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Schnauze, Wessi!: Indianerforscher unter sich

Die Deutungshoheit über Vergangenheit gehört traditionell den vermeintlichen Siegern der Geschichte. Westdeutsche Ost-Experten können sogar die ganze DDR haben. Ein Geschenk

Von Holger Witzel

Der Hühner-Eierbecher als ein klassisches Relikt der DDR. Westdeutsche glauben die besseren Ost-Experten zu sein, meint Holger Witzel.

Der Hühner-Eierbecher als ein klassisches Relikt der DDR. Westdeutsche glauben die besseren Ost-Experten zu sein, meint Holger Witzel.

Trotz eindringlicher Warnungen war ich jetzt doch mal in einem DDR-Museum. Es liegt gleich um die Ecke der Berliner Redaktion, in einer Art Souterrain zwischen Dom und diesem Aquarium mit Hotel. Und wenn die Spree endlich auch mal Hochwasser hat, läuft es hoffentlich voll.

Man kann dort in einem Trabi sitzen und zu "Original-Geräuschen" durch ein Plattenbauviertel knattern. Gerüche werden simuliert. Wie in einem Adventskalender lassen sich etliche Türchen in die DDR öffnen. Dahinter zeigt sie sich mal von ihrer niedlichen Pittiplatsch-Seite, aber auch die Stasi wird für Gäste aus dem Westen kindgerecht erklärt - alles fein in Schubladen sortiert, damit niemand durcheinander kommt. Beinahe hätte ich sogar zum ersten Mal in meinem Leben "Lipsi" getanzt oder die Kandidaten der Nationalen Front gewählt. So ungefähr muss sich ein Apache vorkommen, wenn er die "Villa Bärenfett" in Radebeul besucht. Das Beste aber ist, dass sich schon Westdeutsche in die Haare kriegten, wer von ihnen das authentischste Indianer-Museum Ost-Berlins betreibt.

Zoff um die beste Schrankwand

Hans Walter Hütter aus Nordrhein-Westfalen, Historiker und Präsident der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, hatte in der "Berliner Zeitung" über seine Ausstellung in der Kulturbrauerei behauptet, sie sei "tiefgründiger". Robert Rückel, ein Völkerkundler aus Freiburg, empörte sich daraufhin in der "Berliner Morgenpost", die anderen würden sein DDR-Museum am Dom nur kopieren: "Die Schrankwand mit den Matrjoschkas zum Beispiel ... – das gleiche ist uns auch eingefallen."

Zum Glück streiten sich westdeutsche Ostexperten nicht nur über den Alltag in der DDR. Sie kümmern sich auch um die richtige Bewertung eines Landes, in dem sie nie leben durften oder mussten. Einer, dem man die eigene Opferrolle beinahe abkauft, ist Hubertus Knabe. Der Direktor der Stasi-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen kam allerdings erst nach der Flucht seiner Eltern im Westen zur Welt. Umso mehr verdient seine Hartnäckigkeit Respekt, mit der er immer wieder das Verbot von menschenverachtenden Symbolen wie Hammer, Zirkel und Ährenkranz fordert. Und es wirkt sogar: Seit ihrem Besuch in Knabes Gedenkstätte hat die Kanzlerin jedenfalls nie wieder im Fernsehen davon geschwärmt, wie gern sie in der FDJ gewesen sei.

Kein Experte kann der DDR widerstehen

Einen meiner liebsten und zumindest in den Medien profiliertesten Ost-Experten - Prof. Dr. rer. biol. hum. habil. Elmar Brähler zog es laut einer Pressemitteilung der Universität Leipzig "nach über 20 Schaffensjahren wieder nach Gießen". Neben zahlreichen Befunden zu rechtsextremen Einstellungen im Osten ("Jeder sechste, jeder dritte...") und Trends bei "Körperschmuck und -behaarung" fand er über "Innerdeutsche Migration" schon 2004 heraus, "dass ein höherer Anteil der Westdeutschen im Osten wieder zurück will." Jetzt hat er selbst doch bis zur Pensionierung durchgehalten und ich frage mich ebenso dankbar wie besorgt: Gibt es das Auffanglager in Gießen eigentlich noch?

