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Qualifizierungsoffensive für Migranten Vom Taxifahrer zum Hoffnungsträger


Viele Migranten haben in der Heimat Ingenieur oder Arzt gelernt, dürfen ihr Wissen aber nicht anwenden, weil ihre Qualifikation in Deutschland nicht anerkannt wird. Ein Gesetz soll das von 2011 an erleichtern. Lässt sich damit der Facharbeitermangel lösen, wie heute die FDP behauptete?
Von Sönke Wiese

Die Wirkung seiner Immigranten-Schelte hatte sich Horst Seehofer sicherlich anders vorgestellt. Nach dem Interview des bayerischen Ministerpräsidenten preschten Ökonomen, Migrationsexperten und Politiker aller Parteien vor, um klarzustellen: In Wahrheit leidet der deutsche Standort unter einem Mangel an ausländischen Spitzenkräften.

Die Facharbeiterlücke ist - mitten in der Aufschwungphase - dramatisch. Besonders in den boomenden Branchen können viele offene Stellen nicht besetzt werden. Heute schon fehlen nach Schätzungen von Branchenverbänden beispielsweise rund 36.000 Ingenieure und 43.000 IT-Spezialisten. Und das Problem verschärft sich mit jedem Monat weiter. In drei Jahren, so fürchtet die Bundesregierung, werden es schon 85.000 Ingenieure und 70.000 Naturwissenschaftler zu wenig sein. Insgesamt 330.000 Akademiker mehr bräuchte das Land dann. "Allein bei den Bauingenieuren haben wir einen natürlichen Schwund von mehreren Tausend jährlich, weil mehr in Rente gehen als von der Hochschule nachkommen", sagte Hans-Peter Keitel, Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, der "Frankfurter Rundschau".

Jenseits der bayerischen Staatskanzlei setzt sich die Einsicht durch, dass Deutschland viel stärker als in der Vergangenheit das Potenzial von motivierten Indern, Chinesen und Türken nutzen muss. Auch Guido Westerwelle (FDP) hat sich jetzt in die Debatte eingeschaltet: "Wir müssen uns ernsthaft überlegen, warum andere Länder uns voraus sind", sagte der Bundesaußenminister dem "Hamburger Abendblatt". Der FDP schwebt seit längerem ein vollkommen neues Einwanderungskonzept vor. "Wir wünschen uns ein Punktesystem ähnlich wie in Kanada", sagte Serkan Tören, Integrationsexperte der Liberalen, stern.de. Doch solch eine Radikal-Reform ist mit der Union nicht zu machen, wie auch Innenminister Thomas de Maizière im Interview mit stern.de deutlich machte.

So geht es nur in kleinen Trippelschritten voran - immerhin in die richtige Richtung. Im Frühjahr 2011 soll ein Gesetz in Kraft treten, das die Anerkennung von ausländischen Bildungsabschlüssen erleichtert. Die schwarz-gelbe Koalition erhofft sich große Effekte davon. "300.000 bis 500.000 Diplome von hier lebenden Ausländern könnten dadurch anerkannt werden", glaubt Tören. Das Vorhaben besticht durch einen cleveren Hintergedanken: Warum erst die erregte Zuwanderungsdebatte ausdiskutieren, wenn durch ein unauffälliges Gesetz auf einen Schlag hunderttausende Fachkräfte verfügbar werden könnten?

Tatsächlich liegt in Deutschland jede Menge Potenzial brach. Viele ausländische Akademiker fristen ihr Dasein als Taxifahrer, Kassierer oder Putzfrauen, weil ihre Abschlüsse etwa als Lehrer oder Mediziner hier nichts zählen. "Profitieren werden vor allem Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion", sagt Reiner Klingholz, Chef des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. "Viele von ihnen haben akademische Abschlüsse, bei ihnen stand Bildung hoch im Kurs."

Besonders heftig klaffe Theorie und Realität bei Migranten aus dem Nahen Osten auseinander, sagt Klingholz. "Unsere Studien haben gezeigt, dass in dieser Gruppe sehr viele hohe Bildungsabschlüsse haben, aber unter diesen Migranten die Arbeitslosigkeit stark verbreitet ist." Ihre Ausbildung werde hier zu Unrecht verkannt, etwa ein Arzt aus dem Irak habe grundsätzlich die Kompetenzen, auch in Deutschland ein guter Mediziner zu sein.

Allerdings ob mit dem Gesetz auf einen Schlag 500.000 neue Fachkräfte der deutschen Wirtschaft zur Verfügung stehen, wie die FDP prophezeit, bezweifelt der Migrationsexperte. "Die Anerkennung der Abschlüsse ist nur der erste Schritt. Damit hat noch niemand automatisch einen Job." Die Regierung müsse sich auch dringend um eine Nachqualifizierung der potenziell Hochqualifizierten kümmern.

Auch der Liberale Serkan Tören fordert, wenn es wegen der sperrigen Union schon nicht zum großen Wurf kommt, weitere Reformen: Zum einen sei die sogenannte Vorrangprüfung ein bürokratisches Hindernis. Bei diesem oft langwierigen Verfahren wird überprüft, ob eine Stelle nicht auch durch einen deutschen Bewerber besetzt werden kann. Zum anderen müssten die Einkommensschwellen für qualifizierte Zuwanderer gesenkt werden. Derzeit müssen sie ein Jahresgehalt von 66.000 Euro nachweisen, um eine Niederlassungserlaubnis für Deutschland zu erhalten. Die Grenze war schon 2009 von ehemals 84.000 Euro herabgesenkt worden.

Aber auch damit sei es lange noch nicht getan, meint Tören. "Wir brauchen in Deutschland zweierlei: neben einer besseren Gesetzgebung für Einwanderer auch eine neue Willkommenskultur."


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