Platzecks Rücktritt Der Abschied des Heilsbringers


Er hat sich nicht geschont. Er hat gekämpft. Aber es war zu viel, er hat es einfach nicht mehr gepackt. Dann ist Matthias Platzeck als SPD-Chef zurückgetreten. Das Willy-Brandt-Haus stand unter Schock.
Von Andreas Hoidn-Borchers und Jan Rosenkranz

Am Schluss, nachdem er etwa zehn Minuten geredet hatte, und die Mitarbeiter im Willy-Brandt-Haus, die sich unter die Journalisten gemischt hatten, anfingen zu klatschen, am Schluss, da musste Matthias Platzeck die linke Hand ganz fest aufs Pult legen, die rechte obendrauf, um ein Zittern zu verbergen. Und in seinen Augenwinkeln schimmerte es verdächtig.

"Es war die mit Sicherheit schwierigste Entscheidung meines bisherigen Lebens", hatte Platzeck zu Beginn seiner Abschiedsvorstellung gesagt. Blass sah er aus und niedergeschlagen auch, ein paar Kilo leichter als am Anfang seiner kurzen Karriere als SPD-Vorsitzender. Er sah aus wie einer, der sich vorgenommen hatte, auf einen Achttausender zu steigen und schon am Basislager umkehren musste. Platzecks Ärzte hatten ihm "dringend geraten", den Vorsitz niederzulegen.

Kreislaufkollaps im Februar

Sie hatten es bis zuletzt geheim gehalten. Bis Montagmorgen, 9 Uhr. Dann erst sickerte die Nachricht allmählich durch: Matthias Platzeck tritt als SPD-Vorsitzender zurück, nach nur fünf Monaten im Amt. Kürzer hatte sich noch kein Sozialdemokrat an der Parteispitze gehalten. Halten dürfen.

Platzeck selbst schilderte in eindrucksvoller Offenheit, wie ihm der Stress seit seiner Wahl auf dem Parteitag in Karlsruhe zugesetzt hatte. Schon zum Jahreswechsel hatte er einen leichten Hörsturz erlitten, den er aber "nicht ernst genommen" habe. Mitte Februar, kurz nach seinem Antrittsbesuch bei Labour-Führer Tony Blair, klappte er zusammen. Was offiziell als Grippe verharmlost wurde, war in Wirklichkeit ein Kreislauf- und Nervenzusammenbruch. Acht Tage brauchte Platzeck, "bis alles wieder richtig tickte." Die Mahnungen der Ärzte, es ruhiger angehen zu lassen, schlug er abermals in den Wind. Selbst seinen ersten Stellvertreter Kurt Beck ließ er im Glauben, er leide nur an einem Infekt.

Ist Platzeck nicht viel zu weich?

Platzeck sagte das nicht, aber für seine Entscheidung wird auch etwas anderes eine große Rolle gespielt haben: Seit Wochen stand er unter gewaltigem öffentlichen Druck. Die drängenden Fragen wurden immer lauter: Wo ist Platzeck eigentlich? Was macht der überhaupt? Will er überhaupt führen? Und wenn Ja, wohin? Ist er nicht doch viel zu weich für diese Aufgabe? Hinzu kamen das Umfragedauertief, in dem die SPD bundesweit feststeckte, und die miesen Aussichten für die Landtagswahlen im März.

Also schmiss sich Platzeck, statt sich zu schonen, in den Kampf. Hetzte von Potsdam nach Berlin und zurück, teilweise mehrmals am Tag. Erhöhte die Zahl seiner Wahlkampfauftritte. Versuchte sich nebenbei zum Gesundheitsfachmann fortzubilden, um bei den Koalitionsverhandlungen vernünftig mitreden zu können.

Dazu allerdings kam es gar nicht mehr. Kurz vor der ersten Sechser-Runde kollabierte Platzeck erneut. Statt ins Kanzleramt ließ er sich ins Krankenhaus fahren. Diesmal wurde die Öffentlichkeit auch nur bedingt getäuscht: Dass der SPD-Chef einen Hörsturz erlitten hatte, gab man zu. Wie übel es tatsächlich um den Mann stand, der quasi nebenbei noch das Land Brandenburg regiert, verschwieg man bis zuletzt. Noch am Wochenende hieß es, Platzeck werde am Montag wieder an Bord sein.

"Ich habe meine Kräfte überschätzt"

Dabei hatte Platzeck schon eine knappe Woche zuvor mit Kurt Beck darüber gesprochen, den Parteivorsitz an ihn abzugeben. Auch Vizekanzler Franz Müntefering, bis zu seinem plötzlichen Rücktritt am 31. Oktober vorigen Jahres selbst noch Parteichef, redete mit. Am Wochenende vor seiner Pressekonferent schließlich traf Platzeck für sich die Entscheidung: Es geht nicht. Ich will mich nicht kaputtmachen. "Ich habe meine Kräfte im November überschätzt", sagt er sichtlich bewegt im Willy-Brandt-Haus. "Ich gehöre zu den Menschen, die etwas ganz oder gar nicht machen." Und nun musste er auch gegenüber sich selber zugeben: "Es hat keinen Sinn, hier gegen die Wand zu laufen."