Trotzdem muss sich niemand Sorgen machen, dass sich Fachleute aus dem Westen irgendwann nicht mehr für die DDR oder entsprechende Posten im Osten interessieren. Selbst Koryphäen wie der frühere Geschichtsexperte der Pro7-Sendung "Galileo Mystery" können der Versuchung nicht widerstehen. Der junge Historiker aus Bayern leitet neuerdings die Erfurter Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße, wo die Staatssicherheit eine Untersuchungshaftanstalt betrieb. Für insgesamt 276.000 Euro untersuchen derzeit drei westdeutsche Professoren im Auftrag des Bundesinnenministeriums, wie sich die ostdeutschen Reservate nach 25 Jahren in die politische Landschaft des Westens eingefügt haben. Das Forschungsprojekt "Deutschland 2014" läuft zwar offiziell an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Neben dem 68-jährigen Projektleiter, der dort seit 1992 eine Professur hatte und als eine Art Gnadenbrot seit 2012 das "Zentrum für Sozialforschung" leitet, ist ein 67-jähriger Politologe aus Stuttgart beteiligt, außerdem ein Medienwissenschaftler von der Universität Trier-Kaiserslautern. Es geht um "Kontinuität und Wandel der politischen und gesellschaftlichen Orientierungen im geeinten Deutschland seit 1990". Und ein Kontinuum zeigt die postkoloniale Indianerforschung recht deutlich: Es machen sich ausschließlich unerschrockene Frauen und Männer aus der freien Welt darum verdient. Leider auch in der Populärwissenschaft.

"Der Osten ist ein Gefühl"

Sie biedern sich mit irreführenden Buch-Titeln an wie die Hamburger Autorin von "Klar bin ich eine Ostfrau!" oder schwärmen auf einem Blog namens "ostlust.de", wie viel "wärmer, verlässlicher, spontaner" Ostdeutsche sind: "Obwohl von einer Diktatur geprägt, ... haben sie weniger Vorurteile als wir Wessis." Eine Radiotante aus Schleswig Holstein hat dagegen rausgefunden, dass die "Mauer in den Köpfen nicht verschwunden ist". Nach Gesprächen mit "Menschen aus der ehemaligen DDR" glaubt sie: "Der Osten ist ein Gefühl." Und damit das nicht verschwindet, gibt es natürlich auch schon eine "Wendewundergeschichte" für Kinder über den Leipziger Herbst 1989. Es heißt: "Fritzi war dabei" - die Autorin leider nicht. Da freut man sich fast, wenn ein eher zurückhaltender Journalist bei seinem Leisten bleibt und ein Buch über "Westdeutsche im Osten" schreibt. Allein der Titel - "Zweite Heimat" – verrät einmal mehr ihre besitzergreifende Impertinenz.

Zu Gast bei Markus Lanz erklärte die Arbeitsmarktexpertin Uschi Glas vor ein paar Monaten, warum sie den Mindestlohn problematisch findet - nämlich weil "wir vor allem in den neuen Bundesländern wirklich nicht gut qualifizierte Menschen haben." Kurz zuvor – vermutlich spürte er schon, dass es mit "Wetten dass..." zu Ende ging - hatte sich Lanz selbst als Fachmann für ostdeutsche Heimatkunde empfohlen, indem er sein Publikum in Halle als "Leipziger" begrüßte – ein Fauxpas ohnegleichen. Dann soll er den Wettpaten Lukas Podolski auch noch gefragt haben, ob der gebürtige Pole schon mal so weit im Osten war. Am Ende rettete der Italiener aus Südtirol die Situation mit der überaus originellen Idee, als Wetteinsatz mit einem Trabi nach Magdeburg zu fahren: "Ich freue mich darauf!"

Westdeutsche Besserwisserei

Vor knapp zwei Jahren hatte ich für solche Fälle von Schleimer- und Besserwisserei mal einen Preis gestiftet. Schon damals quoll die geistige Shortlist über, so viele würdige Kandidaten hatten sich indirekt mit qualifizierten Aussagen über Ostdeutschland beworben. Der erste Preisträger reagierte leider nicht mal auf meine Glückwünsche. Und so gammelt die "Braune Banane" hier immer noch rum. Eigentlich läuft sie eher und stinkt. Lediglich die Schale hat noch etwas Konsistenz, was ihren symbolischen Wert noch einmal überhöht.

Ohne weiteren Wettbewerb würde ich sie deshalb gern Andreas Maluga widmen. Er ist vermutlich einer der seltsamsten westdeutschen Reste-Verwalter der "Ehemaligen", pflegt in Bochum ein "DDR-Kabinett" und spricht in einem Youtube-Video vor alten Grenztruppenoffizieren über "unsere gemeinsame Sache". Die "Angehörigen der bewaffneten Organe", wie sie der DKP-Mann korrekt anspricht, spenden ihm freundlich Beifall für Worte wie "Siegerjustiz" und "Konterrevolution". Aber ehrlich gesagt: Mit solchen Freunden im Westen hat man auch nichts anderes verdient. Von mir aus können westdeutsche Ost-Experten die ausgeplünderte DDR nun sogar ganz haben und für immer behalten - hier wollte sie ja sowieso keiner mehr.

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