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Sinti- und Roma-Mahnmal eingeweiht: Endlich fertig - nach 20 Jahren

"Zigeuner" nannte man sie früher, die Nazis haben sie verfolgt und ermordet. Nun haben auch Sinti und Roma in Berlin ein Mahnmal bekommen. Langsam wird es eng in der Berliner Geschichtslandschaft.

Von Anja Lösel

Sie sind alle da: Sinti, Roma, auch ein paar aus der Gruppe der Jenischen, der Lalleri, der Manusch. "Zigeuner" nannte man sie früher. Von den Nationalsozialisten wurden sie verfolgt, in Konzentrationslager gesteckt und umgebracht. Wie die Juden, nur noch viel weniger beachtet und noch viel schneller vergessen.

Rund 500 Überlebende und Nachkommen der Opfer sind nach Berlin gereist, um dabei zu sein, wenn das "Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas" eingeweiht wird. Endlich. Sie haben 20 Jahre darauf gewartet, so lange gibt es den Plan schon. Die Sonne scheint, Bundespräsident Joachim Gauck ist da, Angela Merkel hält eine bewegende Rede, alle Religionsgemeinschaften und alle Bundesparteien haben ihre Vertreter geschickt an diesen Ort nur wenige Schritte vom Reichstag und vom Brandenburger Tor entfernt.

Die Klagen des Künstlers

Es ist ein seltsames Denkmal, das sie da feiern. Ganz ohne Figuren und ohne hoch aufragenden Säulen oder Stelen. Nur ein rundes, tief schwarzes Wasserbecken, zwölf Meter im Durchmesser, in der Mitte ein Stein mit einer blauen Blume. Am Boden flache Steine, die die Namen von Orten des Verbrechens tragen: Sachsenhausen, Auschwitz, auch Berlin-Marzahn. Drum herum gläserne Tafeln, auf denen die schreckliche Geschichte von der "endgültigen Lösung der Zigeunerfrage" erzählt wird, die SS-Führer Heinrich Himmler schon 1938 einforderte. Dani Karavan, 81, hat das Denkmal entworfen. Der israelische Künstler ist ein streitbarer Mensch. Noch immergerät er in Rage, wenn er nur daran denkt, wie schwierig alles war und wie lang es gedauert hat. Zuerst wurde gestritten um den Text, der auf den Tafeln stehen sollte. Später um die Ausführung des Kunstwerks. Vieles ging schief. "Man lieferte falsches Material, falsche Steine, man wollte mich daran hindern, die Baustelle zu betreten. Ich beschloss nie wieder nach Deutschland zu kommen, so schlimm war das", sagt Karavan.

Blumenstrauß mit Aufschrift "Buchenwald"

Aber nun ist er doch da. "Wenn ich nicht weitergemacht hätte, dann hätten die Sinti und Roma niemals ihr Denkmal bekommen." Ist er zufrieden? "Nur froh, dass es jetzt da ist." Und doch spürt er: "Es ist das denkwürdigste Werk, das ich je geschaffen habe."

Die Sinti und Roma sind ihm dankbar. Aber spät, viel zu spät kommt es für sie, vor allem für die wenigen Überlebenden, die es noch gibt. Der zerbrechliche Mann, der einen Blumenstrauß mit der Aufschrift "Buchenwald" trägt, ist einer von ihnen.

Und Zoni Weisz, 75, ein feiner Herr mit Brille und grauem Schnurrbart. Seine Familie kam in Auschwitz um, er "überlebte den Naziwahnsinn" als sieben Jahre alter Junge, vielleicht weil "ein guter Polizist" ihn auf dem Bahnhof entkommen ließ. "Ich bin auf wundersame Weise dem Zigeunertransport entkommen", sagt er. Die Eltern und seine Schwester nicht.

500.000 Menschen wurden ermordet, einfach nur, weil sie Sinti oder Roma waren. Weisz nennt ihren Tod den "vergessenen Holocaust". Und klagt an: "Nichts, fast nichts hat die Gesellschaft daraus gelernt, sonst würde man jetzt auf andere Art und Weise mit uns umgehen." Das Denkmal sei kein Schlusspunkt, sondern erst der Anfang. Jetzt heiße es, mit der Integration der Roma zu beginnen.

Angela Merkel zeigt sich "tief berührt" von Zoni Weisz' Worten. Alles hier "erfüllt mich mit Trauer und Scham", sagt sie. "Es ist unfassbar." Und das Denkmal? Ist es gelungen? Nun ja, es ist sehr emotional und gefühlvoll. Und sehr verletzlich. Jeden Tag soll eine neue Blume auf dem Stein inmitten des Wasserbeckens liegen. Die erste, einen blauen Eisenhut, legt das zwölf Jahre alte Sinti-Mädchen Messina Weiss nieder, die Urenkelin einer Auschwitz-Überlebenden. Dazu muss sie in einen Raum unter dem Denkmal hinabsteigen. Von dort wird die Blume hydraulisch auf einer Art von Säulenkonstruktion hochgefahren. Ziemlich aufwändig. Langsam begreift man, warum so ein scheinbar schlichtes, rundes Wasserbecken 2,8 Millionen Euro kosten konnte.

2,8 Millionen Euro Kosten

Aber davon will Dani Karavan nichts hören, er ist wütend, dass immer alles auf die Kosten reduziert wird. "Dieses Denkmal ist ein Ort der Hoffnung, dass sich solche ungeheuren Verbrechen niemals wiederholen", sagt er. Der Stein sei "schwer wie ein Stein auf dem Herzen", die Blume "wie ein Gebet im Nachhinein, Tag für Tag". Ja, es ist ein schöner und angemessener Ort fürs Gedenken an die ermordeten "Zigeuner". Und doch: Hätte man die 2,8 Millionen Euro nicht besser für die lebenden Sinti und Roma einsetzen können? Es gibt doch schon das Holocaust-Mahnmal gleich nebenan. Der ermordeten Sinti und Roma hätte man auch dort gedenken können. Warum muss jede Opfergruppe ihr eigenes Mahnmal in Berlin haben: die Juden, die Homosexuellen (gleich gegenüber), die "Zigeuner" (wenige Schritte entfernt), die Euthanasieopfer (nahe der Philharmonie). Denkmal neben Denkmal. Eine unselige Entwicklung, die die Menschen ermüdet und Vergangenheitsbewältigung zu einer lästigen Pflichtübung zu machen droht.

Das Denkmal als Anfang

Aber nun ist das Denkmal da, und im besten Fall führt es uns direkt in die Gegenwart. Wenn wir uns mal wieder über nervige Akkordeonspieler oder aufdringlich bettelnde Roma-Mädchen ärgern, fragen wir uns jetzt vielleicht: Warum sind sie eigentlich hier? Weil sie nicht wissen, wie sie ihren Lebensunterhalt verdienen sollen. Weil sie in ganz Europa herumgeschubst, bedroht weggeschickt und ausgewiesen werden. Weil sei immernoch eine ungeliebte Minderheit sind, um die kaum einer sich kümmern mag.

Wie der Holocaust-Überlebende Zoni Weisz es sagte: Das Denkmal ist erst der Anfang.