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Totalüberwachung durch Geheimdienste Lobo bezeichnet Netz als "digitales Seveso"


Der Blogger Sascha Lobo beschreibt in der "FAS" seinen Schock über die umfassende Schnüffelei im Netz - und kritisiert dabei auch die eigene, naive Euphorie.

Sascha Lobo, Blogger, Berater, Aktivist, ist so etwas wie ein Pressesprecher der Netzgemeinde. In ungezählten Gastbeiträgen und Talkshow-Auftritten hat der Mann mit der ritzeroten Irokesen-Frisur die Vorzüge des Internets gepredigt - nun ist er zutiefst verstört, oder, wie er selbst sagen würde: "gekränkt". Ursache sind die Enthüllungen über amerikanischen und britischen Geheimdienste, die das Netz total überwachen. Lobo in trister Katerstimmung - die er in einem Gastbeitrag für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" beschreibt. Sein Fazit: "Das Internet ist kaputt."

Lobo bezichtigt sich selbst der Naivität. Er umreißt, wofür das Netz vor der NSA-Affäre auch für ihn gestanden hat: "Demokratisierung, soziale Vernetzung, ein Freigarten der Bildung und der Kultur". Stets habe auf diesem "Jahrtausendmarkt der Möglichkeiten" die Utopie einer besseren Welt mitgeschwungen. Die Kontrolleure der Geheimdienste jedoch, denen es allein um Machtausübung gehe, hätten diesen Ort jedoch in ein "digitales Seveso" verwandelt. Jeder sei durch die Totalüberwachung potentiell erpressbar geworden, womöglich auch die Kanzlerin. Lobo: "Eine perverse Situation, in der man als Staatsbürger hoffen muss, dass Merkel am Handy nie etwas sagte, das sie erpressbar macht."

Die großen Kränkungen

Lobo beschreibt die Spionage der Geheimdienste als allumfassend: Sie würden nicht nur Politiker und Privatpersonen, sondern auch Firmen belauschen, um daraus einen ökonomischen Vorteil für ihr Land zu gewinnen. "Wie sehr dürfte eine Reihe europäischer Unternehmer schmerzen, dass sie ihre IT-Systeme auf praktische, hocheffiziente, billige Cloudlösungen umgestellt haben, über die sie jetzt in der Zeitung lesen, was sie niemals lesen wollten." Nämlich: Dass insbesondere die Daten in den Clouds leicht ausspioniert werden können.

Die Erkenntnis, dass das Netz nicht - oder nicht nur - ein Ort der Emanzipation ist, der es dem Inviduum erlaubt, sich zu artikulieren und engagieren, sondern im Gegenteil, ein Informationssteinbruch für die Machtinteressen einzelner Staaten, bezeichnet Lobo als "Kränkung". Und er setzt diese in eine Reihe mit den fundamentalen intellektuellen Kränkungen, die die Menschenheit laut Sigmund Freud bislang erfahren musste: Die Erkenntnis, dass die Erde nicht Mittelpunkt des Universums ist, die Erkenntnis, vom Affen abzustammen, und die Erkenntnis, dass nicht allein das "Ich" die individuellen Handlungen bestimmt. Höher lässt sich der NSA-Skandal nicht hängen.

Suche nach einer "positiven Erzählung"

Für Lobo sind die Tage der ungetrübten Begeisterung für das Netz damit vorbei. Nun gehe es um eine "positive Digitalerzählung, die auch unter erschwerten Bedingungen in feindlicher Umgebung funktioniert, denn der dauernde Bruch sicher geglaubter Grundrechte hält an". Wie diese Erzählung aussehen könnte, führt Lobo nicht aus. Sein Artikel ist eine erste Inventur - der emotionalen und intellektuellen Verfassung der Netzaktivisten in den Zeiten nach den Enthüllungen Edward Snowdens.

lk/dpa DPA

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