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SPD-Parteitag Steinbrück sagt fast leise Servus


Vor zwei Monaten Kanzlerkandidat, jetzt schon Geschichte: Auf dem SPD-Parteitag bekam Peer Steinbrück 15 Minuten für seine Rede. Ein leiser Abgang. Doch die Pferde seiner Kavallerie bleiben gesattelt.
Von Andreas Hoidn-Borchers, Leipzig

Es ist ein merkwürdiger Abgang. Nein, anders: ein denkwürdiger Abgang, in vielerlei Hinsicht. Peer Steinbrück steht, mutmaßlich ein letztes Mal, oben auf dem Podium bei einem SPD-Parteitag. 15 Minuten haben sie ihm eingeräumt in Leipzig, eine Viertelstunde zum Auftakt. Er ist jetzt eine Art Ein-Mann-Vorgruppe für Sigmar Gabriel, den Mann, der ihm im letzten Jahr das Leben so schwer gemacht hat (und umgekehrt); der theoretisch immer wusste, dass im Wahlkampf der Kandidat die uneingeschränkte Nummer eins der Partei sein muss, oft dann aber an den Klippen der Praxis scheiterte. Illoyalität hat Steinbrück ihm öffentlich zwei Monate vor der Wahl vorgeworfen, ein sehr ungewöhnlicher Akt. Es war ein verbal gezeigter Stinkefinger. Zur Steigerung von Steinbrücks Wohlbefinden dürfte sicher beitragen, dass er Gabriels Alleingänge und Eskapaden nun nicht mehr aushalten muss (auch das gilt wahrscheinlich umgekehrt genauso). Es ist ein ziemlich schnödes Ende eines Misserfolgsduos.

Aber Steinbrück dürfte das egal sein. Er hat jetzt wieder Zeit. Kann lesen, was er will. Kann Ausstellungen besuchen. Ins Kino gehen. "The Butler" zum Beispiel. Absolut sehenswert. Die Wochenenden - unverplant. Irre. Hatte er lange nicht. Seine Tage sind wieder selbstbestimmt. Er mag die Wahl verloren haben, eines hat er eindeutig gewonnen: Lebensqualität.

Gottfroh, dass es vorbei ist

Gut, ab und zu hängt er noch in der großen Runde bei den Koalitionsgesprächen rum. Sieht man ihn auf Fotos dieser seltsamen Tafelrunde, wundert man sich ein wenig: Ach ja, der ist ja auch noch da. So schnell geht das. Peer Steinbrück, man muss es so sagen, ist Geschichte. Und wenn man ihn in diesen Tagen sieht und spricht, kann man den Eindruck gewinnen: Die herbe Schlappe, die er in diesem Ausmaß nicht erwartet hatte, schmerzt, keine Frage. Er wundert sich noch immer darüber, dass die Leute zwar die Politik der SPD wollen, von der Mietpreisbremse über den Mindestlohn bis zur Reichensteuer, sie aber ums Verrecken nicht wählen wollten. Ihn nicht wählen wollten. Aber er ist auch gottfroh, dass es vorbei ist.

Steinbrück ist also noch dabei, aber er gehört nicht wirklich mehr dazu. Gelegentlich verhandelt er mit Finanzminister Wolfgang Schäuble und zwei, drei anderen in kleinerer Runde noch ein paar knifflige Details der Finanzmarktpolitik. Das hat er vor der Wahl versprochen. Er wollte nicht einfach leise und geschlagen durch die Hintertür schleichen. Er will noch tun, was er kann, die SPD so in eine erneute Große Koalition zu führen, dass nicht nur die Basis dem ungeliebten Bündnis zustimmt; er will auch erreichen, dass die Partei stolz regieren und in vier Jahren besser abschneiden kann.

Keine Heulsusen in der Partei

Wichtig ist aber: Er muss das nicht machen. Er will es. Es ist ein letzter Dienst an seiner Partei. Das kann man jetzt getrost so schreiben: seine Partei. So merkwürdig das klingt und so wenig man das erwartet hätte, aber Peer Steinbrück und die SPD haben in diesem katastrophalen Wahlkampf überhaupt erst richtig zueinander gefunden. Er habe es nicht mit Heulsusen zu tun gehabt, sagt Steinbrück nun. Er meint das ehrlich. Es hat ihn überrascht, wie die Genossen trotz der immer trüber werdenden Aussichten gekämpft haben bis zuletzt. Das war nicht immer so. Und sie haben ihn unterstützt, als er Fehler machte. Auch das hat er, zu Recht, nicht als selbstverständlich angenommen. Aber Blut ist eben auch in Parteien oft dicker als Wasser.

Kein Nachtreten, aber Ratschläge

Steinbrück könnte seinen letzten etwas größeren Auftritt vor diesem Publikum nutzen, noch einmal nachzutreten, abzurechnen. Aber wer das erwartet hatte, kennt ihn schlecht. Er sagt auf seine Art leise Servus. "Es lag nicht an euch", exkulpiert er die Genossenschaft. Er spricht von "manchen Stockfehlern" und davon, dass die "Hauptverantwortung beim Spitzenkandidat liegt, also bei mir." Da demonstriert er, dass er wirklich "ein feiner Kerl" ist, wie Gabriel ihn in seiner Rede etwas später rühmen wird.

Ein paar Ratschläge hat Steinbrück natürlich. Es sind viele Selbstverständlichkeiten, die er in diesen 15 Minuten ausspricht. Falsch sind sie deswegen nicht. "Es genügt nicht, wenn wir allein daran glauben", dass die SPD es schon richtig macht. "Wir dürfen uns nicht genug sein." Das ist so ein Satz. Ein anderer lautet: "Es muss sich gut anfühlen, SPD zu wählen." Es gab mal einen SPD-Vorsitzenden, der es so ausdrückte: "Nur wer von sich selbst begeistert ist, kann andere begeistern." Aber der ist schon lange in einer anderen Partei.

Die Kavallerie bleibt

Das wird Steinbrück nicht passieren, das nicht. "Dies ist kein Abschied, Sozialdemokrat ist man aus Überzeugung, nicht aus Kalkül", sagt er. "Man bleibt es auch, wenn man sich aus der ersten Reihe zurückzieht." Er habe viel Solidarität empfangen, "und die SPD wird sich, so lange ich lebe, auf meine Solidarität verlassen können." Fast hat man den Eindruck, seine Stimme sei leicht gebrochen. Aber keine Rührseligkeit. Seit letzter Satz ist noch mal ein echter Steinbrück: "Die Pferde meiner Kavallerie bleiben gesattelt."

Dann ist es vorbei. Noch ein wenig stehender Beifall. Steinbrück winkt mit seinem Blumenstrauß. Rechts neben ihm steht Hannelore Kraft. Links neben ihm Sigmar Gabriel. Es ist vielleicht Zufall. Aber es ist auch sehr treffend. Einer von den beiden ist der nächste Steinbrück.


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