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Todesfall Filbinger: Oettingers peinliche Grabrede

Hans Filbinger, Ex-Ministerpräsident Baden-Württembergs, hatte sich nie für seine Tätigkeit als NS-Marinerichter entschuldigt. Bei Filbingers Beerdigung am Mittwoch erklärte der amtierende Ministerpräsident Oettinger, dass es auch nichts zu entschuldigen gab - und muss sich anhören, ein Geschichtsfälscher zu sein.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) ist wegen seiner Rechtfertigung der NS-Vergangenheit des früheren Regierungschefs Hans Filbinger massiv unter Druck geraten. SPD, Grüne, DGB und der Zentralrat der Juden in Deutschland kritisierten am Donnerstag, Oettinger verharmlose Filbingers Verstrickung in die Verbrechen der Nazis und verfälsche damit die Geschichte.

Filbinger war im Alter von 93 Jahren gestorben. Er hatte Baden- Württemberg von 1966 an regiert. 1978 trat er zurück, nachdem mehrere Todesurteile gegen Deserteure bekannt geworden waren, an denen er als NS-Marinerichter gegen Ende des Zweiten Weltkriegs mitgewirkt hatte.

"Solche Geschichtsklitterung erfordert Richtigstellung"

Der Ministerpräsident hatte Filbinger bescheinigt, kein Nationalsozialist, sondern ein Gegner des NS-Regimes gewesen zu sein. Der Zentralrat der Juden in Deutschland nannte die Rede verfehlt. Der Freiburger Historiker Hugo Ott, der bei der Trauerfeier zugegen war, sagte stern.de: "Es war das Bemühen des Ministerpräsidenten zu spüren, Filbinger eine späte Genugtuung widerfahren zu lassen." Die Rede sei aber wegen ihrer historischen Ungenauigkeit "von vielen nicht verstanden worden".

Die SPD-Landesvorsitzende Ute Vogt forderte am Donnerstag: "Solche Geschichtsklitterung erfordert Richtigstellung." Dass die nächste CDU-Generation bei der Vernebelung der Tatsachen über den Marinerichter in der NS-Zeit mitmache, sei die "wahre Dramatik". Vogt betonte: "Für mich bleibt Hans Filbinger ein furchtbarer Jurist."

Die Grünen-Bundesvorsitzende Claudia Roth warf Oettinger vor, die Geschichte zu verfälschen. "Das ist Wasser auf die Mühlen von Rechtsextremen, wenn er Teile aus der Biografie von Herrn Filbinger einfach verschweigt oder schönredet." Die Zentralrats-Vorsitzende Charlotte Knobloch sagte im Nordwestradio: "Es ist unverständlich und zu bedauern, dass gewisse und bekannte Zeiten im Leben des Herrn Filbinger in der Rede des Ministerpräsidenten Oettinger unterdrückt wurden."

"Würde des Toten wahren"

Trotz der massiven Kritik erklärte Oettinger in "Radio Regenbogen": "Meine Rede war öffentlich, ernst gemeint und die bleibt so stehen." Er habe viel Zustimmung und Lob erhalten. Der Vorwurf der "Geschichtsklitterung" sei falsch. "Ich habe aber jetzt nicht die Absicht, einen Tag nach der Trauerfeier diese Kampagne von Rot und Grün aufzugreifen, sondern die Würde des Toten zu wahren", sagte der CDU-Politiker. Er sei bei der Trauerfeier auf das Lebenswerk und den Lebensweg des Gestorbenen eingegangen. "Dies tut man dann ernsthaft und würdig, alles andere wäre dem Anlass, aber auch der Persönlichkeit nicht gemäß", sagte er.

Unterstützung bekam Oettinger vom früheren baden-württembergischen Finanzminister und ehemaligem DFB-Chef, Gerhard Mayer-Vorfelder (CDU). "Die Rede von Ministerpräsident Oettinger war ausgewogen und wurde der Persönlichkeit des Verstorbenen gerecht", sagte er "Spiegel-Online". Die Kritik daran könne er nicht nachvollziehen. CDU-Landtagsfraktionschef Stefan Mappus nannte die Rede "eine gute, ausgewogene und dem gesamten Leben von Professor Filbinger angemessene Würdigung".

DPA/lk / DPA