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Shitstorm auf Facebook Seehofers Häme wird zum Bumerang


Der CSU-Chef ist für Hybris bekannt. Nachdem sein direkter SPD-Gegenkandidat die Bewerbung zurückzieht, feiert sich Seehofer als Polit-Herkules. Als er den Grund erfährt, muss er sich entschuldigen.
Von Thomas Schmoll

Normalerweise nutzt Mahmoud Al-Khatib Facebook für politische Statements, Einladungen zu Sitzungen oder auch mal dafür, ein Hermann-Hesse-Gedicht zu hinterlassen oder einen Ideenwettbewerb zu starten: "Ich bin auf der Suche nach einem kreativen, kurzen und prägnanten Slogan für meinen Wahlkampf, so ähnlich wie Obamas 'Yes, we can'", schreibt er dann. Kürzlich schockte der Hoffnungsträger der bayerischen SPD mit einer Botschaft seine Partei. "Liebe Freunde, ich bedauere zutiefst, Euch mitzuteilen, dass ich aus persönlichen Gründen mit sofortiger Wirkung meine Landtagskandidatur zurückziehe sowie meine Beratertätigkeit für Christian Ude niederlege."

Al-Kathib wollte bei der Landtagswahl im September eigentlich im Stimmkreis Neuburg-Schrobenhausen im Herzen des Freistaates als Direktbewerber gegen Ministerpräsident Horst Seehofer antreten.

Vorwürfe der Steuertrickserei

Al-Khatib, Sohn libanesischer Einwanderer, studierter Jurist und Personalchef der Uni Regensburg, schloss seinen Facebook-Eintrag mit "Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde..." Der 38-Jährige verzichtete ausdrücklich, seine Beweggründe zu benennen. Obwohl er ahnte, dass die Gerüchteküche brodeln würde - von angeblicher Unzufriedenheit über seinen Listenplatz über Schwierigkeiten im Beruf bis hin zu Vorwürfen der Steuertrickserei. Nichts davon treffe zu, sein Schritt habe rein familiäre Gründe, die er nicht in der Öffentlichkeit breittreten wolle.

Seine Parteifreunde schrieben auf Facebook "Glaub ich jetzt nicht wirklich" oder einfach nur "schade". Christian Ude, der SPD-Bewerber für das Ministerpräsidentenamt, bedauerte den Schritt zutiefst. Er hatte Al-Khatib als Berater für Migration und Integration in sein Wahlkampfteam geholt.

Seehofer wurde zum Vorbild erhoben

CSU-Chef Seehofer hingegen frohlockte, ließ in für ihn typischem Stil den Polit-Herkules heraushängen und haute auf seiner Facebook-Seite auf den Putz: "Ich habe in meinem Stimmkreis noch gar nicht mit dem Wahlkampf begonnen und mein Gegenkandidat hat trotzdem schon aufgegeben. Das soll mir erstmal einer nachmachen." Seine Fans jubelten in ähnlich unbescheidener Manier: "Gegen unseren Super-Horst fallen doch sowieso alle anderen Kandidaten einfach um!" Und: "Wir haben keinen Papst mehr aber einen Horst".

Seehofer wurde zum Vorbild erhoben, der Sieg bei der Bundestagswahl zur abgemachten Sache erklärt: "Hahahahaha.....KLASSE!! Wenn der Steinbrück so weitermacht, kann das unsere Bundeskanzlerin auch bald von sich sagen." Es gab auch warnende Stimmen, die darauf verwiesen, dass doch die Gründe des Rückzugs des SPD-Kandidaten unbekannt seien. Sie sollten Recht behalten. Allerdings auch Al-Khatib: Die Gerüchteküche begann zu brodeln.

Ganz weit vorne bei den Entschuldigungen

"Zur Klarstellung und Erklärung" schrieb der Sozialdemokrat deshalb auf seiner Facebook-Seite: "Meine hochschwangere Frau durchlebt eine sehr komplizierte Schwangerschaft mit zum Teil lebensbedrohlichen Begleiterscheinungen. Sie braucht mich JETZT und nicht erst nach der Wahl!!!" Er wies abermals alle anderslautenden Spekulationen zurück: "Perfide finde ich das Gerücht mit dem Strafverfahren, denn hier scheint wieder jemand die Klischeekiste ausgepackt zu haben nach dem Motto: alle Migranten sind kriminell."

Auf Seehofers Facebook-Seite erläuterte er ebenfalls den Grund seines Schritts, schrieb aber noch dazu: "Wer sind Sie nochmal, Herr Seehofer ? Vorsitzender der CHRISTLICH Sozialen Union? Sie sollten sich schämen..." Über den CSU-Chef brach von da an ein Shitstorm los. So kommentierte Christoph Kittel: "Also, wenn sich Steinbrück schon wegen der korrekten Bezeichnung von politischen 'Clowns' entschuldigen soll, dann hat sich der feine Herr Seehofer aber ganz weit vorne bei den zwingenden Entschuldigungen eingereiht!"

Empörungswelle im Netz

Seehofer, den seine Partei lange betteln musste, als Direktkandidat anzutreten, reagierte und schrieb an den "sehr geehrten Herrn Al-Khatib": "Das tut mir aufrichtig leid!" Mit großer Betroffenheit habe er erst "durch Ihr Posting" von den Beweggründen erfahren. "Selbstverständlich hätte es von mir nie eine Bemerkung gegeben, wenn dies auch nur ansatzweise bekannt gewesen wäre. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie von Herzen alles Gute. Meine Gedanken sind bei Ihrer Frau." Der SPD-Mann nahm die Entschuldigung "selbstverständlich" an, betonte jedoch auch: "Dennoch sollte die Berechtigung eines solchen Kommentars nicht vom Bekanntsein der familiären Gründe abhängig sein. Für mich ist diese Angelegenheit hiermit beendet. Ich werde Ihr Bedauern meiner Frau ausrichten."

Die Empörungswelle schwappte auch nach Seehofers Entschuldigung durch das Netz. Dem CSU-Vorsitzenden wurde besonders angekreidet, sein Sorry nicht als eigenes Posting, sondern nur als Kommentar veröffentlicht zu haben. So fragt Lars Wollenhaupt: "Wann schaltet dieser bayerische Möchtegernkönig eigentlich einmal sein Gehirn ein?" Und Musti Yurt: "Ich wünsche Horst und seiner sog. 'Partei' alles Schlechte und ein baldiges PARTEIVERBOT!!" Nur wenige zeigen Verständnis. Zum Beispiel Frank Günther: "HS hat sich (...) entschuldigt, als er weitere Infos bekam - also wo liegt das Problem???"

Es ist ausgerechnet Al-Khatib, der sich bemüht, die Wogen zu glätten. "Ich wollte mit meinem Posting keine derartige Welle lostreten. Ich wollte lediglich den kursierenden Gerüchten den Wind aus den Segeln nehmen. Nichtsdestotrotz freut uns die große Anteilnahme und die breite Unterstützung. Betet für eine rasche Gesundung meiner Frau und insbesondere für den kleinen (ungeborenen) Noah." Und zum Streit mit dem CSU-Chef notierte er auf dessen Facebook-Seite: "Horst Seehofer hat sich öffentlich entschuldigt und wir haben seine Entschuldigung angenommen, damit sollte die Angelegenheit schnell wieder erledigt werden."


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