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TV-Kritik

Corona-Maßnahmen: Mathias Richling und die "Kollateraltoten" - viel Platz für Krudes bei Maischberger

Eigentlich sollte es bei "Maischberger" um Grenzöffnungen und zurückgewonnene Reisefreiheiten gehen. Doch dann gab es viel Raum für Corona-Leugnungen und einen Kabarettisten, der Covid-19 für eine Grippe hält.

Von Andrea Zschocher

Maischberger

Ulrich Wickert ()l.) und Matthias Richling bei Sandra Maischberger

ARD

Es waren eher krude Diskussionen an diesem späten Abend, die es bei Sandra Maischberger gab. Statt Neuigkeiten zum Reisen und möglichen Urlauben, lag der Fokus auf der Frage, ob die Maßnahmen der letzten Monate zu hart waren oder nicht. Nur eine Woche nach den beschlossenen Lockerungen ist es vielleicht etwas früh für eine Bilanz, doch insbesondere für Mathias Richling bot das Thema die Möglichkeit, sich immer wieder mit irritierenden Aussagen in Szene zu setzen - nicht zum ersten Mal übrigens.

Zu Gast bei Sandra Maischberger waren:

  • Horst Seehofer, Bundesinnenminister (CSU)
  • Annalena Baerbock, Parteivorsitzende Bündnis 90/Die Grünen

Sowie als Kommentatoren:

  • Pia Heinemann (Ressortleiterin Wissen, "Die Welt")
  • Ulrich Wickert (Autor)
  • Mathias Richling (Kabarettist)

Nach den Lockerungen ist vor dem Sommerurlaub, möchte man meinen. Denn klar ist, wir alle haben in den letzten Wochen unsere Grenzen kennengelernt, würden gern einen Moment durchatmen und die Unbeschwertheit eines Ausflugs genießen. Horst Seehofer war eigentlich als Gast zu diesem Thema eingeladen, immerhin fällt der Grenzverkehr in sein Ressort als Bundesinnenminister. Stattdessen wurde aber ausführlich über das Für und Wider des Lockdowns gestritten, so dass das Reisen eher zu einer Randnotiz verkam.

Reisen eventuell ab 15. Juni wieder erlaubt

Immerhin, es gab etwas Entwirrung in der Frage, wann Reisen eventuell wieder möglich sind. Ab diesem Samstag wird nicht mehr an allen Grenzen genau kontrolliert, stattdessen erfolgen Stichproben. Die triftigen Gründe für einen Grenzübertritt wurden etwas ausgeweitet, so dass nun auch Paare sich wieder in die Arme schließen könen. Das Infektionsgeschehen wird weiter beobachtet. Sollten sich die Neuinfektionen in den Grenzregionen im vorgegebenen Rahmen von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner über sieben Tage bewegen, sei man zuversichtlich, den freien Reiseverkehr ab dem 15. Juni aufnehmen zu können. Darauf haben sich, so Seehofer, die verschiedenen an Deutschland grenzenden Länder verständigt. Er geht davon aus, so der Bundesinnenminister weiter, dass auch die weltweite Reisewarnung dann angepasst und abgeändert wird. Allerdings gelten in den Urlaubsregionen weiterhin die Hygienemaßnahmen, seien Abstand halten und Mundschutz auch im Urlaub wichtig. Das inzwischen Übliche.

Seehofers Viruserkrankung

Viel wichtiger als mögliche Reisen ab Mitte Juni war für Sandra Maischberger aber die Frage, ob die Lockdown-Maßnahmen der letzten Wochen richtig waren. So fragte sie nicht nur ihre drei Kommentatoren, sondern auch Horst Seehofer und Annalena Baerbock mehrfach danach. Beide erklärten, dass sie die Einschränkungen im Anbetracht der Bedrohung durch Corona für gerechtfertigt hielten. Scheinbar genügte die einmalige Bestätigung nicht, Maischberger hakte wieder und wieder nach.

Horst Seehofer fragte sie dann auch, ob der Grund für seine Zustimmung zu den harten Maßnahmen sich vielleicht auch darin begründe, dass er vor Jahren an einer Viruserkrankung fast gestorben wäre. Seehofer beschrieb die Zeit auf der Intensivstation, er erlitt damals eine Herzmuskelerkrankung, recht eindrücklich, und erklärte, dass er natürlich mit dieser persönlichen Erfahrung im Hinterkopf für bestmöglichen Schutz vor Infektionen sei. So wie heute bei Corona war auch damals bei ihm eine originäre Virusbekämpfung nicht möglich, es konnten lediglich verschiedene Symptome behandelt werden. Er musste, so Horst Seehofer, darauf hoffen, dass sein Körper damit fertig wird.

