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Schlecky Silberstein: Blogger dreht Satire-Video in Berlin - und AfD verbreitet Verschwörungstheorie

Für einen Satire-Dreh laufen Nazi-Schauspieler an einem fiktiven AfD-Stand in Berlin vorbei. Die Partei wittert einen Skandal und feuert aus allen Rohren - mit unangenehmen Konsequenzen für den Blogger hinter der Satire.

Der Autor Christian Brandes ist im Internet als "Schlecky Silberstein" bekannt

Wegen eines Satire-Videos ins Visier der AfD geraten: Der Autor Christian Brandes ist im Internet als "Schlecky Silberstein" bekannt

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"Die AfD ist entsetzt über den Versuch, Fake-Videos an einem falschen Parteistand zu drehen", hieß es in einem Post auf der Bundesseite der Partei vor einigen Tagen. "Durch Zufall" sei ein solches Projekt "aufgedeckt" worden. "Nachdem vor dem Stand eine 'Jagdszene' mit einem mutmaßlichen Südländer nachgestellt wurde, rückten die Täter wieder ab", schrieb die AfD. Dazu beschweren sich zwei AfD-Lokalpolitiker über die "niederträchtigen Methoden". Der "politische Gegner" sei mit seinen "Argumenten völlig am Ende" und müsse nun "solches Videomaterial fälschen". Blöd nur: Das stimmt so nicht.

In den Kommentarspalten darunter trafen die Thesen trotzdem auf fruchtbaren Boden. Gerade mit Blick auf die Chemnitz-Aussagen von Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen wurde wohlwollend aufgenommen, dass angeblich AfD-Feinde Propaganda-Videos von Hetzjagden fälschen.

Am Montag meldete sich nun "Schlecky Silberstein" auf seinem Blog zu Wort. Seine Produktionsfirma habe den Videodreh in Auftrag gegeben. Allerdings handelt es sich dabei nicht um ein "Fake-Video", das die AfD "aufdecken" kann. Das am Montag via "Browser Ballett" veröffentlichte Video ist eine Parodie auf die Ereignisse von Chemnitz. Nicht nur die AfD kommt darin vor, auch die #wirsindmehr-Kampagne bekommt ihr Fett weg. Wer sich selbst ein Bild machen will, findet das Video unter diesem Text.

Bedrohungen gegen Blogger nach AfD-Post

Silberstein, der eigentlich Christian Brandes heißt, beschrieb in seinem Blogeintrag, wie er seit dem Post auf der Bundesseite der AfD massiven Drohungen ausgesetzt sei. AfD-Politiker Frank-Christian Hansel hatte sich am Freitag dabei filmen lassen, wie er bei der Produktionsfirma klingelt. Straßenname und Klingelschild sind dabei klar erkennbar. Das Video wurde über den Facebook- und Youtube-Kanal der AfD-Berlin verbreitet. Anschließend sei eine antisemitische Morddrohung bei Brandes eingegangen, in Anspielung auf den jüdischen Namen seines Partners.

Wenig später sei ein Video im Netz aufgetaucht, ebenfalls mit der Adresse der Produktionsfirma, in dem jemand unverhohlen damit droht, die Autos der Mitarbeiter zu beschädigen oder ihnen nach Hause zu folgen. Man müsse aufpassen, was sich da alles für dumme Leute im Internet tummeln, heißt es in dem Clip. "Kann man nur hoffen, dass keiner von denen mal aufgehetzt wird und dann zur Tat schreitet", droht der Unbekannte.

AfD-Infostand in München verwüstet

Der Sprecher der AfD Berlin sieht in der Einblendung des Straßennamens im Video kein Problem. Das sei "die typische Machart unserer Videos", sagt er dem stern. Zum Zeitpunkt des Besuches von Herrn Hansel bei der Produktionsfirma "wussten wir noch nicht, dass es sich um einen angeblichen Satire-Dreh handelt."

Dass der Macher nun bedroht werde, ist dem Sprecher zufolge "nicht in Ordnung". Aber: "Mit seinem Video hat er aber natürlich auch dazu beigetragen, dass das passiert." Man habe den Eindruck bekommen können, dass "dort ein Propaganda-Video gegen uns gedreht" würde. "Dass es sich dabei um Satire handeln soll, haben wir erst erfahren, als er sich bei uns gemeldet hat." Der Sprecher hatte das Video am Montagabend nach eigener Aussage noch nicht selbst gesehen, sagt aber: "Sollte es sich dabei um Satire handeln, ist das natürlich legitim."

"Browser Ballett" gehört zu Funk

Die AfD kritisiert nun vor allem, dass das "Browser Ballett" zu "Funk" gehört, dem Jugendangebot von ARD und ZDF und damit auch durch Rundfunkbeiträge mitfinanziert wird. "Hätte ein Anbieter aus dem privaten Markt das Video erstellt, wäre unsere Reaktion nicht so heftig ausgefallen", sagt der Sprecher. Bei "Funk" werden gewisse Online-Angebote mit Geldern von ARD und ZDF subventioniert. Allerdings wird stets betont, dass die öffentlich-rechtlichen Sender nicht inhaltlich eingreifen. Das "Browser Ballett" etwa und "Schlecky Silberstein" gab es bereits vor "Funk".

Hier der AfD-Post aus der vergangenen Woche:

Will die AfD denn nun die neue Faktenlage auch ihren Abonnenten auf Facebook mitteilen? Schließlich hatte man von "Fake-Videos" und Beeinflussung durch "politische Gegner" gesprochen. Dem erteilt der Sprecher eine klare Absage. "Politischer Gegner" sei natürlich eine Zuspitzung gewesen, aber immer noch haltbar. "Alles bei Funk ist feindselig gegen die AfD. Das ist ein politisches Kampforgan, das sich selbst die Aufgabe gestellt hat, die AfD niederzumachen. Funk ist Anti-AfD-Fernsehen", beschwert er sich.

Blogger Brandes sieht sich durch den Vorfall in seiner kritischen Haltung gegenüber der AfD bestätigt. "Wer Künstler und Journalisten bedroht und in den eigenen Kommentarspalten toleriert, dass Medienschaffende und ihre Familien dem Mob präsentiert werden, der kann keine Alternative sein", schreibt er.

Um dieses Video ging es übrigens: 

mad
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