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Pressestimmen

CDU-Parteitag: "Friede, Freude, neuer Schwung ... Nix da": Die Presse zum "Parteitagskater" nach der AKK-Wahl

Die Wahl von Annegret Kramp-Karrenbauer zur neuen CDU-Vorsitzenden beschäftigt Medien nach wie vor. Nach dem CDU-Parteitag werfen viele Kommentatoren die Frage auf: Kann sie auch das konservative Lager abholen? 

"Friede, Freude, neuer Schwung ... Nix da": Die Presse zum CDU-"Parteitagskater" nach der AKK-Wahl

Annegret Kramp-Karrenbauer wurde auf dem 31. CDU-Parteitag zur neuen Parteivorsitzenden gewählt

AFP

Annegret Kramp-Karrenbauer ist die neue Vorsitzende der CDU - und hat jede Menge zu tun, wie Kommentatoren urteilen. Nach 18 Jahren mit Angela Merkel an der Spitze der Christdemokraten wünschen sich viele Mitglieder einen konservativen Aufbruch, einen Umschwung. Doch: "Man wird ihr als Vorsitzende von Merkels Gnaden skeptisch begegnen", schreibt etwa die "Rhein-Zeitung". Darüber hinaus müsse sie eine "Unzufriedenheit des Bürgertums" überwinden, meint die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Ohne Mandat für den Bundestag und Regierungsamt. Die Pressestimmen zur Wahl von Annegret Kramp-Karrenbauer zur CDU-Vorsitzenden und ihre größten Herausforderungen.

Die Pressestimmen nach dem CDU-"Parteitagskater"

"Rhein-Zeitung" (Koblenz): "AKK hat ein zentrales Problem, das sich weniger auf der sachlichen, denn emotionalen und strategischen Ebene bewegt: Was auch immer sie an konservativen Projekten vorantreibt, man wird ihr als Vorsitzende von Merkels Gnaden skeptisch begegnen. Selbst wenn AKK die Kanzlerin dazu bringen sollte, konservativere Haltungen einzunehmen, wird dies entweder die SPD nicht zulassen, oder viele werden diese Politik Merkel zuschreiben - was AKK nicht helfen wird. Es scheint, dass die CDU in ein ähnliches Dilemma wie die SPD geraten ist. Die einen wollen sich in einer ungeliebten Koalition reformieren, die anderen von der Kanzlerin emanzipieren, die weiter als starke Frau regieren wird. Die Wahlen im nächsten Jahr werden zeigen, ob AKK diese Aufgabe besser als die SPD lösen kann - oder ob Merkel vorzeitig abtreten muss."

"Dithmarscher Landeszeitung" (Heide): "Wie aus dem Lehrbuch der Demokratie klingt es, wenn AKK die Regierungsarbeit der stärksten Partei 'künftig' in einem Dreieck aus Regierung, Regierungsfraktion und Regierungspartei sieht. Diese Rollenverteilung gab es bisher eben nicht. Das erklärt, warum Kramp-Karrenbauer extra betont, sich vor Koalitionsausschüssen künftig mit Merkel und der Fraktion abzustimmen: Als Generalsekretärin hatte sie sich offenbar nur als Zuarbeiterin für ihre Parteichefin verstanden. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Merkel an ihre eigenen Anfänge im Demokratischen Aufbruch in der End-DDR erinnerte. Denn erst ihr Rückzug vom Parteivorsitz ermöglicht der CDU jetzt Wende und Aufbruch."

"Westfälische Nachrichten" (Münster): "Friede, Freude, neuer Schwung... Nix da. Die CDU, wochenlang vom lebhaften Kandidatenrennen um den Parteivorsitz geradezu elektrisiert, hat das Bad im Jungbrunnen vorerst wieder beendet. Die Suche nach Schuldigen für das verhinderte Merz-Comeback, das Mager-Ergebnis für den neuen Generalsekretär Ziemiak, die Enttäuschung bei all jenen, die nach Merkels Rücktritt vom Parteiamt eine erkennbare Kurskorrektur ersehnten, stehen für einen Parteitagskater."

