen steht Pegida ohne Führung da. Nach Gründer Lutz Bachmann hat nun auch seine Nachfolgerin Kathrin Oertel hingeschmissen. Die Reaktionen in der Presse sind gemischt.

Die montägliche Kundgebung der "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" in Dresden ist für die kommende Woche abgesagt

Die montägliche Kundgebung der "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" in Dresden ist für die kommende Woche abgesagt

Pegida in der Krise: Erst wirft Gründer Lutz Bachmann das Handtuch, nun auch seine Nachfolgerin Kathrin Oertel. Die Anti-Islam-Bewegung steht nun "im Sinn des Wortes, kopflos" da. Doch von der Presse gibt es nicht nur Häme und Kritik. Sie macht auch klar: "Die Bewegung geht weiter - tagtäglich in den allerkleinsten Alltagsszenen."

Mannheimer Morgen

"Die Hoffnung, das Chaos an der Spitze könne Pegida empfindlich schwächen, dürfte leider trügerisch sein. Schon ohne bekannte Köpfe (selbst über Bachmann wurde hauptsächlich wegen seiner Vorstrafen berichtet) brachte die Bewegung Zigtausende auf die Straße. Die Dresdner Demonstrationen sind nun ein Selbstläufer, die Organisatoren austauschbar. Die Führungsquerelen sagen indes einiges über Pegida aus. Auch wenn Fremdenfeindlichkeit sowie die Verachtung von Politik und Presse zentrale Motive sind, scheint die Bewegung heterogener als vielfach gedacht. Manche finden wohl nichts dabei, wenn Bachmann mit Hitlerbärtchen posiert und Asylbewerber "Viehzeug" nennt. Andere zum Glück schon."

Südwest Presse (Ulm)

"Den Führungsleuten um Kathrin Oertel wurden zwei Faktoren zum Verhängnis: Sie wurden in sozialen Netzwerken und im Alltag mit einer Gegnerschaft konfrontiert, die sie mit ihrem maßlosen Anspruch "WIR sind das Volk" selbst schürten. Die gegenüber Migranten formulierte Ausgrenzung schlug auf die Organisatoren zurück. Zudem war dem Team wohl selbst nicht mehr klar, wofür die Bewegung noch steht. Unter dem Mantel von Pegida und ihren Ablegern sammelte sich vieles - vor allem rechte Gesinnung. Diese wird nach dem Rückzug der Pegida-Spitze nicht verschwinden. Die Montagsdemonstranten haben sie spruchfähig gemacht - und die bereits nachweisbar gestiegene Gewalt gegenüber Flüchtlingen und Fremden befördert."

Badische Zeitung (Freiburg)

"Demokratie ist Ringen um Mehrheiten. Wem etwas nicht passt, wer Sorgen hat, der soll sich einmischen, Mitstreiter finden, im Ortsbeirat oder Rathaus, beim Landtags- oder Bundestagsabgeordneten sagen, was ihn stört. Pegida kann das alles nicht. Pegida hört nicht zu, lässt keine anderen Meinungen gelten. Pegida ist eine Sackgasse, ein Schmollwinkel."

Wolfsburger Nachrichten

"Dumpf zu proklamieren, wogegen man ist, fällt stets leichter, als ernsthaft in den politischen Dialog einzutreten - und vielleicht dann zu merken, dass Schlagwörter und Parolen die Realität nicht abbilden. Es ist zu vermuten, dass wachsender Erfolg und wachsende Wahrnehmung die heterogenen Strömungen innerhalb der Führungsspitze offengelegt haben. Politikwissenschaftler wie Hajo Funke sind überzeugt, dass diese Widersprüche Pegida zu einer Fußnote in der deutschen Geschichte des 21. Jahrhunderts werden lassen. Seit gestern spricht noch mehr dafür."

Nordwest-Zeitung (Oldenburg)

"Pegida wurde letztlich zum Opfer des eigenen Erfolgs. Der beachtliche Zulauf lockte auch kritische Beobachter an und animierte engagierte Bürger zu Gegendemonstrationen in zahlreichen Städten. Dass die Organisatoren, allen voran der vorbestrafte Demagoge Lutz Bachmann, nicht allzu lange im Trüben fischen konnten, verdanken sie ausgerechnet den Medien, die sie als "Lügenpresse" zu verunglimpfen suchten. Es waren Journalisten, die Bachmann demaskierten und seine üblen Beschimpfungen von Ausländern veröffentlichten. Sein Rücktritt vom Rücktritt löste die internen Machtkämpfe aus und führte jetzt zum Exodus der Leitfiguren. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Bewegung davon wieder erholt."

Thüringische Landeszeitung (Weimar)

"Und nun? Die parteipolitisch erfahrenen Köpfe sind weg. Wer rückt nach? Rechtsextreme Hardliner, die Füße scharrend in Stellung stehen? Wohin die Bewegung auch geht - vielleicht löst sie sich auch auf - das, was die Menschen auf die Straße trieb, wird bleiben. Die systemkritische Haltung und Islamfeindlichkeit waren immer da - und kamen jetzt ans Tageslicht. Danke dafür, denn jetzt wird gesprochen. "Pegida" ist nicht vorbei, nur weil die nächste Demo in Dresden am Montag abgesagt wurde. Die Bewegung geht weiter - tagtäglich in den allerkleinsten Alltagsszenen. Dessen müssen wir uns bewusst sein."

Neue Osnabrücker Zeitung

"Hat der Pegida-Spuk jetzt ein Ende? Nein. Beim Versuch, erste vorsichtige Schritte in Richtung Professionalität und Seriosität zu gehen, sind die Verantwortlichen gestolpert. Die Führungsriege der Dresdner Demonstranten mag sich zerfleischen und mit Kathrin Oertel ein weiteres prominentes Gesicht der Bewegung verlieren. Auch dass der aufgrund seiner ausländerfeindlichen Äußerungen zurückgetretene Initiator Lutz Bachmann immer noch eine Rolle in der Leitung spielt, erschüttert zweifellos die Glaubwürdigkeit des Vereins. Das sind harte Rückschläge für die in kürzester Zeit so stark gewachsene Bewegung. Bachmann, Oertel, René Jahn und die anderen Organisatoren der Kundgebungen sind und waren nur die Katalysatoren, nicht die Verursacher eines gesamtgesellschaftlichen Problems."

Stuttgarter Nachrichten

"War's das mit Pegida? In Köln ist die Kundgebung gestern abgesagt worden. Und auch der Dresdner Aufmarsch am kommenden Montag fällt ins Wasser. Für die bundesweit ohnehin dürftige Mobilisierung dürfte das Signalwirkung haben. Möglich, dass nur ein radikaler Kern übrig bleibt, mit dem sich die Mitläufer dann doch nicht identifizieren wollen. Der Schriftsteller Martin Walser glaubt, dass sich in ein, zwei Jahren niemand mehr an das komische Wort erinnern wird. Es könnte schneller gehen. Auch wenn der Zorn vieler Bürger nicht verraucht ist."

Süddeutsche Zeitung" (München)

"Pegida ist, im Sinn des Wortes, kopflos. Viele der "besorgten, ganz normalen Menschen", von Politikern jüngst mit Dialogangeboten verwöhnt, werden sich abwenden, erschreckt von den inneren Querelen. Übrig bleiben jene, die ihren Hass und ihre Fremdenfeindlichkeit ohnehin seit Jahren auf die Straße tragen."

stb/DPA / DPA