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Proteste in Bochum: Gemeinsam gegen Nokia

Geschätzte 13.000 Demonstranten haben gegen die Schließung des Nokia-Werkes in Bochum demonstriert. Tausende verlieren ihren einst sicher geglaubten Arbeitsplatz - der Protest ist enorm. stern.de reihte sich ein und machte sich ein Bild vor Ort.

Von Matthias Lauerer

Er hat es sich nicht nehmen lassen. Er, der ehemalige SPD-Finanzminister und heutige Vorsitzende der Linken. Wie aus dem Nichts taucht gegen 11.15 Uhr plötzlich Oskar Lafontaine in Begleitung von drei Bodyguards vor dem Bochumer Nokia-Werk auf. Er lächelt, gibt routiniert ein paar Interviews und sagt gewohnt Rebellisches: "Wir hoffen, dass dieser Protest in Deutschland zu weiteren Protesten führt." Dann reiht er sich in der Mitte des knapp einen Kilometer langen Demonstrationszuges ein.

Der Andrang an Protestwilligen in Bochum ist enorm. Vor dem Werkstor drei weht ein riesiges rotes Fahnenmeer, neben den Logos der IG-Metall und der MLPD ist auch das der Grünen zu sehen. Die Lufthoheit hat jedoch eindeutig die Linke - aus einem kleinen Lieferwagen kommt zur Sicherheit Fahnen-Nachschub in Massen. Am Himmel sichert ein Polizeihubschrauber den Protestzug ab.

Gewerkschafter, Politiker, Rentner, Schüler: Tausende haben sich vor dem Nokiawerk versammelt, um ihrem Unmut über die Schließungspläne mithilfe von Trillerpfeifen und Ratschen Luft zu machen. Mehrere tausend Arbeitsplätze sind betroffen. Ein schwerer Schlag für die Region, die bereits die Schließung von BenQ verkraften musste.

Übertönt wird der Protestlärm in regelmäßigen Abständen von einem lauten Glockenklang. Geschlagen wird sie von Josef Auer. Er arbeitet eigentlich bei ThyssenKrupp Nirosta, doch heute ist sein Job ein anderer: Auer und seine Glocke protestieren. Wenn er sie läutet, versteht man sein eigenes Wort nicht mehr. "Man muss doch etwas tun", sagte er zwischen zwei Schlägen und bekommt gleich Unterstützung von Stahlarbeiter-Kollege Jürgen Salewski. Zusammen arbeiten die beiden seit 73 Jahren bei ThyssenKrupp Nirosta.

Demo statt Unterricht

Zu den Protestierenden gehört auch ein Schüler der Graf-Engelbert-Schule. Der 17-Jährige demonstriert, obwohl er eigentlich die Schulbank drücken sollte. Der Schuldirektor hat die Teilnahme am Protestzug nach erstem Zögern genehmigt – wer protestieren will, wurde vom Unterricht befreit. Klän hat einen besonderen Bezug zu Finnland, denn der Schüler der Jahrgangstufe Zwölf hat von 2006 bis 2007 für ein Austauschjahr in Süd-Finnland gelebt. Es geht ihm um "ein Zeichen", das er mit seiner Spontan-Teilnahme setzen will. "Denn wer nichts macht, der macht sich mitschuldig." Klassenkameradin Kerstin Lederbogen stimmt ihm zu und ergänzt: "Die Masse macht's."

Um fünf vor zwölf setzt sich der Protestzug in Bewegung. Vorneweg tragen Nokia-Mitarbeiter stumm einen Holz-Sarg, über den ein weißes Tuch mit blauem Nokia-Logo gelegt wurde. Das Werk wird zu Grabe getragen. Direkt dahinter haben sich publikumswirksam Politiker in den Protestzug eingereiht: Hannelore Kraft von der SPD ist zu sehen, ebenso der CDU-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann. Ein Liedermacher heizt den Protestierenden mit seiner Gitarre zusätzlich mehr schlecht als recht ein: "Keiner, ja keiner schiebt uns weg. Wie ein Baum, der ständig steht am Wasser, keiner schiebt uns weg." Erst singen die Demonstranten nur zögerlich mit, dann stimmen viele in den Refrain ein. Eine "Solidaritäts-Bekundung" jagt die nächste. "Es geht um die Arbeitsplätze der Zukunft", sind sich alle einig.

Job-Angebote für Nokia-Mitarbeiter

Es wird jedoch nicht nur protestiert. Eine Agentur lässt kleine Flyer verteilen. Auf ihnen ist zu lesen: "Nokia entlässt - Wir stellen ein!" Sie bietet offenbar entlassenen Nokia-Mitarbeitern eine neue Heimat. Andere offerieren rechtlichen Beistand bei möglicherweise anstehenden Abfindungs-Verhandlungen. "Nehmen sie ein Angebot auf keinen Fall sofort an. Erbitten sie sich Bedenkzeit. Lassen sie sich nicht unter Druck setzen", lauten die Ratschläge der Anwaltskanzlei.

Aber nicht alle haben demonstriert, sind mitgelaufen: Am Werkseingang stehen am frühen Nachmittag noch fünf Menschen. Sie warten auf ihren letzten Einlass. Zu ihnen gehören die ehemaligen Nokia-Leiharbeiterinnen Jessica Jentsch´und Katharina Reuther. Während in nur zwei Kilometern Luftlinie emsig demonstriert wird, räumen sie in aller Stille ihre Spinde aus. Bereits am 16. Januar erhielten die Arbeiterinnen ihre Kündigung.

Für "7,53 Euro Brutto und 6,88 Euro Netto-Lohn" rackerten die Randstad-Leiharbeiterinnen bei Nokia "in der Verpackung", wie sie es nennen. Zuletzt sogar von Montag bis Sonntag. "Was mich besonders ärgert: Wer noch im Dezember 2007 die höchsten Stückzahlen in der besten Qualität fertigte, der sollte von Nokia ein Handy- oder eine tolle Gutschein-Prämie erhalten", sagt Jentsch wütend und zündet sich dann eine Zigarette an. "Die Handys liegen bereit, doch wir kriegen nix."

Schule statt Nokia

Immerhin hat sie schon einen Plan für die Ära nach Nokia: Die junge Frau will ihren Realschullabschluss nachholen, der Kurs beginnt bereits im März. Ihre ehemalige Kollegin Reuther hat ein kleines Kind und weiß noch nicht, wie es bei ihr weitergeht. "Ich sollte nach Krefeld, dort in einer Produktion helfen, doch das ist mir zu weit." Sie sagt es irgendwie trotzig, während sie langsam mit Jessica noch ein letztes Mal durchs Stahltor hinein ins Nokiawerk geht. Als sie sich noch einmal umdreht, sieht man jedoch ihre roten Augen.