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Schlag 12 - Mittagskommentar zur Sterbehilfe: Die letzte Entscheidung sollte einem selbst gehören

Der Bundestag debattiert über Sterbehilfe. Doch die Politik sollte Menschen nicht vorschreiben, wie sie zu sterben haben. Ein Plädoyer für verantwortliche Hilfe in den letzten Stunden.

Von Laura Himmelreich

Es sind seltene Höhepunkte im Bundestag, wenn Politiker einfach mal ihr Parteibuch bei Seite legen, persönlich, emotional und faktenreich argumentieren, ohne Beschimpfungen des politischen Gegners und Wahlkampfrhetorik. An diesem Donnerstagmorgen waren solch rare Stunden. Die Abgeordneten debattieren, ob der Staat kranken Menschen dabei helfen soll, wenn sie sich wünschen, ihr Leben zu beenden. Eines wurde in der Debatte klar: Unter einem würdigen Sterben kann jeder etwas anderes verstehen.

Für die einen geht ein Leben nur dann würdevoll zu Ende, wenn der Körper den Todeszeitpunkt vorgibt und nicht der Mensch selbst. Für andere dagegen ist ein Lebensende würdevoll, wenn ein Kranker sein Leiden selbst beenden kann, falls ihm Leid das Leben unerträglich macht.

Es ist ein unauflösbarer Konflikt. Was wiegt schwerer, die biologische Existenz oder das Recht auf Selbstbestimmung? Die Positionen sind unvereinbar. Die Politik sollte akzeptieren, dass in einer pluralen Gesellschaft beide Ansichten ihren Platz haben können.

Der Staat hat eine Schutzpflicht

Die Politik kann und sollte Menschen nicht vorgeben, wie sie ihr Leben zu führen haben. Genauso wenig sollte sie versuchen zu bestimmen, wie sie zu sterben haben. Aus gutem Grund hat die Politik Suizid nicht verboten - auch nicht die Beihilfe dazu. Niemand sollte dafür bestraft werden, dass er sein Leben als nicht mehr lebenswert empfindet.

Und doch kann der Staat die Menschen in ihren letzten Stunden nicht sich selbst überlassen.

Der Staat hat eine Schutzpflicht. Gesetze müssen zwei Dinge sicherstellen: 1. Alles muss getan werden, um unnötiges Sterben zu verhindern. Daher ist es gut, dass sich die Parteien einig sind, die Palliativmedizin weiter auszubauen. Der Wunsch nach Beihilfe zum Suizid sollte nicht deswegen aufkommen, weil die richtige Versorgung fehlt. Doch Palliativmedizin kann Leiden nur reduzieren, nicht beseitigen. Deswegen muss die Politik 2. dafür sorgen, dass Kranke, deren Todeswunsch unumkehrbar ist, gut beraten werden und mit so wenig Leid wie möglich, ihrem Leben ein Ende setzen können.

Es braucht Rechtssicherheit für Ärzte

Ärzte sind diejenigen, die am besten entscheiden können, ob und wie Menschen mit Todeswunsch geholfen werden kann. Ihr ärztliches Ethos verpflichtet sie grundsätzlich, Leben zu schützen. Sie können beurteilen, ob Schmerzen vermeidbar wären oder ob der fehlende Lebenswille die Folge einer Depression ist. Doch scheuen viele Ärzte die Beratung. Denn in zehn Bundesländern droht Ärzten der Verlust ihrer Zulassung, wenn sie Patienten beim selbstbestimmten Sterben helfen. Wenn bisher Ärzte Beihilfe zum Suizid leisten, müssen sie das Zimmer in dem Moment verlassen, in dem der Sterbende die Medikamente einnimmt, sonst droht ihnen eine Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung. Hier braucht es Rechtssicherheit, damit jene Ärzte, die Beratung und Beihilfe zum Suizid leisten wollen, dies auch bestmöglich tun können.

So gut wie alle Abgeordneten des Bundestags sind einig, kommerzielle Sterbehilfevereine verbieten zu wollen. Das ist ein richtiger Schritt, um Missbrauch, finanzielle Abzocke und schlechte Beratung zu verhindern. Doch es muss eine medizinisch verantwortbare Alternative geben. So lange diese fehlt, drängt die Politik Menschen mit Todeswunsch in die Illegalität oder dazu, als "Sterbetouristen" in die Schweiz zu fahren.

Die Überzeugung, jegliche Form organisierter Sterbehilfe verbieten zu wollen, fußt vor allem auf der Ablehnung des Suizids an sich. Doch die Politik ist nicht für Weltanschauungen zuständig. Politiker dürfen sich nicht hinreißen lassen, ihre private Auffassung allen Bürgern vorzuschreiben. Sie sollte sich dafür einsetzen, dass individuelles Sterben möglich wird. Im Leben sind die Entscheidungen der Menschen eben vielfältig. Und die letzte Entscheidung im Leben sollte nur einem selbst gehören.

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