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Schnauze, Wessi!: Wer nicht wählt, wählt mich

Vier Westdeutsche wollen Leipzig regieren. Wie vor 1989 - und als kleine Übung zur Bundestagswahl - gibt es nur eine demokratische Alternative: nicht wählen! Eine Kandidatur.

Von Holger Witzel

Auch in Leipzig ist Wahlkampf. Wir sollen einen neuen Oberbürgermeister wählen und haben die Wahl zwischen vier Westdeutschen und zwei Kandidaten aus Sachsen-Anhalt, zwischen fünf Männern und einer Frau von den Linken - also eigentlich keine. Fast könnte man es mit Pest oder Cholera vergleichen, Merkel oder Steinbrück, Weckle oder Schrippe... aber das würde dieses demokratische Blendwerk nur unnötig aufwerten.

Wie zu DDR-Zeiten haben anständige Wahlberechtigte nur zwei Möglichkeiten: Hingehen und die Stimme ungültig machen oder gleich zu Hause bleiben und ausschlafen. Um das bewusste Votum der Nichtwähler deutlicher zu machen, schlage ich die bequemere Variante vor und stelle mich gleichzeitig als Kandidat zur Verfügung - zunächst in Leipzig. Von mir aus aber auch gleich noch im Herbst zur Bundestagswahl.

Die absolute Mehrheit ist sicher

Obwohl überqualifiziert und untermotiviert – also immer noch besser als umgekehrt wie bei meiner hiesigen Konkurrenz – brauche ich dafür nicht mal 240 Unterstützungsunterschriften. Es ist viel einfacher: Wer nicht wählt, wählt mich! Die absolute Mehrheit ist mir damit schon jetzt sicher. Außerdem bin ich der einzige echte Leipziger – das sollte auch inhaltlich reichen. Oder ist es schon fremdenfeindlich, wenn man sich auch einen einheimischen Oberbürgermeister vorstellen kann? Landet man mit so einer naiven Idee womöglich neben Volksverhetzern wie Wolfgang Thierse und anderen Kritikern der baden-württembergischen Siedlungspolitik in den Top Ten einer internationalen Rassisten-Liste?

Ich hoffe nicht. In München ist selbstverständlich ein Münchner Bürgermeister. In Berlin nennt sich zwar ein Westberliner so, aber immerhin schützt er die Einwohner im Ostteil der Stadt hartnäckig vor Fluglärm. Selbst der Dorfschulze von Düsseldorf kommt von da und nicht etwa aus Cottbus. Wieso soll also ausgerechnet Leipzig weiter von einem Kleinstadtlehrer aus dem Siegerland regiert werden?

Westdeutsches Talent für Schauspielerei

Schon das letzte Mal wollte ihn eigentlich niemand - außer knapp über 16 Prozent der wahlberechtigen Leipziger. Das war zwar immerhin jeder Zweite der 31,7 Prozent, die sich überhaupt noch beteiligt hatten - aber lächerlich gegen meine 70 Prozent, wenn ich schon damals für die Nichtwähler angetreten wäre. Und ich bin sicher, dass wir dieses Ergebnis nun noch einmal steigern können!

Korrupte Manager, Postenmauschelei, herrenlose Grundstücke - weil der Leipziger Titelverteidiger persönlich immer unschuldig war oder nichts von den Schweinereien seiner Landsleute wissen wollte, konnten ihm zahlreiche Skandale bisher nichts anhaben. Einer seiner Töchter legte er ein gewisses Talent für Schauspielerei in die Wiege. Das reiben ihm missgünstige Konkurrenten nun unter die Nase – ich natürlich nicht: Schließlich ist das unter Westdeutschen keine besondere Gabe. Er sieht zwar älter aus als er heißt, aber auch der im Alter von über 40 Jahren ziemlich spät erfolgte Eintritt in die SPD schadete seiner Auslands-Karriere in der deutschen Armutshauptstadt nicht. Immerhin wurde die Partei hier vor 150 Jahren gegründet. Vorsichtshalber hält er sich im Wahlkampf trotzdem alle Optionen offen und singt Rio Reisers Junimond: "Es ist vorbei, bye bye..." So kennt man sie - Hauptsache: "Die Welt schaut rauf zu meinem Fenster..."

Auf der nächsten Seite lesen Sie, warum sich Witzel selbst gegen den Feiertag behaupten wird.

Was sind "Komplexkontrollen"?

Bräuchte ich meine Stimme als Spitzenkandidat der Nichtwähler nicht selbst, hätte ich sogar die Zähne zusammengebissen und erstmals in meinem Leben eine Kandidatin der Linken gewählt. Eine kurze Zeit gab es auch Gerüchte, die Leipziger CDU würde eine gewisse Peggy aufstellen, von der ich vorher noch nie gehört hatte. Doch allein für ihr breites Sächsisch und den Vornamen hätte ich womöglich, selbst bei dieser Partei... So verzweifelt wünsche ich mir das Ende der Kolonialherrschaft.

