Perspektiv-Kongress CDU kuschelt mit den Ostdeutschen


Die CDU hat ein Problem: Sie muss allein schon deswegen offen gegen die SED-Diktatur agitieren, weil ihr sonst die Wähler im Westen weglaufen. Im Osten jedoch muss sie die Zwischentöne treffen, um die Menschen nicht zu verprellen. Das klingt dann manchmal fast nach Ostalgie.
Von Sebastian Christ, Dresden

Vor fast genau fünf Jahren brachte Katarina Witt einige ostdeutsche CDU-Politiker zum Schwitzen. Aus Zorn. Es ging um eine Fernsehsendung: Witt moderierte die "DDR-Show" auf RTL im blauen FDJ-Hemd und sagte, dass es "da eben auch sehr schöne Zeiten" in der DDR gegeben habe. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Günter Nooke zürnte, es sei im Vergleich schwer vorstellbar, "dass im Fernsehen eine Alltagsshow über das Dritte Reich in HJ-Uniform ausgestrahlt wird".

Was die CDU-Position zur Aufarbeitung der Geschichte angeht, hat sich seitdem kaum etwas verändert. Anders sieht es beim Umgang mit der privaten Vergangenheit vieler DDR-Bürger aus. Nicht, dass bei der Union die Ostalgie ausgebrochen wäre. Aber es klingt schon sehr verständnisvoll, was Angela Merkel am Freitagnachmittag auf dem "Perspektivkongress" der CDU zu sagen hat. "Viele im Westen haben nur das System gekannt, und haben nicht gewusst, dass dort auch Geburtstage gefeiert oder in den Urlaub gefahren wurde, und dass sich die Geschwister gezankt haben."

Noten für die Blockflöten

Terminlich liegt der Kongress zwischen den Jubiläen: Eine Woche nach dem Tag der Deutschen Einheit, vier Wochen vor dem Jahrestag des Mauerfalls. Fest steht, dass von diesem Kongress ein Zeichen ausgehen sollte: Die CDU nimmt Ostdeutschland ernst. Fragt sich nur, warum sich die Union genötigt sieht, dieses Signal auszusenden.

Harald Krause aus Chemnitz hört den Redebeiträgen kritisch zu. Einmal mischt er sich auch ein, wird aber mit seinen Einwänden abgebügelt. Er ist Mitglied im sächsischen Landesvorstand der Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft (CDA) und CDU-Mitglied. "Das ist doch nur Brot fürs Volk", sagt er. "Immer wenn die Parteien merken, dass etwas nicht stimmt, veranstalten sie solche Kongresse." Und dann zeigt er auf dem Publikumsbereich: "Das ist für die Blockflöten da". Er meint die Mitglieder der CDU, die schon zu DDR-Zeiten in der damaligen "Blockpartei" aktiv waren.

Ein CDU-Problem: das Bürgertum

Ob die CDU in ganz Deutschland mehrheitsfähig bleiben kann, entscheidet sich im Osten. Bei der nächsten Bundestagswahl kommt es für die Union darauf an, den Rang als stärkste Partei nicht an die Linke zu verlieren. Und die SED-Nachnachfolgepartei sitzt der CDU in einigen Ländern hart im Nacken, zum Beispiel in Thüringen. Es ist nicht zuletzt ein Substanzproblem, dass die Union in den fünf neuen Bundesländern hat. Nationalsozialismus und rote Diktatur ließen nicht viel übrig vom Bürgertum zwischen Ostsee und Riesengebirge. "Die Querdenker und die Widerständler sind zum großen Teil schon zu DDR-Zeiten abgehauen", sagt Harald Krause. "Das Bürgertum ist ein Riesenproblem für die CDU im Osten, weil es fast nichts mehr davon gibt."

Clever agierende Linkspartei

Zudem hat es die PDS - respektive die Linke - jahrelang sehr gut verstanden, das Lebensgefühl von sehr vielen Ostdeutschen aufzufangen. Sie bot eine Mischung aus Interessenvertretung und verletztem Gerechtigkeitsgefühl - was besonders bei den Wendeverlierern verfing. Die CDU redete dagegen lange Zeit von der Bedeutung des Leistungsgedankens. Auch in Dresden sitzen viele Unternehmer im Publikum. Bei denen kommt so etwas natürlich an. Vielleicht startet die CDU gerade deswegen jetzt ihre ostdeutsche Charmeoffensive. Nachdem die Union vor drei Jahren eine Ostdeutsche aus ihren Reihen zur Kanzlerin gewählt hat, möchte sie endlich in der Alltagsrealität der Thüringer, Sachsen und Brandenburger ankommen. Deswegen sagt auch Generalsekretär Ronald Pofalla Sätze wie: "Wir wollen mehr Respekt für die Lebensleistung der Ostdeutschen. Egal, ob vor oder nach dem Fall der Mauer."

Blühende Landschaften, Teil II

Albert Pfeilsticker kommt ursprünglich aus Baden-Württemberg, lebt aber seit mehr als zehn Jahren in Sachsen. Der CDU-Politiker kann den Worten von Pofalla und Merkel viel Positives abgewinnen. "Man muss schon sehen, dass die Menschen ihr persönliches Umfeld hatten. Zum Teil haben sie eben im Privaten nur einen Rückzugsraum gesucht. Das muss man als Außenstehender schon so annehmen. Nicht alle haben damals nur Unglück empfunden."

Neben der emotionalen Nähe zum Osten entdeckt die CDU auch den Ehrgeiz. In zehn Jahren, so formulierten Pofalla und Merkel, sollen die fünf jüngeren Bundesländer eine der "wettbewerbsfähigsten und innovativsten Regionen im Herzen Europas" werden. Da klingen ein wenig die "blühenden Landschaften" nach, es zeigt aber vor allem eines: Die Union hat den Osten als Schlachtfeld für den Wahlkampf entdeckt.


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