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TRAUERFEIER: Tränen und Medienschelte zum Abschied

In einer ergreifenden Trauerfeier haben Tausende Menschen am Mittwoch in Speyer von Hannelore Kohl Abschied genommen. In kaum verhüllter Weise machte Monsignore Ramstetter in seiner Predigt Kohls Kritiker für den Tod der 68-Jährigen mitverantwortlich.

In einer ergreifenden Trauerfeier haben Tausende Menschen am Mittwoch in Speyer von Hannelore Kohl Abschied genommen. An der Totenmesse im Kaiserdom nahmen neben Altkanzler Helmut Kohl und dessen Söhnen zahlreiche Politiker aus dem In- und Ausland. Der frühere Ludwigshafener Stadtdekan Erich Ramstetter, der den Trauergottesdienst zelebrierte, gab der Medienkritik am Altkanzler Mitschuld am Freitod von Hannelore Kohl. Anschließend wurde die Verstorbene im Familiengrab der Kohls in Ludwigshafen in aller Stille beigesetzt.

Unter den Trauergästen waren der Präsident der EU-Kommission, Romano Prodi, Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und seine Frau Doris sowie die CDU-Vorsitzende Angela Merkel. Bundespräsident Johannes Rau ließ sich von seiner Ehefrau Christina vertreten.

Ramstetter sagte: »Alle Unterstellungen, Verleumdungen und Hasserfahrungen wurden zu eurem gemeinsamen bitteren Leid.« Den Kritikern sei es offenbar nicht bewusst gewesen, was es bedeute, einem Menschen die Ehre zu rauben: »Dies zielt immer auf Leben und Lebenskraft.« Hannelore Kohl habe in ihren letzten Lebensmonaten ein »Martyrium« durchgemacht, sagte der langjährige, enge Vertraute der Familie Kohl: »Zuletzt zwang ihre Krankheit sie, das Licht zu meiden.«

Die 68-Jährige sei dadurch vom Leben abgeschnitten worden und habe nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Ramstetter würdigte auch das soziale Engagement der Toten, vor allem für das Kuratorium ZNS, das sich um schwer verletzte Unfallopfer kümmert: »Ihr Einsatz erwuchs aus ihrer Mitmenschlichkeit, ihrem Mitleid und ihrer Menschenliebe.«

Während des Gottesdienstes war der mit roten Rosen geschmückte Sarg der Toten vor dem Altar aufgebahrt. Dem Sarg gegenüber nahmen Altkanzler Kohl, seine Söhne Peter und Walter sowie die beiden Schwiegertöchter Christine und Elif in der ersten Bankreihe Platz. Hinter dem Altar standen zahlreiche Kränze, gespendet unter anderem von Bundespräsident Rau, Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac und den Ministerpräsidenten der Bundesländer.

Der Speyerer Dom, Deutschlands größte romanische Kirche, war bereits eine Stunde vor Beginn der Trauerfeier bis auf den letzten Platz besetzt. Da immer mehr Gläubige und Schaulustige in das Gotteshaus drängten, schlossen die Sicherheitskräfte das Gebäude gegen 13.10 Uhr. Nach Angaben der Polizei waren rund 1.500 Menschen im Dom.

Strenge Sicherheitsvorkehrungen

Weitere 5.000 Menschen versammelten sich auf dem Domplatz, um die Totenmesse dort am Lautsprecher zu verfolgen. In der Vorhalle des Kaiserdomes trugen sich zahlreiche Menschen in die ausliegenden Kondolenzbücher ein, darunter auch Bayerns

Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) sowie die amtierende Präsidentin des deutschen Städtetags, Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU). Rund um den Kaiserdom herrschten strenge Sicherheitsvorkehrungen. Etwa 1.000 Polizisten waren eingesetzt, um die Trauerfeier zu schützen.

Nach dem Gottesdienst wurde der Sarg von Hannelore Kohl nach Ludwigshafen überführt. Hier sollte die 68-Jährige am späten Nachmittag in einem Familiengrab auf dem Friedhof des Stadtteils Friesenheim beigesetzt werden. Die 68-Jährige hatte sich aus Verzweiflung über eine unheilbare Lichtallergie in der vergangenen Woche mit einer Überdosis Tabletten das Leben genommen.

