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SPD-Chef in der "Zeit": Wie Gabriel unter seinem Nazi-Vater litt

Lange währte das Schweigen - nun hat SPD-Chef Gabriel erstmals über seinen Nazi-Vater gesprochen. Es ist eine Geschichte von Gewalt und Angst, die viel erklärt. Auch Gabriels Reaktion auf Sarrazin.

Von Lutz Kinkel

Was hat der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler über seinen Rücktritt berichtet? Was Kurt Beck über seinen schmählichen Herauswurf aus dem SPD-Vorsitz? Wer hätte Angela Merkel jemals über eigene Kinderwünsche reden hören?

Es ist selten, dass Spitzenpolitiker persönliche Erfahrungen offen legen. Erfahrungen, die Unsicherheit, Verletzlichkeit, Zweifel sichtbar machen. Zumeist stranguliert die Sorge, die Menschen würden solche Selbstbeschreibungen als Schwäche wahrnehmen, jedes Wort. Vermutlich hat auch SPD-Chef Sigmar Gabriel lange Zeit so gedacht und deswegen nie öffentlich über seinen rechtsradikalen Vater gesprochen. Hinzu kam Gabriels Befürchtung, seine pflegebedürftige Mutter könnte unter einer Debatte leiden, weil der geschiedene Ehemann sie womöglich mit Vorwürfen überzogen hätte.

Nun hat er, nach dem Tod des Vaters, sich doch geöffnet. Und dem Autor Bernd Ulrich von der "Zeit" gelang, was selten ist im Genre des politischen Portäts: So nah heran zu zoomen, dass es schmerzt, dabei aber die Würde des Porträtierten nicht zu verletzen. "Sein Leben als Sohn", am Donnerstag veröffentlicht, ist ein großer Artikel - weil er anrührt, weil er überrascht und weil er die biografische Erforschung nicht zum Selbstzweck macht. Sondern immer wieder die Frage stellt: Was bedeuten der Nazi-Vater und die schwierige Jugend für Gabriel heute? Für sein Denken, sein Fühlen, für die SPD?

Vater gegen Sohn, nochmals

Der Fakt, dass Gabriels Vater ein Nazi war und bis zu seinem Tod im Juni vergangenen Jahres blieb, war in Berlin kein Geheimnis. Zumal es auch Versuche gab, ihn gegen den SPD-Chef zu instrumentalisieren. Im Frühjahr 2011 publizierte eine rechte Postille ein vierseitiges Rührstück über den pensionierten Beamten, der zu diesem Zeitpunkt in einem Pflegeheim in Ahrensburg bei Hamburg lebte - mit Schlesien-Karte über dem Schreibtisch. Der Tenor des Artikels: politisch verirrter Sohn lässt alten, kranken Vater im Stich. Die "Berliner Morgenpost" und der "Berliner Kurier" griffen den Spin auf, lieferten aber Wesentliches nach. "Menschlich und weltanschaulich trennen Vater und Sohn Welten. Denn Walter Gabriel ist ein unbelehrbarer Rechtsradikaler", schrieb der Berliner Kurier. Der alte Mann hatte sich den Reportern gegenüber als Abonnent der "National-Zeitung" zu erkennen gegeben und den Holocaust angezweifelt.

Gabriel reagierte damals nicht. Der braune Schatten seines Vaters blieb tabu.

Blinder Fleck und Lösung

Der SPD-Chef berichtete öffentlich nur von der frühen Trennung seiner Eltern, von dem Zwang, bei seinem autoritären Vater leben zu müssen und dem jahrelangen Sorgerechtsstreit vor Gericht. Dies belastete ihn als Jugendlichen derart, dass er "eine ganze Reihe von Lern- und Verhaltensstörungen" entwickelte, wie er bereits 2002 in seinem Buch "Mehr Politik wagen" einräumte. Erst als er endlich zur Mutter ziehen durfte, die ihn in den Sportverein schickte, zur Nachhilfe, sogar einen Dackel anschaffte, um den überdrehten Jungen zu beruhigen, fing er sich wieder. Ein Hinweis auf die Rechtsradikalität des Vaters fehlte in dieser offiziellen Erzählung. Ein blinder Fleck, eine Leerstelle.

Erst der Tod des Vaters und die Sichtung seines Nachlasses bewegten Gabriel dazu, die Leerstelle zu füllen. Er hoffe, dass sich etwas in ihm löse, sagte er der "Zeit". Auf die Rückfrage, ob dies der Fall sei, antwortete er: Nein. Von Wut ist an anderer Stelle des Textes die Rede. Von Traurigkeit. Und von Selbstzweifeln, einem Vorbehalt gegen die eigene Person, der mitverantwortlich dafür gewesen sei, dass er die SPD-Kanzlerkandidatur nicht übernommen habe. Diese emotionale Beschaffenheit hätte ihn in der Jugend beinahe aus der Gesellschaft katapultiert. Und sortiert nun, vielfach reflektiert und kanalisiert, Privatleben und Beruf.

