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TODESFALL: Aus Verzweiflung den Freitod gewählt

Wie eine Gefangene lebte Hannelore Kohl in den vergangenen Monaten. Seit sieben Jahren litt sie an einer schlimmen Lichtallergie, die sie zuletzt zwang, das Tageslicht völlig zu meiden. Jetzt nahm sich die verzweifelte Frau des Ex-Kanzlers das Leben.

Hannelore Kohl, die Ehefrau von Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl, hat Selbstmord begangen. Nach jahrelangem Leiden unter einer schmerzhaften Lichtallergie habe die 68-Jährige keinen anderen Ausweg gesehen und sich in der Nacht im Haus der Familie in Ludwigshafen- Oggersheim das Leben genommen, teilte das Büro des Altkanzlers am Donnerstag mit. Ihren Entschluss habe sie ihrem Mann, den beiden Söhnen und Freunden in Abschiedsbriefen mitgeteilt. Die Leiche Hannelore Kohls war am Morgen im Bungalow der Familie aufgefunden worden. Bundeskanzler Gerhard Schröder und andere führende Politiker reagierten mit Erschütterung auf die Todesnachricht und würdigten das soziale Engagement Frau Kohls.

»Auf Grund der Hoffnungslosigkeit ihrer gesundheitlichen Lage entschloss sie sich, freiwillig aus dem Leben zu scheiden«, heißt es in der Mitteilung des Altkanzlers, der am Donnerstag gemeinsam mit dem ältesten Sohn Walter nach Oggersheim geeilt war. Hannelore Kohl litt nach Angaben des Büros ihres Mannes seit sieben Jahren an einer schmerzhaften Lichtallergie. Die letzten 15 Monate habe sie im Haus der Familie ohne jedes Tageslicht verbringen müssen. Aus dem Haus habe sie nur nach Einbruch völliger Dunkelheit gehen können. Zuletzt habe die 68-Jährige immer stärkere Schmerzmittel nehmen müssen.

Staatsanwaltschaft schloss Ermittlungen ab

Die Staatsanwaltschaft Frankenthal schloss noch am Nachmittag die Ermittlungen zur Todesursache ab und bewertete den Selbstmord als juristisch geklärt. Der Leitende Oberstaatsanwalt Lothar Liebig sagte nach Untersuchungen im Kohl-Haus: »Die Überprüfung hat ergeben, dass ein Fremdverschulden eindeutig ausgeschlossen werden kann.« Dies ergebe sich aus den Umständen, unter denen Hannelore Kohl gegen 11.15 Uhr gefunden worden sei und aus Abschiedsbriefen an ihre Familie und Freunde. Es werde auch keine Obduktion der Leiche geben, »da die Auffindungssituation eindeutig war«, sagte Liebig weiter. Auf die Frage, wann Hannelore Kohl gestorben sei, sagte er: »Liegt eher schon zurück.« Die konkrete Bestimmung des Todeszeitpunktes sei nicht möglich.

In einem Interview mit der »Welt am Sonntag« hatte Hannelore Kohl im April öffentlich über ihre Erkrankung gesprochen und ihre Sehnsucht geäußert, wieder am kulturellen Leben teilnehmen zu können. »Wie gerne wäre ich wieder mal in meiner Wohnung in Berlin, die ich mit viel Liebe eingerichtet habe... aber ich fahre nicht mehr hin, weil unser Haus in Oggersheim größer ist und ich darin mehr Bewegungsfreiheit habe.« Auf die Frage, ob sie zu den Menschen gehöre, die (angesichts von Krankheit) nie aufgäben, antwortete sie: »Aufgeben ist das Letzte, was man sich erlauben darf.«

Zuletzt nur selten in der Öffentlichkeit zu sehen

Hannelore Kohl hatte wegen ihrer Krankheit bereits im Mai nicht an der Hochzeit ihres Sohnes Peter in der Türkei teilgenommen. Die Diplom-Dolmetscherin für Französisch und Englisch war seit 1960 mit dem langjährigen Bundeskanzler und CDU-Vorsitzenden verheiratet. In der Öffentlichkeit trat sie seit der Abwahl ihres Mannes im Herbst 1998 nur selten auf. Während Kohls 16-jähriger Kanzlerschaft hatte sie sich politisch zurückgehalten und spielte die traditionelle Rolle an der Seite ihres Mannes. Nach der Niederlage ihres Mannes gegen Gerhard Schröder (SPD) bei der Bundestagswahl 1998 sagte sie in einem Interview: »Wir haben den Zweiten Weltkrieg überlebt, wir werden auch das überleben. Ich stehe zu meinem Mann.« Das Ehepaar hat zwei erwachsene Söhne.

Hannelore Kohl hatte sich über viele Jahre hinweg für Unfallopfer mit Verletzungen des zentralen Nervensystems engagiert und war lange Zeit Präsidentin des Kuratoriums ZNS. Unter dem Titel »Kulinarische Reise durch deutsche Lande« gab sie 1996 ein Kochbuch mit Rezepten aus neun deutschen Regionen heraus, zu denen Kohl Texte beisteuerte.

Schröder sagte in Berlin, der Tod Hannelore Kohls habe ihn schmerzlich berührt. »Ich habe gegenüber Helmut Kohl zum Ausdruck gebracht, was viele in Deutschland empfunden haben:

dass sie sich durch ihr Engagement und durch die wirklich noble Art, wie sie ihr Amt ausgeübt hat, viel Respekt, aber auch Zuneigung bei ganz vielen Menschen in Deutschland erworben hat», sagte Schröder. Bundespräsident Johannes Rau würdigte sie als souveräne Frau, die mit ihrem Engagement vielen Menschen geholfen habe. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) würdigte Hannelore Kohl als Freundin Berlins, die nach dem Fall der Mauer 1989 den Prozess der Wiedervereinigung maßgeblich gefördert habe.