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Spenden-Forscher Schruff: Niemand kennt die Unicef-Geldflüsse

So geht's nicht weiter. Das sagt Lothar Schruff, Wirtschaftswissenschaftler in Göttingen, der seit Jahren die Geschäftsberichte von Spenden-Organisationen untersucht. Im stern.de-Interview fordert er Unicef Deutschland auf, einen "klaren Schnitt" zu machen.

Herr Professor Schruff, bei der Unicef in Deutschland scheint es geschäftlich drunter und drüber zu gehen, die Vorsitzende Heide Simonis ist zurückgetreten. Was ist da los?

Offenbar hat sich niemand persönlich bereichert. Aber der Prüfbericht der KPMG dokumentiert Unregelmäßigkeiten, die der Alleingeschäftsführer zu verantworten hat.

Unicef Deutschland hat dennoch eine Pressemitteilung mit der Behauptung herausgegeben, alles sei in bester Ordnung.

Das ist skandalös. Diese Mitteilung wurde erst drei Wochen später auf Druck von KPMG zurückgezogen.

Der KPMG-Bericht weist zum Beispiel nach, dass Berater ohne Vertrag agierten und bezahlt wurden – das ist ein Geschäftsgebaren nach Gutsherrenart. Müsste der Geschäftsführer Dietrich Garlichs nicht zurücktreten?

Das kann nur der Vorstand entscheiden.

Warum hat der Vorstand nicht so entschieden?

Der Vorstand ist mit ehrenamtlichen Repräsentanten des öffentlichen Lebens besetzt, die von einer laufenden Überwachung der Geschäftsführung weit entfernt sind. Es reicht nicht aus, eine Prüfungsgesellschaft zu beauftragen, man muss dann auch die Ergebnisse zur Kenntnis nehmen.

Nun ist die Vorsitzende, die ehemalige Ministerpräsidentin Heide Simonis gegangen. Ist das nachvollziehbar?

Frau Simonis hatte verlangt, den Geschäftsführer so lange zu beurlauben, bis die Ermittlungen des Staatsanwalts gegen ihn abgeschlossen sind. Die Mehrheit des Vorstands war nicht bereit, das zu akzeptieren.

Heide Simonis sagt zum Beispiel, es sei nicht klar, wie mit dem Vermögen der Stiftung umgegangen wird. Sehen Sie das auch so?

Unicef Deutschland soll rund 90 Millionen Euro besitzen. Das Geld soll hauptsächlich aus Erbschaften und Nachlässen kommen und wird von einer eigenen Stiftung verwaltet. Was mit dem Vermögen geschieht und wo die Erträge hinfließen, bleibt intransparent.

An Ihrem Göttinger Lehrstuhl untersuchen Sie die Geschäftsberichte von Organisationen, die Spenden sammeln. Die besten können sich um den Transparenz-Preis bewerben, den die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Price Waterhouse Coopers vergibt. Wo steht Unicef im Ranking der Organisationen?

Unicef Deutschland hat sich bislang nicht an diesem Wettbewerb beteiligt. Es gibt Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen oder die Welthungerhilfe, die in ihrer Berichterstattung vorbildlich sind. Unicef ist da weit abgeschlagen.

Sind Ihnen schon vor dem jetzigen Skandal Merkwürdigkeiten aufgefallen?

Unicef Deutschland sammelt Geld ein und leitet es an die Unicef-Weltorganisation weiter. Der deutsche Unicef-Geschäftsbericht liefert keine Information darüber, an welcher Stelle auf internationaler Ebene weitere Verwaltungskosten hängen bleiben und was letztlich bei den Kindern ankommt. Unicef Deutschland weist auch nicht aus, was der hauptamtliche Geschäftsführer verdient.

Welchen Schaden werden diese Ungereimtheiten, die nun zutage getreten sind, anrichten?

Auf dem Spendenmarkt herrscht ein heftiger Wettbewerb. Wenn eine Institution ins Gerede kommt, hat sie ein Problem. Bei Unicef soll nach ersten Informationen das Spendenaufkommen schon im Dezember 3,7 Millionen Euro unter Plan gelegen haben – und damals waren die Schlagzeilen noch viel kleiner als heute.

Was tun?

Die Glaubwürdigkeit ließe sich nur durch einen klaren Schnitt herstellen.

Das Gegenteil ist passiert: Nach Simonis hat wieder ihr Vorgänger Reinhard Schlagintweit übernommen, und der hat seinen Geschäftsführer mit Worten in Schutz genommen, er sei eben "großzügig". Was ist von einer solchen Erklärung zu halten?

Nichts. Das schadet nicht nur der wichtigen Arbeit von Unicef, sondern auch den anderen humanitär-karitativen Organisationen.

Interview: Lutz Kinkel