Ein "Fulltime-Nazi"

Wie ungeheuerlich die Zumutung des Vaters war, ist in der "Zeit" erstmals umfassend beschrieben. Walter Gabriel prügelte seinen Sohn nicht nur, er zog ihm auch einen von fünf Groschen Taschengeld ab, wenn er seine Stiefmutter nicht "Mutti" nannte. Nach der Schule musste der Junge stundenlang in der Amtsstube des Vaters warten, bis dieser endlich seine Arbeit verrichtet hatte. Als 1969 der Mutter das Sorgerecht zugesprochen wurde, entführte der Vater seinen Sohn an seinen neuen Wohnort in Ahrensburg. Dort zwang er das Kind, von einer Telefonzelle aus bei der Mutter anzurufen und zu erklären, er wolle lieber beim Vater bleiben. Als Erwachsener hat Gabriel versucht, diese Telefonzelle wieder zu finden. Sie existiert nicht mehr.

Zwischen 1985 und 2005 riss der Kontakt zum Vater völlig ab, was Walter Gabriel aber nicht davon abhielt, seinem Sohn rechtsradikales Schrifttum zuzuschicken. Jede Sendung vermerkte er penibel auf einer Karteikarte, links oben am Rand steht "Gabriel, Sigmar". Und darunter die Liste der Titel. Von "Sterben die Deutschen aus" über "Wer ist Bonhoeffer wirklich" und die "Lust am eigenen Niedergang" bis zur "Holocaust-Legende". Im Nachlass seines Vaters fand der Sohn nicht nur diese Karteikarte, sondern massenhaft rechtsextreme Zeitschriften und hunderte revisionistische Bücher. Der Pensionär hatte sie durchgearbeitet und einzelne Passagen mit Hilfe von Stift und Lineal unterstrichen. Bernd Ulrich, der Teile des Nachlasses bei der Recherche sehen konnte, schreibt, es ergäbe sich "das Bild eines Mannes, der in dreißig Jahren nach seiner Pensionierung als Beamter und Staatsdiener ein Fulltime-Nazi war".

Sozialisation bei den Falken

Ist die Dialektik so schlicht, dass der Sohn notwendig ein Linker werden musste, um sich vom rechtsradikalen Vater zu emanzipieren? Ulrich hält sich mit dieser Interpretation zurück, zumal Gabriel offenbar erst als junger Erwachsener gewahr wurde, wo sein Vater politisch steht; sich aber schon als Pubertierender, als er bei der Mutter lebte, in der SPD-Jugendorganisation Falken sozialisierte. Mädchen, Zeltlager und politische Selbsterprobung waren die vordergründigen Motive. Und der zornige Schrei nach Gerechtigkeit, so sagt es jedenfalls Gabriel selbst. Seine Mutter, eine Krankenschwester, alleinerziehend, hatte größte Mühen, die Familie über Wasser und den Sohn im Gleis zu halten. Die Biografien vieler sozialdemokratischer Spitzenpolitiker haben in solch prekären Verhältnissen ihren Urgrund. Gerhard Schröder, Sohn einer alleinerziehenden Putzfrau, Kurt Beck, Spross eines Maurers.

Was die Falken in jedem Fall beförderten und verfestigten, war Gabriels Abgrenzung gegen rechtsradikales Gedankengut. Ulrich schreibt, dass sich daraus Gabriels Engagement erklären lässt, gegen alles, "was ihm rassistisch oder faschistisch erscheint". Viele hätten sich gewundert, dass Gabriel in der Sarrazin-Debatte so scharf gegen den ehemaligen Berliner Finanzsenator vorging und seinen Rauswurf foderte. Aber, voilà: hier ist der biografische Hintergrund.

Timing einer Offenlegung

Wird es Gabriel schaden, dass er diese Offenheit zugelassen hat? Hätte er dies vor der Nominierung Peer Steinbrücks zum SPD-Kanzlerkandidaten getan, wäre es ihm als verkappte Bewerbung, als über biografische Bande gespielte Proklamation sozialdemokratischer Tugendhaftigkeit ausgelegt worden. Nun, nach der Nominierung, lässt sich der Text unbefangener lesen, zumal sich die Recherche nach Ulrichs Angaben über Monate erstreckte und Gabriel nicht wissen konnte, dass Steinbrück ins Straucheln geraten würde.

Die politischen Effekte des Textes dürften eher langfristig sein. Der SPD-Parteichef, oft als Tausendsassa und Luftikus bespöttelt, hat eine ernste, emotionale und zugleich tief politische Seite seines Lebens offenbart. Dies macht ihn verstehbarer und fordert Respekt.