Leider war das den wenigen Leipziger CDU-Mitgliedern dann offenbar selbst unheimlich, schon 23 Jahre nach der Halswende in ihrer Stadt eine ostdeutsche Frau aufzustellen. Oder hat nur ein anderer lauter "ich" geschrien? Jedenfalls nominierten sie einen Polizisten aus Bayern, der – wenn er nicht gerade mit als "Komplexkontrollen" getarnten Großrazzien ein paar Kleinkriminelle stellt – ständig "wir" oder "unser Leipzig" sagt und sich selbst als "erfahrenen Macher" empfiehlt.

Eingeborene ohne Selbstbewusstsein

Solcherlei Selbstbewusstsein fehlt Eingeborenen bei der Rückeroberung ihrer Stadt offenbar nach wie vor. Außer mir haben es zwar noch ein paar Einzelkandidaten versucht, aber scheiterten schon an den nötigen Unterschriften, die im Rathaus zu leisten waren. Einem ALG-II-Empfänger, der theoretisch immerhin 25 Prozent aller Leipziger hinter sich gehabt und damit – nach mir – das zweitbeste Ergebnis hätte erzielen können, lehnte das Jobcenter die finanzielle Unterstützung seiner Kandidatur ab. Demokratie zählt offenbar nicht zur "Teilhabe am gesellschaftlichen Leben" wie es Sozialgesetze vorsehen. Oder war es nur Pech, dass an der Spitze der städtischen Hartz-IV-Verwaltung zufällig ein Mitbewerber stand? In dessen Rathaus zudem, wie andere Kandidaten klagen, in der Unterschriftenfrist extra kürzere Öffnungszeiten galten?

Den sympathischsten Namen unter ihnen hat noch ein gewisser Dirk Feiertag. Der parteilose Rechtanwalt wird von Piraten und dem – ist doch immer wieder erstaunlich, was außer Vita-Cola noch übrig ist – Neuen Forum unterstützt. Sein einziges Handicap: Er stammt aus Braunschweig. Das ist zwar nicht ganz so schlimm wie ein Westberliner, der für die Leipziger Grünen antritt und erst mal eine "angemessene gesellschaftliche Auseinandersetzung über (sic!) die DDR" fordert. Oder ein FDP-Kandidat aus Sachsen-Anhalt, der Stimme derer sein möchte, "die in Leipzig etwas schaffen oder schaffen wollen". Aber gegen mich und – ich darf das in aller Bescheidenheit noch mal wiederholen – vor allem gegen meine breite Basis haben sie alle ohnehin keine Chance.

Bastelprojekte im Wohngebiet

Nichtwählen hat hierzulande eine revolutionäre Tradition. Schon deshalb wird sich die Mehrheit - wie es die Rechtsgrundlagen vorschreiben – "in allgemeiner, unmittelbarer und geheimer Wahl" für mich entscheiden. Zudem werde ich keinen enttäuschen, der von dieser Freiheit Gebrauch macht, die heute wie vor 1989 oft in einem geradezu nötigendem Ton als undemokratisch verunglimpft wird. Schließlich ist auch mein Programm das ehrlichste von allen, denn ich verspreche nichts. Dennoch werde ich der Stadt etliche Millionen sparen.

Dafür wird weder bei der Hochkultur noch bei Bastelprojekten im Wohngebiet gekürzt. Lediglich die Gehälter des westdeutschen Opern-Intendanten und des Gewandhausdirektors, der laut Sächsischem Rechnungshof mehr verdient als mein Amtsvorgänger, stünden zur Debatte. Ich würde vielleicht die Hamburger Elefanten aus dem Zoo werfen und ihr Gehege für unser Familienmeerschwein reklamieren. Das spart auch Futter. Meinetwegen wird das neue Einkaufszentrum am Brühl einfach zum Einheitsdenkmal erklärt und das kostenintensive Völkerschlachtdenkmal als herrenloses Grundstück meinem zweitbesten Freund Ludger geschenkt. Den sinnlosen Citytunnel würde ich den Stuttgartern verkaufen und den Berlinern eine Startbahn unseres viel zu großen Flughafens. Aber sonst?

"Leipzig - the better Berlin"

Wenn es die Mehrheit unbedingt will, würde ich auch das bescheuerte Marketing-Motto eines westdeutschen Wirtes wörtlich nehmen und – "Leipzig - the better Berlin" – eine Mauer um bestimmte Viertel bauen, wo sich die westlichen Siegermächte konzentrieren. Nicht gleich als Ghetto – es sind ja nur diese 16 Prozent - aber vielleicht mit Komplexkontrollen...

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Bürgermeister in Deutschland zu wenig verdienen – jedenfalls gemessen an Leistung, Verantwortung und Vertrauen der Menschen, die sie deshalb bewusst nicht wählen. Von westdeutschen Sparkassendirektoren im Osten gar nicht zu reden.