Bis auf ganz wenige Eingeweihte wurde die komplette SPD-Führung von Platzecks Rücktritt überrascht. Selbst Landesvorsitzende erfuhren erst am Montagmorgen der Pressekonferenz von dem Schritt, den Platzeck am Sonntagabend mit seinen Stellvertretern besprochen hatte. Am Montagmorgen war dann wie üblich das Präsidium zusammengetreten, der engste Führungszirkel der Partei, um einstimmig zu beschließen, dass Kurt Beck die Geschäfte bis zu seiner offiziellen Wahl kommissarisch übernimmt.

Kurt, der Wahlgewinner. Beck, der Alleinherrscher von Mainz. Jetzt soll er es machen, der noch im November Platzeck den Vortritt lassen musste. 146 Tage war das gerade her. Jetzt bittet Platzeck die SPD-Mitglieder "sich eng um Kurt Beck zu scharen."

Der stand nach der Sitzung neben Platzeck auf der Bühne, gleich neben der großen Statue von Willy Brandt. Er sprach von einem "Tag der Betroffenheit" und davon, dass er mit Platzeck "sehr gut und immer mehr freundschaftlich" zusammengearbeitet habe. Platzeck habe einen "neuen, guten Stil" und die Idee der Teamarbeit in der SPD-Führung etabliert. Dies wolle er fortführen. Und inhaltlich an die von Platzeck vorgegebene Grundlinie anknüpfen. Das war die endgültig endgültige Absage an alte Basta-Zeiten. Auch die Unterstützung der Arbeit in der Großen Koalition hat er nicht vergessen. Es geht weiter. Immer voran. Ohne Bruch, ohne zu viel Aufregung. Nichts als Kontinuität, nur der Chef hat gewechselt.

"Es kommt eine schwere Zeit auf uns zu"

Der Neue trägt sogar denselben Bart wie der Alte. Er ist wie Platzeck, ein "Typ zum Anfassen", sagte Jens Bullerjahn, der die SPD zwei Wochen zuvor in Sachsen-Anhalt zumindest als Juniorpartner wieder an die Regierung gebracht hat. Beck wollte ihn als neuen Parteivizechef haben, auch damit "die Präsenz von Genossinnen und Genossen aus dem Osten des Landes sicher gestellt bleibt." Sonst sollte alles bleiben wie bisher.

Hubertus Heil, der die ganze Zeit neben einer Säule im Foyer stand, blass, müde, mitgenommen, er sollte Generalsekretär bleiben. Und Martin Gorholt sollte weiter als Bundesgeschäftsführer dienen.

Doch es geht nicht einfach weiter, als wäre nichts passiert. Kein Rücktritt eines Vorsitzenden lässt eine Partei ungerührt. "Es kommt eine schwere Zeit auf uns zu", sagte Fraktionschef Peter Struck. "Ich glaube schon, dass die Partei verstört sein wird." Er habe dennoch volles Verständnis für Platzecks Entscheidung. "Ich kann das absolut nachvollziehen", sagte Struck. Er hatte als Verteidigungsminister selbst einen Schlaganfall erlitten. Seitdem ist klar, dass es nichts Wichtigeres gebe als Gesundheit.

"Was muten wir uns eigentlich zu?"

Selbst die sonst so streitlustige Andrea Nahles gab sich sehr nachdenklich. Man habe im Präsidium auch offen darüber gesprochen, "was muten wir uns eigentlich zu", sagte sie in die vielen Kameras, die sich vor der SPD-Parteizentrale aufgebaut hatten. Auch sie hatte vollstes Verständnis für Platzecks Entscheidung: "Er ist ein Mensch, er wird krank, das muss man respektieren."

Am Mittag trat dann auch die Kanzlerin vor die Presse. Schon am Morgen hatte Platzeck sie angerufen. Sie habe seinen Schritt "nicht nur mit Respekt, sondern auch mit Bedauern zur Kenntnis genommen", sagte Angela Merkel. Sie habe gerne mit Platzeck zusammengearbeitet. Sie werde das auch mit Kurt Beck tun. Sie sprach mit leiser Stimme, irgendwie gedrückt. Sie ist wieder allein an der Spitze. Sie hat Kurt Beck angerufen - bevor der sich melden konnte.

Dann war Schluss. Es war alles gesagt. Gerade zwei Fragen fielen den Journalisten noch ein, und selbst die hatten die beiden auf der Bühne eigentlich schon beantwortet. Ja, sagte Platzeck, er werde weiter Ministerpräsident von Brandenburg bleiben. Ja, sagt Beck, die Entfernung zwischen Mainz und Berlin stelle eine zusätzliche Herausforderung dar. Dann stiegen sie von der Bühne und gingen Arm und Arm in Richtung Ausgang. Heiko Maas, der junge Chef der saarländischen SPD, blieb leicht verstört zurück. Er hatte die ganze Zeit zugehört. Auch er sah nachdenklich aus. "Mein Sohn ist jetzt vier Jahre alt", sagte er, "und er hat schon drei SPD-Vorsitzende erlebt."

Kurt Beck hat Maas dabei noch gar nicht mitgezählt.


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