"Die Welt" (Berlin): "Es geht hier nicht um Verklärung. Merz wirkte oft genug alt, blass und fahrig, aber er hat die richtigen Dinge wieder angesprochen. Der ängstliche Bürger will den starken Staat oder den starken Mann. Der zuversichtliche Bürger will einen Staat, der ihn in Ruhe lässt. An diese Bürger hat Merz in einer Partei erinnert, auch wenn deren Machtkohorten diese Freiheitssehnsucht ignorieren. Das ist eigentlich die kulturelle Katastrophe dieses Scheiterns von Friedrich Merz. Er wird als Mann von Gestern verspottet, so als wären Neoliberalismus und Freiheitsernst Moden gewesen. "

"Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung": "Ohne Mandat im Bundestag und ohne Amt in der Bundesregierung hat die neue Parteichefin dabei eine einzigartige Freiheit, die es ihr erlaubt, unabhängig ihren eigenen Weg zu gehen. Die Partei tritt aus dem Schatten der Regierung heraus, muss nicht mehr im Nachhinein absegnen, was im Kanzleramt beschlossen wurde, sondern kann an ihrer Programmatik arbeiten. Diese Freiheit gilt es zu nutzen, zumal mit der Europawahl im Mai und den drei Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg im Herbst rasch die ersten Härtetests anstehen."

"Süddeutsche Zeitung" (München): "Doch der Übergang in die Nach-Merkel-Zeit hat erst angefangen. Sein Ende wäre perfekt, wenn das Kanzleramt in den Händen der Union bliebe - jedenfalls aus Sicht von CDU und CSU. Merkels Ehrgeiz, auch das mit Kramp-Karrenbauer hinzukriegen, dürfte groß sein. Daran ändert nichts, dass AKK sich nun hier und da von der Kanzlerin absetzt. Das ist eingepreist. Für AKK wiederum wäre es aussichtsreicher, den nächsten Wahlkampf schon im Amt zu führen. Doch ist es für die Kanzlerin bedeutend schwerer, die Macht im Staate loszuwerden als die Macht in der Partei."

"Reutlinger General-Anzeiger": "AKK forderte einen starken Staat, der klare Kante zeigt gegen kriminelle Clans und autonome Chaoten. Das hört der konservativere Teil der CDU natürlich gerne, aber er wird es seiner neuen Chefin erst abnehmen, wenn sie den kämpferischen Worten entsprechende Taten folgen lässt. Und wenn sie wieder überzeugende Wahlsiege einfährt. Sollte sie das nicht schaffen, werden sich die Merz-Anhänger wieder zu Wort melden. Merz wird dann für AKK zwar nicht mehr zur Gefahr werden. Er wird genauso schnell wieder verschwinden, wie er aufgetaucht ist. Aber dafür wird Jens Spahn dann bereitstehen. Der vielleicht auf dem Parteitag die größte Überraschung war und eine überzeugende Vorstellung geboten hat."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Kann Annegret Kramp-Karrenbauer Kanzlerin? (...) Die Barrikaden der deutschen Innenpolitik brennen zwar nicht wie die in Paris und beherrschen die Köpfe nicht so unversöhnlich wie im Brexit-Britannien. Aber es gibt sie. Die Unzufriedenheit eines Bürgertums, das von den Segnungen der Globalisierung, inklusive Migration, hört, aber nicht viel spürt, sondern Entgrenzung erfährt, durchzieht auch das deutsche Parteienspektrum und die eigene Partei, die Union. Kann Kramp-Karrenbauer diese Herausforderung in der CDU bewältigen, wird sie auch die Frage positiv beantworten, ob sie Kanzlerin kann. Wer dann noch Sicherheit und Wohlstand Deutschlands wahrt und mehrt, der wird zum Staatsmann - oder eben zur Staatsfrau. Und vielleicht wieder 'unentbehrlich'."

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fs / DPA / AFP