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STERN-INTERVIEW: »Die Lektüre war für viele ein Schock«

Vor zehn Jahren wurden die Archive der DDR-Staatssicherheit geöffnet. Bespitzelte Opfer können seither Täter und Verräter identifizieren. Der stern sprach mit Behördenchefin Marianne Birthler über die Folgen. Aus stern Nr. 2/2002.

Vor zehn Jahren wurden die Archive der DDR-Staatssicherheit geöffnet. Bespitzelte Opfer können seither Täter und Verräter identifizieren. Der stern sprach mit Behördenchefin Marianne Birthler über die Folgen.

Am 2. Januar 1992, neun Uhr, saßen die ersten DDR-Bürgerrechtler in der Behörde über ihren Akten. Der spektakulärste Fall war damals Vera Wollenberger, die Bürgerrechtlerin, die jahrelang von ihrem Mann an die Stasi verraten wurde. Haben Sie in Ihrer Dienstzeit einen ähnlichen Fall erlebt?

Glücklicherweise ist es der Stasi nur selten gelungen, die Familien aufzubrechen. Aber ein Freund von mir aus der Berliner Bürgerbewegung hat kürzlich aus seiner Akte erfahren, dass seine Mutter jahrelang über ihn berichtet hat. Und das mit allem Drum und Dran: Verpflichtungserklärung, Decknamen und konspirativen Treffen in konspirativen Wohnungen.

Wie geht er damit um?

Äußerlich ganz gelassen. Und er sagt auch, wenn man gutwillig liest, kann man die besorgte Mutter raushören, die ihren Sohn schützen will. So nach dem Motto: Der Junge war doch schon immer ein Spinner, und er ist in schlechte Kreise geraten. Aber es bleibt natürlich Verrat.

Als die Akten vor zehn Jahren geöffnet wurden, haben viele befürchtet, es werde Mord und Totschlag geben. Hat es?

Nein, hat es nicht. Weder von Vergeltung noch von Racheakten ist irgendetwas bekannt geworden. Für mich ein Wunder, wie zivil und erwachsen die Menschen mit diesem Wissen umgegangen sind. Trotz aller Abgründe.

Abgründe finden sich ja in fast jeder Akte. Beim Bürgerrechtler Wolfgang Templin lief?s auf regelrechten Psychoterror hinaus.

Templin wurde von der Stasi als Verräter bekämpft und ist übel terrorisiert worden. Was haben die ihm nicht alles ins Haus liefern lassen. Angeblich von ihm selbst per Kleinanzeigen geordert: säckeweise Vogelfutter, exotische Gewächse, Zierfische, Katzen, Hunde, vom Dobermann bis zum Pinscher. Alles mit Rechnung. Pausenlos klingelte das Telefon wegen anzuliefernder Möbel und Maschinenteile. Eines Tages stand sogar eine Handwerkerbrigade vor der Tür, die seine Wohnung renovieren sollte. Und völlig absurd war, als Leute Hunderte von Hühnern anschleppten.

Hat er Ihnen das damals schon erzählt?

Ja. Und ich habe ihm nicht geglaubt, dass das die Stasi gewesen sein soll. Mit vielen ist sie ja noch schlimmer umgegangen.

Jürgen Fuchs hatte mit seinem manipulierten Auto einen schweren Unfall. So was war dann lebensbedrohlich.

Im Stasi-Jargon hieß das »zersetzen«.

Ein verräterisches Wort. Den Begriff »zersetzen« kennen wir sonst nur aus der Chemie. Er bedeutet »zerstören«. Hier ging es aber um Menschen. Wie kann jemand sozial, psychisch, beruflich oder familiär zerstört werden, wie verletzt, verunsichert oder ängstigt man ihn. Da wird einer mehrmals vorgeladen, aber er findet die Aufforderungen nicht im Briefkasten, sondern in seiner Wohnung auf dem Tisch. Wie sind die dahin gekommen? Und wenn er das dann erzählte, haben nicht wenige gedacht: Der spinnt, der leidet ja unter Verfolgungswahn. Das war besonders schlimm: Repressionen ausgesetzt zu sein und damit auch noch vor Freunden unglaubwürdig zu werden. Erst durch die Akteneinsicht ist vieles klar geworden.

Manch einer war nach der Lektüre aber nicht nur aufgeklärt. Als Reiner Kunze sein Aktenkonvolut unter dem Decknamen »Lyrik« gelesen hatte, sagte er, er sei um Jahre gealtert. Ein später Triumph der Stasi?

Bestimmt nicht. Natürlich kenne ich Menschen, für die die Lektüre der Akten ein Schock war. Aber ich weiß von niemandem, der gesagt hat: Hätte ich bloß nicht reingeguckt.

Die DDR-Schriftsteller Stefan Heym und Stephan Hermlin nannten den Umgang mit Stasi-Akten »schlimmer als die Inquisition« und »Denunziation wie zur Nazi-Zeit«.

Ich finde diese Vergleiche absurd. Es ist doch längst klar, wie wichtig es war, dass die Opfer sich ihre gestohlenen Biografien zurückgeholt haben, um wieder Herren ihrer eigenen Geschichte zu werden. Allerdings mag es in Einzelfällen eine Berichterstattung gegeben haben, die übers Ziel hinausgeschossen ist.

Es gab Zeiten, da musste einer nur - egal, wie groß oder klein sein Vergehen war - als Inoffizieller Mitarbeiter geführt worden sein, schon hatte er den Stempel »Stasi-Spitzel« weg, und die Gewehre wurden durchgeladen.

Durchgeladene Gewehre? Ich wundere mich über Ihren Vergleich. Einen rechtsstaatlichen Umgang mit Stasi-Vorwürfen halte ich allerdings für unabdingbar. Wir leben ja nicht im Dschungel. Aber es ist ein legitimer Anspruch zu erfahren, wer ein Spitzel war. Sensationshungriger Umgang mit den Berichten ist ein Problem der Gesellschaft und nicht meiner Behörde.

Der Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer sieht das anders. Er sagt, dass die Behörde für das entstandene Klima von Verdächtigungen mitverantwortlich ist. Er würde die Akten liebsten wieder schließen.

Abgesehen davon, dass ich Friedrich Schorlemmer so nicht verstanden habe: Ich hielte es für Entmündigung, die Akten den

Menschen vorzuenthalten. Man stelle sich vor, Stasi-Spitzel wie Ibrahim Böhme oder Wolfgang Schnur wären Ministerpräsidenten geworden. Wäre ja möglich gewesen, ohne Veröffentlichung der Akten. Nicht auszudenken. Ich habe mich mit Schorlemmer schon öfter gestritten. Er hat ja auch gesagt: Die Stasi war ein Krebsgeschwür Körper der DDR. Falsch. Sie war nicht Krebsgeschwür, sie war das Herzstück der DDR.

Was hat die Stasi die DDR eigentlich gekostet? So mit Technik, Gehältern, Geschenken, Reisen und Spitzelgeldern?

Das lässt sich nicht seriös ausrechnen. 1989 waren im Staatshaushalt der DDR fast vier Milliarden für das Ministerium für Staatssicherheit vorgesehen. Aber auch das ist nur ein Bruchteil. Aus Tarnungsgründen wurden enorme Summen auf andere Ressorts verteilt.

Hätten diese Gelder die DDR nicht retten können?

Die Stasi war für die DDR unentbehrlich. Sie sollte die Macht der SED sichern. Außen die Mauer, damit die Leute nicht weglaufen, innen die Stasi, damit sie parieren.

Interview: Dieter Krause/ Birgit Lahann