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Seehofers Rede: Die CSU im Kniefall vor Angela Merkel

Ein Löwe als Kätzchen auf Kuschelkurs: CSU-Chef Horst Seehoferhat sich auf dem CDU-Parteitag als wahrer Charmeur entpuppt. Für ein Merkel-Busserl am Ende reichte es allerdings noch nicht.

Von Hans Peter Schütz

Das Grußwort Horst Seehofers war eine Liebeserklärung an die CDU. Auf bayerische Art vorgetragen. Denn der CSU-Chef, der in den vergangenen Monaten so oft über die Schwesterpartei und ihre Vorsitzende gemault hatte, sagte in seiner Ansprache auf dem CDU-Parteitag: "Es passt scho!" Und weil es in der bayerischen Politik nichts gibt, was mehr Übereinstimmung ausdrückt als dieser Satz, wiederholte ihn Seehofer gleich noch einmal: "Es passt scho!". Ein Liebeschwur in Richtung CDU und Kanzlerin Merkel.

Und dann lächelte die "Mutti" endlich auch mal in Richtung Seehofer, dem sie bis dahin mit ziemlich leblosem Gesicht gelauscht hatte. Denn der betete sie förmlich an: Die CSU werde in den nächsten Monaten "ein schnurrendes Kätzchen" geben und nicht den "brüllenden Löwen". CDU-Generalsekretär Gröhe lachte laut, die Kanzlerin schmunzelte.

Merkel ist besser als die CSU-Männer

Vielleicht dachte Seehofer, er müsse noch mehr Komplimente an die CDU-Vorsitzende machen, die am Vortag auf fast 98 Prozent Zustimmung gekommen war, dass er sie sogar mit einem Zitat von Franz Josef Strauß ehrenvoll bedachte. Der habe auch einmal gesagt: "Die Konservativen stehen an der Spitze des Fortschritts." Angie in einem Atemzug mit dem größten CSU-Mann aller Zeiten. Hätte man das jemals für möglich gehalten?

Auf dem Flug nach Hannover, räumte Seehofer außerdem ein, habe man darüber nachgedacht, ob es wenigstens in der CSU schon ein Wahlergebnis gegeben habe, das an Merkels 97,94 Prozent herangereicht habe. Aber es sei ihm kein Fall eingefallen, bei dem ein CSU-Mann ein derart "kubanisches Ergebnis" wie Merkel bei der CDU in Hannover erreicht habe.

"Du bist unsere Nr. 1"

Und daraufhin folgte der demonstrative Kniefall des CSU-Chefs vor Merkel: "Du repräsentiert uns auf der ganzen Welt. Du bist unsere Nr. 1." Und weil er gerade so beim Umschwärmen Angies war, fügte er noch ein vielleicht größeres Kompliment hinzu: "Wenn jetzt Bundestagswahlen wären, würde die CSU gute 49 Prozent erreichen." Das heißt: Seehofer könnte seine Partei aus dem Bündnis mit der unbequemen FDP in Bayern befreien und sich den Ruhm bescheren, die CSU wieder in die Alleinherrschaft zurückgeführt zu haben, was sein wichtigstes politisches Lebensziel ist.

Das war ein totaler Akt der Unterwerfung, den Seehofer dem CDU-Parteitag lieferte. Die Delegierten haben deshalb die beiden kleinen Rügen des CSU-Chefs vermutlich gar nicht mitbekommen. Denn er sagte auch: "Weil wir so erfolgreich sind, sollten wir die Koalition nicht in Frage stellen." Das sollte wohl heißen an die Adresse der CDU: Nicht länger von Schwarz-Grün faseln. Denn aus Seehofers Sicht sind die Grünen keine "Kraft der politischen Mitte, sondern rücken nach links".

Überparteiliche Konflikte werden weggeschmust

Über einen Satz Seehofers dürften die Christdemokraten länger nachgedacht haben. "Die Zusammenarbeit mit der CDU war selten so gut, wie dies der Fall gewesen ist." Er zuckte nicht einmal vor der Übertreibung zurück, die Kooperation sei in der Parteiengeschichte zwischen CDU und CSU ein "goldenes Jahr" gewesen.

Das muss als die Übertreibung des Jahres gewertet werden. Denn golden ist so gut wie nichts gewesen. Jetzt aber hat die CSU nur noch eine Dimension: Merkel eben. Auch in CSU-Augen ist sie fast die überparteiliche Präsidentin der Republik. Da mussten all die vergangenen Konflikte weggeschmust werden. Schließlich hätte Merkels Satz "Gott hat die FDP nur geschaffen, um uns zu prüfen" auf die CSU noch viel besser in den vergangenen Jahren gepasst als auf die Liberalen.

Beziehungsstatus: nicht mehr kompliziert

Überraschend kamen Seehofers Schmeicheltöne allerdings nicht. Auch seine Partei hat inzwischen begriffen, dass ohne Merkel 2013 die Macht auch in Bayern nicht zu verteidigen ist. Schon unmittelbar vor dem CDU-Parteitag war die CSU daher auf Schmeichelkurs zu Merkel gegangen. Seehofer hatte Anfang der Woche in der CSU-Vorstandssitzung erklärt, die Schwesterpartei habe eine "Ideale Symbiose" von klarer inhaltlicher Ausrichtung und einer starken Persönlichkeit an der Spitze erreicht. Er sei zufrieden mit der CDU – mit der Kanzlerin "noch mehr".

Auch in der zuvor besonders umstrittenen Europapolitik muss Merkel die CSU nicht mehr fürchten. Seehofer hatte die Ergebnisse des jüngsten Brüsseler EU-Gipfels schon vor dem Parteitag gefeiert. Sie seien aus seiner Sicht "ein weiterer Etappenerfolg für die Kanzlerin." Merkel antwortete brav. "Wir machen es uns nicht zu jeder Sekunde einfach", sagte sie auf ihr Verhältnis zu Seehofer gemünzt, "aber wenn es drauf ankommt, halten wir zusammen."

CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt und Bayerns Finanzminister Markus Söder hatten zuvor immer den Rauswurf Griechenlands aus der EU gefordert. Je früher, desto besser. Schon auf ihrem CSU-Parteitag Ende Oktober hatte sich die CSU aber an Kanzlerin Merkel herangeschmeichelt durch einen extrem moderaten Euro-Antrag. Auch die CSU hat inzwischen begriffen, dass ihr der Eurokurs der Kanzlerin nicht schadet. Die Kanzlerin kommt in Bayern auf höhere Zustimmungsraten als Seehofer.

Die CSU bemüht sich, ihre Wende und ihren Kniefall noch zu kaschieren. Keiner soll merken, dass sich die Partei der Kanzlerin unterworfen hat. Schon auf dem letzten CSU-Parteitag hatte Seehofer erklärt, die Krisenpolitik der Kanzlerin sei "goldrichtig." Die Nähe der Landtagswahl zwingt die CSU auch zur Nähe bei der Bundestagswahl.

Harmonie statt Gepolter: "Wir halten zusammen"

Poltern ist abgesagt. Es wird geschmeichelt. So lagen sich Merkel und Seehofer auch in Hannover in den Armen – wenngleich es zu einem echten Busserl zwischen den beiden am Ende der Rede Seehofers noch nicht reichte.

Merkel spielt natürlich mit bei der großen Harmonie-Show, das Betreuungsgeld hat sie der CSU ja schon geschenkt. Die Kanzlerin sagt jetzt auch schon mal: "Horst, wenn es drauf ankommt, dann halten wir zusammen." Ob es aber so harmonisch bleibt, diese Frage muss erst noch beantwortet werden.

Hans Peter Schütz