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TV-Kritik

"Anne Will": Politik trifft auf Wissenschaft: Wie Entscheider und Experten aneinander vorbei reden

Anne Will scheitert mit dem Versuch, die neu aufgeflammte Debatte um Schadstoffe und Fahrverbote zu versachlichen: Professoren und Politiker reden in der Talkshow konsequent aneinander vorbei.

Von Jan Zier

Anne Will mit Annalena Baerbock und Dieter Köhler

Verständigung über die Schadstoff-Grenzwerte fällt schwer: Anne Will (li.) im TV-Talk mit Grünen-Chefin Annalena Baerbock und Grenzwert-Skeptiker Dieter Köhler

Eine Gruppe deutscher Lungenärzte um Dieter Köhler schreibt einen Brief, erklärt die seit 2010 europaweit geltenden Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide auf den Straßen mal eben für absurd – und löst damit einen Medienhype aus. Das geht natürlich auch an Anne Will nicht vorbei. Die Debatte, was denn nun wichtiger ist: die Gesundheit eines jeden Einzelnen oder die Freiheit, auch mit einem älteren Automobil überall hinfahren zu dürfen; sie ist wieder voll entbrannt. Neue Erkenntnisse gibt es dabei nicht, dafür verstärkte Befindlichkeiten – vor allem derer, die von den nun zunehmend verhängten Fahrverboten betroffen sind und dagegen protestieren.

Wer hat diskutiert?

Steffen Bilger (CDU), Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium
Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen), Parteivorsitzende
Dieter Köhler, Facharzt für Lungenheilkunde, ehemals Präsident der Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin
Judith Skudelny (FDP), Umweltpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion
Heinz-Erich Wichmann, Epidemiologe und ehemals Direktor des Instituts für Epidemiologie am Helmholtz Zentrum München

Wie lief die Diskussion?

Wenn zwei Professoren, die einander im Grunde für völlig inkompetent halten, mit drei Politikern verschiedener Parteien zusammen sitzen, dann prallen in jeder Hinsicht Welten aufeinander. Und diese Welten sind miteinander zudem kaum kompatibel. Dozieren die Herren Professoren, gerne etwas ausgedehnt, sind die Politiker und Politikerinnen auffallend schweigsam, weil völlig abgemeldet, und umgekehrt: Streiten sich die Parteimenschen, gerät jede fachliche Differenzierung schnell in den Hintergrund. Zum einen, weil die Politiker und Politikerinnen zwar entscheiden wollen und sollen, Details aber leider nicht beurteilen können, zum anderen, weil sie ja auch die eigenen, meist schlaglichartigen Thesen unterbringen möchten, am besten wiederholt, damit man sich das Publikum bessert daran erinnert - hernach, wenn wieder gewählt wird.

Das Vorhaben, diese beide Welten in der Kürze einer Talkshow zu einem gewinnbringenden Dialog zusammen zu bringen, scheiterte völlig, so sehr sich Anne Will auch müht. Und so lobte der Staatssekretär, dass die Luft hierzulande ständig und überall besser werde, also forderte die Grüne eine Hardware-Nachrüstung von Autos auf Kosten der Industrie, also redete die FDP-Frau immer wieder von "Enteignung", wenn von Fahrverboten auf einzelnen Straßen des Landes die Rede ist. Wie Herr Köhler forderte die FDP-Politikerin, den Grenzwert gleich ganz auszusetzen. Und während Herr Wichmann, der diese Richtwerte mit entwickelt hat, den Kollegen Köhler für einen "Exoten" und seine Thesen für "total daneben" hielt, forderte der wiederum mit dem nebulösen Hinweis auf "Forschungsgelder" nun "unabhängige Forscher". Zugleich lässt er sich in seinem Vorstoß aber auch von einem früheren Motorentwickler bei Daimler unterstützen.

Der besondere Moment

Dem parlamentarischen Staatssekretär aus dem Verkehrsministerium gelang das Kunststück, sich von seinem polternden Chef aus der CSU zu distanzieren, ohne diesen gleich bloßzustellen. Wo Minister Andreas Scheuer "die masochistische Debatte" beenden will, "wie wir uns in Deutschland mit immer schärferen Grenzwerten selbst schaden und belasten können", stellt sein Mitarbeiter Steffen Bilger nur vorsichtig die Verhältnismäßigkeit einzelner Fahrverbote infrage.

Die Erkenntnisse

  • Die einen Fachleute sprechen von mindestens 6000 Sterbefällen, die auf Stickoxid-Belastung zurückzuführen seien, die anderen Fachleute aber haben in ihren Praxen und Kliniken solche Todesfälle nach eigenem Bekunden "noch nie gesehen". Was bleibt, ist die irritierende Erkenntnis, dass es hier Ärzte gibt, denen es nicht zuerst um den Schutz der Gesundheit vor Schadstoffen geht.
  • Die Unterzeichner des Briefes vertreten in der Fachwelt eine Minderheiten-Meinung. Unterschrieben haben den Brief nur etwas mehr als 100 von fast 4000 angefragten Ärzte und Ärztinnen in Deutschland. Auch das Forum der Internationalen Lungengesellschaften meldete sich nun zu Wort, um die EU-Standards und die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die sie entwickelt hat, zu verteidigen.
  • Die Politik kündigt an, nun die Messstellen für die Schadstoffe zu überprüfen – und die sind ja auch mit wissenschaftlichen Argumenten am ehesten in Frage zu stellen: Wer woanders misst, bekommt eben auch andere Ergebnisse, die womöglich besser zur eigenen Position passen. Die Frage, ob man hinter einer Ampel misst, wo die Schadstoff-Belastung natürlich höher ist als vor der Ampel, ist eben auch eine politische.

Fazit

Die Debatte um Fahrverbote ist, weil es ums Auto geht, hierzulande eine sehr emotionale, die sich nur schwer versachlichen lässt, auch wenn die meisten, die sich daran beteiligen, angeblich immer genau das im Sinn haben.