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Prostitution in Deutschland: Für Fair-Trade-Sex müssen Freier sorgen

Freiwillig und hygienisch einwandfrei. So stellen sich SPD und Union die perfekte Prostitution vor. Doch wirklich helfen kann die Politik den Frauen kaum. Das könnten nur die Freier.

Von Laura Himmelreich

Die perfekte Prostituierte benutzt immer Kondome. Sie hat keinen Zuhälter, sondern bestimmt selbst, was sie tut und zu welchem Preis. Natürlich ist sie volljährig und hat ihren Beruf freiwillig gewählt. Und weil sie auf sich achtet, lässt sie sich alle paar Monate von einem Arzt durchchecken. Sie ist krankenversichert und weil sie an die Zukunft denkt, zahlt sie auch in die Rentenversicherung ein.

Voller guter Absichten liberalisierte die rot-grüne Bundesregierung 2001 die Prostitution. Im Kopf die Vorstellung von Prostituierten, die selbstbestimmt auftreten wie Selbständige in anderen Branchen auch. Jetzt, 13 Jahre später, merkt die Große Koalition, dass solche Frauen kaum zu finden sind. Stattdessen beklagt die Polizei den ausufernden Menschenhandel aus Rumänien und Bulgarien. „Flatrate-Bordelle“ boomten, die Preise verfielen. „Es ist unerträglich, dass Deutschland das Bordell Europas geworden ist, ein Paradies für Zuhälter und Menschenschlepper“, sagt CDU-Familienpolitiker Marcus Weinberg. Das Prostitutionsgesetz von Rot-Grün sei gescheitert.

"Jede Pommesbude hat mehr Regeln als ein Bordell"

Selbst die SPD sieht inzwischen Nachbesserungsbedarf. Frauen- und Familienministerin Manuela Schwesig sagt: „Jede Pommesbude hat mehr Regeln als ein Bordell.“ Am vergangenen Donnerstag traf sich Schwesig mit Fachpolitikern der Koalition. Sie beschlossen, eine Art TÜV-Siegel für Bordelle einzuführen. Verstößt ein Bordell gegen Hygienestandards oder wird ein Bordellbetreiber gewalttätig, kann das Siegel jederzeit entzogen werden. Den meisten Frauen nützt das aber nichts. Schätzungen gehen davon aus, dass nur jede vierte bis fünfte Prostituierte in einem Bordell arbeitet. Für private Wohnungen, in denen Frauen selbständig oder vermeintlich selbständig ihre Dienste anbieten, gelten solche Standards nicht.

Außerdem soll kein Bordell zukünftig mehr mit „Flatrate-Sex“ oder „Gangbang-Partys“ werben dürfen. Verboten werden solche Praktiken aber nicht. Jede Prostituierte kann - ob freiwillig oder nicht - anbieten, mit zehn Männern gleichzeitig zu schlafen. Oder die ganze Nacht für einen Pauschalpreis zur Verfügung zu stehen.

Kondompflicht für Sexarbeiterinnen

Die Koalition möchte außerdem, dass sich jede Prostituierte künftig anmelden muss. Aber: Sanktionen müssen die Frauen nicht fürchten, wenn sie gegen das Gesetz verstoßen, sagt SPD-Familienpolitiker Sönke Rix: „Ich bin nicht dafür, die Frauen zu kriminalisieren. Melden sie sich nicht an, wäre das höchstens eine Ordnungswidrigkeit.“ Ohnehin ist unklar, wer kontrollieren wird, ob hunderttausende Prostituierte angemeldet sind oder nicht.

Weil es so schwer ist, die Einhaltung von Gesetzen im Rotlichtmilieu zu überprüfen, streiten Union und SPD noch über weitere Regeln. Die Union möchte eine Kondompflicht erlassen und das Mindestalter für Prostitution auf 21 Jahren erhöhen. Die SPD lehnt beides ab. Die Kondompflicht lasse sich kaum kontrollieren, sagt die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Carola Reimann. Und das Mindestalter sei auch problematisch. „Wenn wir jungen Frauen die Prostitution verbieten, verschwinden sie in die Illegalität und wir erreichen sie noch weniger.“ Uneins ist die Koalition auch, ob Freier von Zwangsprostituierten bestraft werden sollen. Die Union sagt ja, die SPD nein, weil sie fürchtet, dass die Männer dann der Polizei keine Tipps mehr geben.

Fair und hygienisch einwandfrei?

Reimann vermutet, dass die Union aus parteipolitischen Gründen zur Überregulierung neigt: „Dass es so ein Herzensthema der Union ist, hängt vermutlich auch damit zusammen, dass die Erfolge in der Koalition bislang eher auf sozialdemokratischer Seite zu finden sind.“

Wie auch immer das Gesetz aussehen wird: Am Ende werden weder Politiker noch Polizisten neben den Betten stehen und zusehen, ob es darin fair und hygienisch einwandfrei zugeht. Diejenigen, die den Frauen am meisten helfen könnten, sind jene, die ihnen am nächsten kommen: die Freier. Sie wissen, wie die Wohnungen aussehen, und ob die Frauen blaue Flecke haben. Sie bekommen mit, ob sich eine Frau gut genug Deutsch spricht, um ihre Bedingungen zu äußern. Es bräuchte weder „Sex-Flatrate“- noch „Gangbang-Verbot“, wenn sich Männer fragen würden, welche ihrer Fantasien sie mit wem ausleben können, ohne körperliche und seelische Schäden anzurichten. Auch für die Entscheidung, ein Kondom überzuziehen, benötigt es weniger ein Gesetz als Verstand. Und kein Verbot der Welt kann alle 18-Jährigen davor bewahren, auf dem Strich zu landen, so lange es Freier gibt, die bereit sind für ihre Körper zu zahlen. Die Debatte um neue Regeln ist sinnvoll. Eine Debatte über die Verantwortung von Freiern wäre noch wichtiger.

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