HOME

Theaterstück: Gefangen im Sog des Verdachts

Wer ist Michael Frayn? Ein gefeierter Schriftsteller, Dramatiker und Philosoph. Er könnte auch ein Spion sein. Im Theaterstück "Demokratie" beschreibt der Meisterschreiber Glanz und Sturz des Kanzlers Willy Brandt.

Michael Frayn, 70 Jahre alt, einer der bedeutendsten Schriftsteller Englands. Fürs Interview studiert man, was er geschrieben hat und was über ihn geschrieben wurde, man kauft sich ein Ticket nach London. Die Maschine ist gerade in Heathrow gelandet - da fällt einem plötzlich eines seiner Interviews wieder ein. Man blättert und liest: "Sie haben als Dolmetscher für Russisch gearbeitet, in Cambridge studiert, interessieren sich für Spionage. Wurden Sie mal kontaktiert?" - Frayn: "Ich war in den fünfziger Jahren beim Militär und wurde dort Intelligence Officer. Aber ich war nie in Spionage verwickelt." - "Aber ein Intelligence Officer hat doch mit Spionage zu tun?" - "In der britischen Armee geht es bei diesem Posten darum, die Leute daran zu hindern, dass sie Decken klauen."

War Michael Frayn nicht doch vielleicht ein Spion? Deutete nicht alles darauf hin? Sein Russischlernen während der Militärzeit. In Cambridge, der Stadt Kim Philbys. Der Intelligence-Service. Der Monat, den er damals mitten im Kalten Krieg in Moskau verbracht hat.

Als das Taxi eine Dreiviertelstunde später Richmond passiert, als hinter den sattgrünen Weiden die Themse in der Sonne aufglitzert und Gänsepaare im Tiefflug kreischen - da scheint es glasklar: Frayn muss ein Spion gewesen sein. Darum legt er jetzt, 50 Jahre danach (brauchen Tabuthemen nicht immer diese Zeit, bis man über sie sprechen kann?), gleich zwei Bücher zum Thema vor: den hochgerühmten Roman "Spionagespiel" und den Sensationserfolg "Demokratie", ein Stück über Willy Brandt, Günter Guillaume und den Kanzlersturz von 1974.

"Wie begreifen wir die Welt?"

Anfangsverdächtigungen wie diese, die sich nach eigener Logik zu Gewissheiten steigern, das Verhängnis innerer Suggestion, der alles zum Code wird, das Verhältnis von Wahrnehmung und Realität - genau das ist der Stoff, aus dem Michael Frayn, der philosophische Meisterschreiber, seine Gedankenspiele schneidert. "Wie begreifen wir die Welt? Durch die Geschichten, die wir über sie erzählen oder über sie hören." Als Frayn das sagt, sitzen wir im Esszimmer des einstigen Kutscherhauses, das er mit seiner Frau Claire Tomalin, einer ebenfalls berühmten Journalistin und Literatin, bewohnt, und schauen hinaus in den blühenden Garten.

"Im Grunde sind wir alle Spione", sagt Frayn, "das hält uns am Leben." Ob wir nun Günter Guillaume heißen oder Stephen oder Keith, jene halbwüchsigen Helden aus "Spionagespiel". Deren Leben nimmt schlagartig eine tragische Wendung, als Keith an einem Nachmittag im Zweiten Weltkrieg unvermittelt diese sechs Worte sagt: "Meine Mutter ist eine deutsche Spionin", und die beiden Jungen beschließen, sie zu beschatten.

Frayn hat mit seinem Helden Stephen das Geburtsjahr 1933 gemein, wie jener ist er in einem Londoner Vorort aufgewachsen, auch er hatte einen Freund, der einmal sagte: "Meine Mutter ist eine deutsche Spionin." Der Rest ist Fiktion. Nach dem Studium wurde Frayn zunächst Journalist und Kolumnist, seine satirischen Kolumnen waren gefeiert. Seit 1965 schreibt er Romane, Dramen, Drehbücher, er hat Tschechow und Tolstoi übersetzt. Das Schreiben fällt ihm schwer, "weil das Leben so komplex ist, und ich versuche, Ordnung in das Chaos zu bringen". Die Texte, die so entstehen, sind leicht und souverän. 250 Meter Bücher stehen im Kutscherhaus, und mindestens acht Meter davon sind Werke von Frayn - von Englisch bis Chinesisch. Seine Auszeichnungen füllen ein Regal im Arbeitszimmer.

Drama um Verrat, Identität und Politik

"Demokratie" hat den "Evening Standard"-Preis und den Critics Circle Award eingefahren. Seit Frayn 1972 für den "Observer" in Berlin war, ist er fasziniert von der Stadt ("ein Luxusdampfer, der im Sand der Mark Brandenburg auf Grund gelaufen war") und dem Land ("Welche andere Nation wäre nach dem physischen Zusammenbruch, der moralischen Erniedrigung und der politischen Lähmung von 1945 so zügig wieder auf die Beine gekommen?"). Seitdem wollte er über Deutschland und Willy Brandt schreiben, den er für einen "der ganz großen Politiker des 20. Jahrhunderts" hält. Ohne Brandts Ostpolitik, davon ist er überzeugt, wäre die Mauer nicht gefallen. In England hat Frayn das nahezu Undenkbare zuwege gebracht, seine Landsleute ausgerechnet mit den Ups und Downs deutscher Nachkriegspolitik in Ekstase zu versetzen. "Demokratie" ist ein glänzend recherchiertes Drama um Verrat, Identität und Politik, geschrieben von einem klugen Mann, der zum Abschied sagt: "Vieles erkennt man erst im Nachhinein. Woher weiß ich, dass Sie vom stern sind und nicht von der CIA?"

Die Deutschland-Premiere von "Demokratie" war am 6. Mai im Berliner Renaissance-Theater.

Christine Claussen / print