Presseschau "Das ist Disney pur"


Mehr als 200.000 Zuschauer wollten die Rede von Obama Barack in Berlin hören, das Publikum vor der Siegessäule war begeistert vom designierten demokratischen US-Präsidentschaftskandidaten. In den Tagszeitungen in Europa und in den USA wurde sein Auftritt allerdings unterschiedlich aufgenommen - wie die stern.de-Presseschau zeigt.

Das US-amerikanische "Wall Street Journal":

"Es ist schwer, nicht bewegt zu sein von dem Anblick: Während der Rede werden Hunderte von amerikanischen Flaggen geschwenkt - und nicht verbrannt. Als ein hoher amerikanischer Politiker zum letzten Mal eine Rede unter freiem Himmel in Berlin gehalten hat, waren 10.000 Polizisten nötig, die mit Tränengas und Wasserwerfern gewalttätige Demonstranten in Schach halten mussten. Das war im Juni 1987, der Redner war Ronald Reagan und seine Botschaft war: "Mr. Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer ein." (…) Zwei Jahre später fiel die Berliner Mauer. Reagans Rede ist ein Lehrstück dafür, wie groß der Unterschied ist zwischen einer populären Figur und einem Staatsmann. Wenn man Obama in Berlin und auf seiner Auslandstour beobachtet hat, wird klar, welchen Weg der designierte Kandidat der Demokraten noch zurücklegen muss, damit die Leute ihm abnehmen, dass er auch ein fähiger Staatsmann ist - Leute, die im November dann auch wirklich wählen gehen."

Die US-amerikanische "New York Times":

"In Berlin war es wie so oft: Er sprach vor einem riesigen Pulk (und einer überraschend großen Zahl von Yankee-Hüten) und schwor, dass er helfen werde "die Welt zu erneuern". Er bot seinen Zuhörern Hoffnung darauf an, dass der von Geschichte getränkter europäische Kontinent "frei von den Schatten von gestern sein eigenes Morgen wählen kann". Er zeichnete "einen neuen Beginn im Nahen Osten". Aber es ist bei ihm schon Gewohnheit, den Rock-Konzert-Massen eine solch zuckersüße Show zu bieten. Und in Berlin hat er seinen Höhepunkt überschritten. Seine Worte sind von der Wirklichkeit abgekommen. Obama hat von einer Woche der guten Bilder profitiert. Aber mit Optimismus ohne Realitätsbezug erzeugt man keine Wortgewalt. Das ist Disney pur."

Die US-amerikanische "Washington Post":

"Es schien, als ob sich das Schicksal auf die Seite von Barack Obama geschlagen hat, um ihm den Fototermin im Ausland zu schenken, den ein Wahlkampfmanager normalerweise nur in seinen wildesten Träumen sieht. Das feuchte, graue Berlin wirkte lebendig mit viel Sonnenschein…Seine gefeierte Begrüßung in Berlin war vor allem der Tatsache geschuldet, dass er die Wiederherstellung eines positiven Amerikabildes in der Welt zu einem der wichtigsten Themen seines Wahlkampfs machte. Obama hat dazu beigetragen, dass er nun eine Glücksträhne genießt."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung":

"So lässt sich auch ein Teil der Begeisterung interpretieren, mit der Senator Barack Obama - man muss kurz in Erinnerung rufen, dass er noch nicht einmal offiziell als Präsidentschaftskandidat der Demokraten nominiert ist - in Deutschland empfangen wird: Gefeiert wird er als lebendes Kontrastprogramm zu dem unpopulären Präsidenten Bush. (…) Obamas Weltreise ist eine perfekt kalkulierte Inszenierung für den heimischen Wählermarkt, mit der eine seiner Schwächen - Mangel an internationaler Erfahrung - verdeckt werden soll. Selbst Obamas mehrfach geäußerte Aufforderung an die Europäer, sich im Kampf gegen den Terror, vor allem in Afghanistan, stärker zu engagieren, scheint dem deutschen Publikum bisher die Laune nicht zu verderben - so genau will man es vorerst, solange der mutmaßliche Kandidat noch nicht in der Kommandozentrale der Supermacht sitzt, gar nicht wissen."

"Süddeutsche Zeitung":

"Barack Obama im Glück: Die letzten Tage haben ihm ungemein geholfen, sein außenpolitisches Defizit auszugleichen. Seine Auftritte waren geschickt in Szene gesetzt: die lockeren Gespräche mit US-Soldaten, sein lässiger Umgang mit Jordaniens König, der Handschlag mit Präsidenten und Premiers. Und nun Berlin. Alles mit traumwandlerischer Sicherheit erledigt, als hätte er nie anderes getan. Die Bilder senden die erwünschte Botschaft nach Hause: Der Mann ist für das Präsidentenamt geeignet, er wird das Ansehen Amerikas in der Welt mehren. (…) Allerdings darf man die Berliner Rede auch nicht überschätzen. Obama hat sich bislang im Wahlkampf als gewiefter Taktiker erwiesen. (…) Und noch eines muss man bei Obama wissen: Selbst in Stein gemeißelte Positionen räumt er leicht und passt sich neuen Erfordernissen an."