Maßnahmen akzeptieren gelingt nicht allen

Die Maßnahmen zur Eindämmung des Corona zu akzeptieren, damit scheint Mathias Richling so seine Probleme zu haben. Zu Beginn der Sendung erklärte er noch, er hinge keiner Verschwörungstheorie an, um dann doch recht irritierende Aussagen zu treffen. Er versteifte sich darauf, dass viele Menschen jedes Jahr an Grippe erkranken (und ließ das Argument, dass man sich dagegen impfen könnte, unkommentiert), er erklärte, dass auf Anti-Corona-Demos "besorgte Bürger" ihrem Unmut Luft machen und nicht "die AfD oder Linksradikale". Er sorgte sich um "Kollateraltote", ein Wort, bei dem man erst mal schlucken muss. Gemeint sind, laut Richling, die Menschen, die beispielsweise Suizid begehen, weil sie die aktuelle Lage als existenzbedrohend erleben und ihrem Leben ein Ende bereiten. Spätfolgen, unter denen Menschen leiden, die an Covid-19 erkranken, erkannte er nicht an, darüber sei zu wenig bekannt.

Wissenschaftler müssen ihre Empfehlungen den Erkenntnissen anpassen

Der Kabarettist echauffierte sich besonders darüber, dass Virologen ihre Empfehlungen ändern würden, dass es zunächst hieß, Masken würden nicht helfen, und nun plötzlich doch. Das sei für ihn nicht nachvollziehbar. Über den Virologen Christian Drosten ärgerte er sich im Speziellen, seiner Meinung nach sei dieser zu oft im Fernsehen zu sehen gewesen.

Ulrich Wickert klärte den gar nicht zum Scherzen aufgelegten Kabarettisten auf, dass Drosten in der Anfangszeit an Pressekonferenzen teilnahm, die auf verschiedenen TV-Sendern übertragen wurden. Dass die Kommunikation von Wissenschaftlern und Journalisten gerade in den ersten Wochen nicht immer ideal gelaufen ist, das räumte auch Pia Heinemann ein. Aber, dass Wissenschaft sich nicht revidieren darf, das sei ein vollkommen falscher Ansatz.

Michael Blume

Wissenschaft braucht Haltung

"Neue Erkenntnisse erfordern neue Haltungen", fasste es Horst Seehofer zusammen und brachte damit auf den Punkt, was Wissenschaft eben auch können muss. Mit Entwicklungen Schritt halten und darüber aufklären, was sich wie wo warum geändert hat. Aus diesem Grund forderte auch Ulrich Wickert die Medien dazu auf, einzuordnen, was die neusten Erkenntnisse sind und mitzuteilen, warum es beispielsweise neue Maßstäbe gibt, nach denen die Politik dann das weitere Vorgehen ausrichtet.

Weitere Themen:

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  • Mitarbeiter von Dienstpflicht entbunden Horst Seehofer hatte, nachdem ein Brief aus seinem Ministerium publik wurde, einen Mitarbeiter von der Dienstpflicht entbunden. Im Brief wurde der Vorwurf laut, die Bundesrepublik hätte einen Fehlalarm ausgelöst, Corona sei gar nicht so schlimm. Der Mitarbeiter wurde deswegen von der Dienstpflicht entbunden, weil er die offiziellen Wege des Bundesinnenministeriums nutzte, den Brief auf offiziellem Papier geschrieben hatte und damit den Anschein erweckte, es handele sich um eine offizielle Stellungnahme. Dem sei nicht so, auch wenn Seehofer grundsätzlich „abrückende Meinungen“ akzeptiert. Nur nicht in offiziellem Gewand.

Fazit: Die Themengewichtung bei Maischberger war letztlich nicht nachvollziehbar. Wieso war dieses permanente Nachfragen nach zu harten oder zu lockeren Maßnahmen nötig? Einmal reihum von jedem Gast beantwortet, ist bei einer zweiten Befragung wenige Minuten später kein großer Erkenntnisgewinn zu erwarten. Es gab durchaus wichtigere Themen zu besprechen. Der Blick nach vorn, wie es nun in den kommenden Wochen weiter geht, wird momentan sicherlich mehr Menschen bewegen, als die Frage, was in der Vergangenheit hätte besser laufen können.