Der Dom zu Speyer ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Weihrauch schwebt durch die Luft, in den unbestuhlten Seitenschiffen drängen sich Menschentrauben. 1.500 Menschen sind im Dom, schätzt die Polizei, weitere 5.000 stehen vor den Pforten der

riesenhaften Kirche. Einsam ist Hannelore Kohl in der vergangenen Woche gestorben. Am Tag ihres Begräbnisses fasst selbst Deutschlands größtes romanisches Gotteshaus die Massen nicht, die zur Trauerfeier für die 68-Jährige strömen.

»Wer nur den lieben Gott lässt walten, den wird er wunderbar erhalten«, singt die Menge. In der ersten Reihe sitzt Helmut Kohl, neben ihm seine Söhne und deren Ehefrauen. Der Gesichtsausdruck des 71-Jährigen wirkt versteinert. Kohl sitzt dem Sarg aus hellem Holz direkt gegenüber. Gestecke aus roten Rosen stehen links und rechts daneben. Auch der Sarg selbst ist mit Rosen bedeckt, einige wenige Farbtupfer in dem ansonsten weitgehend schmucklosen Kirchenraum.

Viel Prominenz ist an diesem Tag gekommen. Der Präsident der EU-Kommission, Romano Prodi, ist da und Bundeskanzler Gerhard Schröder. Daneben viele langjährige Weggefährten Kohls aus der Politik: Die Exaußenminister Hans-Dietrich Genscher und Klaus Kinkel sitzen ebenso auf den Plätzen der Ehrengäste wie Altbundespräsident Roman Herzog.

Hannelore Kohl hat in ihrem Leben an der Seite des Altkanzlers nie eine politische Rolle angestrebt, ja nicht einmal erkennbar politischen Einfluss gesucht. Dennoch wird selbst ihre Totenfeier noch zu einem Ereignis mit politischen Untertönen. Bereits

einen Tag vor der Messe hatte der frühere Ludwigshafener Stadtdekan Erich Ramstetter, ein langjähriger Vertrauter Kohls, via Zeitungsinterview verkündet, die 68-Jährige habe nicht nur an einer schmerzhaften Lichtallergie, sondern auch unter der CDU-Spendenaffäre gelitten. Die Ehefrau des Altkanzlers habe es wegen der öffentlichen Anschuldigungen kaum noch gewagt, einkaufen zu gehen.

Kritik an »zerstörenden Kräften«

Am Mittwoch nun wurde Ramstetter, der den Trauergottesdienst zelebrierte, um einiges deutlicher. »Zu jeder Zeit erleben wir nicht nur aufbauende und froh machende Lebenskräfte um uns, sondern wir sind auch mit zerstörenden und auf Vernichtung zielenden Kräften konfrontiert«, führte Ramstetter in seiner Predigt aus. Was dies bedeute, habe Kohl in letzter Zeit »in maßloser und extremer Weise erlebt und erlitten.«

In kaum verhüllter Weise machte der Monsignore Kohls Kritiker für den Tod der 68-Jährigen mitverantwortlich. Durch Unterstellungen und Verleumdungen habe man versucht, den Kohls die Ehre zu rauben: »Dies zielt immer auf Leben und Lebenskraft.«

Ein kühler Hauch durchzieht die kahle Kirche an diesem Mittwoch, obwohl das Sonnenlicht durch die Fenster scheint. Der Domchor singt Verdi, Haydn und Mendelssohn. Helmut Kohl hat den Dom in den vergangenen Jahrzehnten oft besucht, hat ihn zahlreichen Staatsgästen gezeigt. Nach seiner Niederlage bei der Bundestagswahl hat er sich vor dem Dom im Herbst 1998 mit einem großen Zapfenstreich von der Bundeswehr verabschieden lassen.

Doch von dem alten Glanz ist an diesem Tag nichts mehr zu spüren. Es sei ein Martyrium gewesen, das die Verstorbene erlebt habe, sagt der Priester: »Wer in der Dunkelheit leben muss, sehnt sich nach Licht!« Die Fülle des Leids habe Hannelore Kohl schließlich zum Freitod geführt, »diesen Schritt auf den unbegreiflichen und liebenden Gott.«