"Financial Times Deutschland":

"Obamas Rede in Berlin war eine Werbung für den Kampf gegen den Terrorismus. Er beschwor den Geist der Luftbrücke und nutzte dies, um die Solidarität der Deutschen einzufordern. Für die Bundesregierung ist nun endgültig klar, dass von ihr mehr Engagement vor allem in Afghanistan erwartet wird. Die USA sehen nicht ein, dass sie sich im Kampf gegen die Taliban aufreiben, während die Deutschen die netten Aufbauhelfer geben. Während die Regierung bereits weiß, was auf sie zukommt, könnten die Wähler der großen Parteien bald ein böses Erwachen erleben wenn sie sehen, dass auch Obamas neues Amerika die alten Ziele verfolgt."

"Tageszeitung" (taz):

"Ist Obama nach der Rede in Berlin irdischer geworden? Ja, und das ist auch gut so. Zum einen, weil man auch die Schwäche seiner Rhetorik merkte. Mit dem Loblied auf die tapfere Frontstadt Berlin knüpfte er an Kennedy und Reagan an. Aber die Licht-und-Finsternis- Metaphorik, die in den USA so viele begeistert, wirkte hier seltsam ausgeliehen. Wie die Anrufung einer strahlenden Vergangenheit, die doch nicht die seine ist. Viel wirkungsvoller war seine kräftige Rhetorik, wo er die Gefahren der Globalisierung finster ausmalte, um seine zentrale Botschaft in umso leuchtenderen Farben erscheinen zu lassen: Mehr Zusammenarbeit ist nicht nur wünschenswert, sondern nötig. Vor allem beim Klimaschutz, was in den USA wenige, in Deutschland um so mehr gerne hören."

Die französische Zeitung "Le Monde":

"Europa kennt den Präsidentschaftskandidaten Barack Obama recht gut, doch das Gegenteil kann man nicht behaupten. Der demokratische Kandidat für das Amt im Weißen Haus ist in Berlin von einer beeindruckenen Menschenmenge begrüßt worden. Nach Meinungsumfragen sind die Europäer mehrheitlich für Obama, während die Regierungen Gründe haben, etwas zurückhaltender zu sein. Was den Handel anbelangt, so hat sich der Kandidat eher protektionistisch geäußert. Die Europäer müssen befürchten, dass ein von Demokraten beherrschter Kongress verstärkten Druck ausüben wird. Obama ist vielleicht ein 'globaler Kandidat', doch seine Positionen sind es nicht alle."

Der österreichische "Kurier":

"Dass viele Deutsche, besonders aber Berliner, Obama offenbar mehr zulaufen als seine eigenen Landsleute, ist vor allem eine Demonstration gegen den weithin verhassten Amtsinhaber (George W.) Bush. Und wenn ein Großteil der deutschen Linken Obamas bisher eher schwammigen Heilsversprechen applaudiert, ist das weniger naiv als eigenes wahltaktisches Kalkül: Wer sich beim Hoffnungsträger anbiedert, stellt den innenpolitischen Gegner mit dessen diplomatischer Distanz zu beiden US-Kandidaten leichter in das Eck der Bush-Freunde. Das verhinderte schon einmal die Niederlage eines SPD-Kanzlers - die von Gerhard Schröder 2002."

Der Schweizer "Tages-Anzeiger":

"Mit seinem großen Auftritt hat der Hoffnungsträger der US-Demokraten einiges riskiert. Zwar übertrugen die amerikanischen TV- Ketten seinen Auswärtssieg in die Heimat. Und manchen Amerikaner wird Obamas Erfolg mit Stolz erfüllen. Doch werden ihn diese stolzen Amerikaner auch beim entscheidenden Heimspiel im November unterstützen? Im heutigen Amerika mit seinen tiefen Spuren der Bush-Jahre ist wenig so verwerflich, wie unamerikanisch zu sein. Wer sich wie Obama Europa als Partner empfiehlt, dort zu viele Freunde und Verehrer hat, gilt schnell als gott- und prinzipienlos, als unentschlossen und Weichei. Obamas Erfolg von Berlin ist daher trügerisch und dessen Langzeitwirkung nicht absehbar."

Die britische "Times":

"Wenn es um unmittelbare Bedrohungen unserer Sicherheit geht wie Terrorismus oder Klimawandel, so dürften die USA unabhängig vom Kandidaten für das Präsidentenamt Kontinuität in ihrer Politik zeigen. Neue Probleme können durch die wachsende Macht Russlands entstehen, die Verbreitung von Nukleartechnologie im Nahen Osten und die Instabilität der Weltwirtschaft. Die meisten dieser Herausforderungen können mit einem stärkeren amerikanischen Einfluss besser gelöst werden als mit einem geringeren Einfluss. Die Zeit ist reif für eine Erneuerung der atlantischen Beziehungen."

ukl/DPA DPA

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