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SPD: Schröder startet sein Wahlkampfjahr

Es fühlte sich ein bisschen wie 1998 an: dunkle Halle, treibende Musik, Spotlight auf Gerhard Schröder. Neben ihm Sigmar Gabriel, der an diesem Abend zum SPD-Kandidaten des Wahlkreises 50 gewählt werden soll. Aber das ist nur ein Vorwand. Schröders Wahlkampfjahr hat begonnen.

Von Lutz Kinkel

Vor der Halle parkt, dekorativ quer auf den Grünstreifen gestellt, ein blankgeputzter VW. Dahinter die Fahnenstangen. Das rote Tuch der Sozialdemokraten. Eine Deutschlandfahne mit dem Wappen Niedersachsens. Kleiner geht’s nicht. Immerhin treten hier ein Ex-Kanzler und ein Noch-Hoffnungsträger auf: Gerhard Schröder und Sigmar Gabriel. Gazgerd und Siggi Pop. Currywurst und Knut. Einmarsch der Gladiatoren in der abgedunkelten Halle. Spotlight, dramatische Musik, Kamerateams stürzen hinterher. Schröder bleckt sein Raubtiergrinsen, sein Anzug sitzt perfekt, die Haare ohne ein graues Strähnchen. Let's rock!

Eigentlich geht es darum, Sigmar Gabriel als SPD-Bundestagskandidaten für den Wahlkreis 50 aufzustellen, also für Wolfenbüttel, Salzgitter und Goslar. Dafür wären notwendig gewesen: Ein Gabriel, eine Rede, stimmwillige Delegierte, Feierabend. Aber dann gelang Gabriel ein Coup: Er überzeugte seinen Freund und politischen Ziehvater Gerhard Schröder, auf einen Sprung in Wolfenbüttel vorbeizujetten. Also geht es hier nicht nur um Gabriels Wahl, sondern um Wahlkampf im Superwahljahr 2009. Für die SPD marschieren seit dem Sturz von Kurt Beck die Schröderianer auf: Frank Walter Steinmeier und Franz Müntefering vorneweg, Sigmar Gabriel irgendwie hinterher, vielleicht wird er eines Tages Fraktionsvorsitzender. Was für ein Fest für Altkanzler Schröder, seine Buddys in den Schlüsselpositionen der Partei zu sehen. Da legt man auch schon mal die Cohiba beiseite und tut einen Gefallen. Die Wolfenbütteler Lindenhalle ist mit 800 Besuchern knackevoll.

Slogan mit Schüttelreim

"Bevor es zu weihnachtlich gemütlich wird, will ich doch ein paar Dinge über Politik sagen", eröffnet Schröder seine Rede und das Publikum johlt. Dann rechnet er süffisant mit Kanzlerin Angela Merkel ab, mit ihrer Abkehr vom Neoliberalismus und ihrer Hinwendung zu Umweltpolitik, sozialer Marktwirtschaft und staatlicher Kontrolle. Schröder erinnert an seine eigenen Tage als Juso-Vorsitzender und kostet jede Silbe aus: "Wir haben damals mit breiten Mehrheiten beschlossen, dass die Banken verstaatlicht werden müssen. Und die Merkel tut das jetzt. Das ist doch erstaunlich." Natürlich sind solche Nickeligkeiten auch eine Aufforderung an die Genossen, die eigene Politik offensiver zu verkaufen. Man müsse nicht nur gegenüber der Linkspartei, sondern auch gegenüber CDU und CSU klar machen: "Wir sind das Original. Und ihr seid das Plagiat." Das ist der Wahlkampfsprech Schröderscher Machart, witzig, selbstbewusst und angriffslustig, also mit genau jenen Zutaten, die Kurt Beck in seiner Küche nie gefunden hat. Das Publikum ist dankbar, es kann jede Aufmunterung gebrauchen. Die Werte der SPD dümpeln bundesweit bei 24 Prozent, in Hessen steuert die Partei auf ein Wahldebakel zu, Rechte und Linke befehden sich auch unter Parteichef Müntefering.

Sigmar Gabriel, von Schröders Rede schwer begeistert, hätte ihn, gäbe es Frank-Walter Steinmeier nicht, am liebsten zum Kanzlerkandidaten ausgerufen. Sagt er jedenfalls. Auch Gabriel hält eine Ansprache von bemerkenswerter Güte, drischt auf die CDU ein, spricht von Kinderarmut und Suppenküchen, diskutiert die Frage der Atommüllendlager und impft den Genossen ein: "Junior-Partner in der Großen Koalition kann man auch nur eine Legislaturperiode sein." Dass beim derzeitigen Umfragestand die Große Koalition die einzig realistische Machtperspektive der SPD ist, tut nichts zur Sache. Es geht nicht um Fakten, es geht um Motivation und Illusion. Er denke, setzt Gabriel nach, es gäbe gute Voraussetzungen für einen Wahlsieg, und vielleicht fühlt es sich für die Delegierten in diesem Moment tatsächlich so an. Sie wählen ihn mit 97,4 Prozent zum SPD-Kandidaten für den Wahlkreis 50, mehr kann Gabriel nicht wollen. 2005 holte er in der Region rund 52 Prozent der Erststimmen und knapp 48 Prozent der Zweitstimmen, als ehemaliger Ministerpräsident Niedersachsens hatte er Startvorteile. Aber funktioniert der Dreh noch mal? "Klar für Sigmar", wie sein schauderhaft geschüttelreimter Slogan verspricht?

Talsenken des Ehrgeizes

Schröder wäre nicht Schröder, wenn er den Kandidaten nicht auch ein bisschen pieksen würde. " Sigmar Gabriel hat noch viel vor. Dessen können wir sicher sein", sagt er grinsend. "Aber wir können auch sicher sein: Sigmar Gabriel hat noch viel vor sich." Will heißen: Gabriels Ehrgeiz wird womöglich noch manche Talsenke durchwandern müssen. In der Partei hat der Solist jedenfalls keine breite Rückendeckung, vor allem die Linken rebellieren beim Gedanken, er könnte Peter Struck im Fraktionsvorsitz beerben. Und ob er nach der Wahl im September das Umweltministerium behalten kann, wissen nur die Götter. 268 Tage sind es noch, bis die Hochrechnungen über den Bildschirm flimmern. 268 Tage, in denen wohl auch ein Schröder mithelfen muss, der SPD wieder auf die Beine zu helfen.

In Wolfenbüttel hat er sein Wahlkampfjahr eröffnet. 800 Besucher, Riesenapplaus, eine solche Politshow ist in Mehrzweckhallen in Mehrzweckdörfern selten zu sehen. Schröder lässt sich für solche Events wie eine Jahrmarktsattraktion verkaufen, und es war ein kluger Schachzug von Gabriels Management, für diese Veranstaltung auch interessierte Nicht-SPDler zuzulassen. Viele sind gekommen und lassen sich von Schröder Bücher signieren. Ob sie auch Gabriel wählen werden, ist eine ganz andere Frage.