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Sicherheit zum Jahreswechsel Feiern wir Silvester, Karneval und Co. künftig nur noch unter Polizeischutz?

Polizeiaufgebot zu Silvester in Köln
Silvester 2016/2017 in Köln: Polizei soweit das Auge reicht
© Henning Kaiser/DPA
Dieses Jahr ist es an Silvester gut gegangen. Dank eines massiven Polizeieinsatzes gab es zum Jahreswechsel so gut wie keine schwerwiegenden Zwischenfälle. Was heißt das für die Zukunft: Werden große öffentliche Feiern künftig zu Hochsicherheitsereignissen?

Außer dem Streit um einen Begriff "Nafri" ist der Jahreswechsel 2016/2017 erfreulich ruhig verlaufen. Weder in Köln noch in Frankfurt oder in Hamburg wurden größere Zwischenfälle bekannt, was auch an der großen Polizeipräsenz lag. Vorkommnisse massenhafter sexueller Belästigungen oder Diebstähle wie vergangenes Jahr wollten und sollten die Beamten verhindern - was den Einsatzkräften auch gelungen ist.

Doch der Preis dafür war hoch: Allein in Köln mussten fast 2000 Polizisten Sonderschichten schieben, Hunderte, verdächtig aussehende junge Männer - sprich "südländisch" oder "nordafrikanisch" - wurden kontrolliert, viele von ihnen auch zu Unrecht. Das Lob aber überwiegt die Kritik. 79 Prozent der Deutschen hält das Vorgehen laut einer Forsa/RTL-Umfrage für angemessen.

Ex-Polizist: Was wäre die Alternative gewesen?

So auch äußert sich Ex-Polizist Nick Hein, früher selbst am Kölner Hauptbahnhof im Einsatz gewesen, in einem vielgeteilten Facebook-Eintrag. Der Autor, Mixed-Martial-Arts-Kämpfer (das sind die, die Kampfkünste als Vollkontaktsport ausüben) und Schauspieler hatte jüngst das Buch "Polizei am Limit" verfasst. Ein "desillusionierender Blick auf den Arbeitsalltag in Uniform", wie es beim Verlag heißt. In seinem Posting verteidigt Hein das Vorgehen der Beamten - vor allem die gezielten Kontrollen von Nordafrikanern. "Irgendwann gegen 23.00 Uhr kamen auf einmal mehr als 600 junge arabisch aussehende Männer zeitgleich aus dem Bahnhofsgebäude. Diese wurden zusammen von der Polizei angehalten und kontrolliert. Die Stimmung war teilweise gereizt aber zu Ausschreitungen kam es nicht. Was wäre die Alternative gewesen?"


Das ist natürlich eine gute Frage. Und nicht die einzige. Auch wenn von einigen, üblichen Delikten wie Raub und Diebstahl alles gut gegangen ist, muss nun zum Beispiel geklärt werden, warum etwa trotz Ankündigung massiver Polizeipräsenz dennoch knapp 1000 Menschen nordafrikanischer Herkunft nach Köln gekommen sind, von denen laut Polizei nicht alle feiern wollten. Oder ob künftig alle Großereignisse wie Silvester oder Karneval nur noch unter enormen Polizeieinsatz stattfinden können. Der stern hat bei der Polizei in Hamburg und Köln nachgefragt:

Wie fällt die Silvester-Bilanz im Vergleich zu den Vorjahren aus?

Die Hamburger Polizei ist weitgehend zufrieden. Größere Schwierigkeiten seien ausgeblieben, sagt Polizeisprecher Ulf Wundrack. Von den drei Bereichen an denen besonders viele Feiernde erwartet wurden - auf St. Pauli, den Landungsbrücken und an der Binnenalster - kamen dieses Jahr weniger als die Silvester zuvor. Am Jungfernstieg etwa waren "zu es Spitzenzeiten 4000 Menschen, darunter auch eine Vielzahl solche mit Migrationshintergrund, die teilweise hochaggressiv waren." In den vergangenen Jahren seien es dort rund 12.000 Feiernde gewesen. Auf dem Kiez kamen statt 50.000 45.000 Gäste. "Die Kollegen haben die Menschen angesprochen und kontrolliert, vereinzelt wurden Platzverweise ausgesprochen", so Wundrack.
Die Kölner Polizei spricht dagegen von einer "unvergleichlichen" Situation. "Hätten wir nicht diese massive Präsenz gezeigt, hätte die Situation durchaus kippen können", sagt Polizeisprecher Thomas Held. Am späten Samstagabend trafen am Hauptbahnhof "mehrere Hundert Nordafrikaner" ein. Sie wurden festgehalten, ihre Papiere kontrolliert. Einige seien danach direkt wieder mit dem Zug weggefahren.

Hat die Ankündigung von großer Polizeipräsenz ihre Wirkung verfehlt?

In Köln sind die Sicherheitsbehörden noch dabei, den Einsatz und die Folgen zu bewerten. "Trotz unserer Aufklärungsmaßnahmen im Vorfeld waren wir überrascht, dass doch so viele Menschen gekommen sind, die auffällig waren und wir kontrollieren mussten", sagt Thomas Held. Viele von ihnen seien sogar aus Süddeutschland und aus dem Ausland angereist, "einige haben aber noch auf dem Absatz kehrt gemacht, als sie gesehen haben, dass so viele Beamte im Einsatz waren."

Polizeikontrollen von Nordafrikanern zu Silvester in Köln: Rassismus oder gute Polizei-Arbeit?

Tauchen solche Problemgruppen auch außerhalb von Großereignissen wie Silvester auf und sind sie organisiert?

"In der Größenordnung nicht", sagt der Kölner Polizeisprecher Thomas Held, "aber wir behalten das natürlich im Auge." Bei den so genannten "Antänzern" sei durchaus eine Organisation zu erkennen. Sie tauchten meistens mit mehreren Leuten auf: der eine stehe Schmiere, einer tanzt an, der dritte begehe dann den Diebstahl.

Wird es künftig nur noch sichere Großveranstaltungen mit massivem Polizeiaufgebot geben?

Der Hamburger Polizeisprecher Wundrack kann diese Frage nicht pauschal beantworten. Zum einen sei die vollständige Bewertung des Silvestereinsatzes noch nicht abgeschlossen, zum anderen "ist es schwierig, Vergleiche zu ziehen"; wie er sagt. "Wir prüfen immer von Einzelfall zu Einzelfall, denn jede Veranstaltung ist anders". Anders gesagt: Was sich zum Jahreswechsel bewährt habe, muss nicht auch beim Hafengeburtstag funktionieren.
In Köln finden die Beamten deutlichere Worte: "Gewisse Feiertage werden eher nicht nicht mehr so sein wie früher", sagt Thomas Held. "Aber wir setzen alles dran, die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten.


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