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Reportage der Woche

CDU-Parteitag: Einblick in eine Partei, die viel gespaltener ist, als sie wirken möchte

Was als Selbstverständlichkeit gelten sollte, wird beim Auftakt des CDU-Parteitags demonstrativ in Erinnerung gerufen: Wir sind eine Partei und halten zusammen. Dass die Realität anscheinend anders aussieht, wird für die neue Vorsitzende zur Feuertaufe. Unterwegs zwischen Gräben.

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"Boah. Wählen! Wählen! Wählen!", grummelt ein Delegierter seinen Sitznachbar an und faltet seine persönliche Wahlkabine auseinander. Wie eine La-Ola-Welle richten sich die CDU-Pappen über die Tischreihen der 999 (von ursprünglich 1001) Delegierten auf. Noch einmal. Es ist 16.12 Uhr, gleich beginnt die Stichwahl. Die Nerven sind strapaziert, die Geduld auch. Viele, die nach dem ersten Wahlgang noch die mit Gurtpfosten abgesperrte Delegiertenzone verlassen haben, bleiben nun dort. Wenngleich nicht in ihrer Komfortzone. Denn es wird knapp, sehr knapp. Zumindest das ist jetzt Gewissheit. "Boah!"

Zuvor haben Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz und Jens Spahn ihre Reden gehalten. Ihre letzten vor dem alles entscheidenden Moment. Alle drei beschwören am Freitag den großen Zusammenhalt der Christdemokraten, bejubeln die Blüte ihrer parteiinternen Demokratie, feiern die CDU als "letztes Einhorn" der Volksparteien. "AKK" und Spahn sprechen dabei frei, Merz liest viel ab. Aber sie sind sich einig. Einigkeit: Das wollen die drei Bewerber um den CDU-Parteivorsitz in ihren Reden demonstrieren. Das soll der 31. Parteitag der CDU ausstrahlen. Das soll bei den Mitgliedern und ihren Lagern hängen bleiben. Egal, wer hier als Siegerin oder Sieger vom Platz zieht.

Um 16.57 Uhr steht fest: "AKK" siegt. Mit einem Vorsprung von 35 Stimmen. Sie weint, Angela Merkel lacht. Ein Teil des Saales jubelt sich mit "Annegret"-Rufen in einen Rausch, während die Tastaturen von rund 1600 Journalisten klappern. "Kramp-Karrenbauer neue CDU-Chefin", die Schlagzeile, die euphorisiert und schockt. "Dann kann das Frusttrinken ja beginnen", sagt eine Delegierte. Vielleicht im Scherz, vielleicht aus Verzweiflung.

Die Qual der Wahl

Von 999 abgegebenen Stimmen in der Stichwahl entfallen 482 auf Friedrich Merz, für fast die Hälfte der Delegierten bedeutet das Ergebnis eine Wahlschlappe. Einigen steht sie ins Gesicht geschrieben. Merz selbst kann die Enttäuschung vielleicht noch am besten überspielen. Gefasst, aber angefasst, beglückwünscht er "AKK" zu ihrem Wahlsieg, bedankt sich bei seinen Anhängern und ruft zu ihrer Unterstützung auf. Es ist ein nobler Zug. Dann blickt er in die, zum Teil enttäuschten, Gesichter der Delegierten: Zusammenhalt, das sei es, was jetzt zähle.

Zusammenhalt, an einem Strang ziehen, geschlossen auftreten – diese Formulierungen hört man auf dem Parteitag oft. Selbstverständlichkeiten, auf die in der CDU offenbar hingewiesen werden muss. "Zusammenführen und zusammen führen" lautet auch das Motto, das Angela Merkel für ihren letzten Parteitag als Vorsitzende gewählt hat.

In ihrer Abschiedsrede, nach 18 Jahren an der Parteispitze, beschwört auch sie den Zusammenhalt der Partei. Sie zählt Erfolge auf, die man gemeinsam erreicht habe. Das Flüchtlingsthema, das Trauma der CDU, das die Partei bis heute spaltet, merkelt sie in einem Halbsatz weg. Womöglich, um nicht an bereits vorhandene Gräben in der CDU zu erinnern.

Es ist keine emotionale Rede. Es ist eine typische Merkel-Rede, unaufgeregt und nüchtern vorgetragen. Emotional werden andere. Unter warmherzigen Applaus, stehenden Ovationen und mit "Danke, Chefin"-Schildern wird Angela Merkel verabschiedet. Bei nicht wenigen Delegierten fließen Tränen.

Außer bei Wolfgang Schäuble.

Der Bundestagspräsident klatscht bei Merkels Rede keinen Beifall. Er klatscht offenbar gar nicht. Seine Hände sind unter dem Pult verschwunden, an dem die CDU-Führung hinter Merkel sitzt. Auch sein Gesicht klatscht nicht mit. Er schaut sein Schäuble-Gesicht, eine Art Pokerface, das aber nicht aufgesetzt ist.

Vielleicht, weil ihm Merkel in ihrer Rede mit der Erinnerung an die Spendenaffäre einen Stich verpasst. Oder aber, weil Schäuble einer derjenigen ist, die einen radikalen Umbruch wollen. Seine offensive Werbung für Friedrich Merz, dessen Wahl er als "das Beste für unser Land" bezeichnet hatte, war seine Art zu sagen: Merkel muss weg. Auch er gehört am Ende des Parteitages zu den Verlierern, die es eigentlich nicht geben soll.

Nicht "ihr" sondern "wir"

"Zusammenführen und zusammen führen", die letzte Losung von Merkel als Parteichefin, wird nun zur Feuertaufe für ihre Nachfolgerin. Annegret Kramp-Karrenbauer betont schon in ihrer Bewerbungsrede immer wieder das "Wir" und den "Mut". Was "wir" mit "Mut" alles können, werden, müssen. Sie bekommt dafür viel Applaus. Die Delegierten bejubeln die Perspektive, das mehr an "Wir", die aber offenbar auch eine der zentralen Baustellen in der Partei ist.

Als Daniel Günther, Ministerpräsident und CDU-Chef in Schleswig-Holstein und Tagungspräsident, ihren Sieg verkündet, legt Kramp-Karrenbauer ungläubig die Hand vor den Mund. Eine der ersten Gratulantinnen ist Angela Merkel, die ihre Wunschkandidatin herzlich und erleichtert umarmt. "AKK", die Modernisiererin, wird wahrscheinlich den Weg weitergehen, den Angela Merkel einst eingeschlagen hat. Der radikale Umbruch, den sich vor allem das Merz-Spahn-Lager versprochen haben dürfte, ist wieder in weiter Ferne. Stand jetzt.

"Ja, ich nehme die Wahl an", sagt Kramp-Karrenbauer, als sie schließlich am Podium steht. Sie dankt ihren Kontrahenten für den "fairen" Wahlkampf. Und: "Ich würde mich sehr freuen, wenn sowohl Jens Spahn als auch Friedrich Merz gemeinsam an dieser Aufgabe mitarbeiten." Sie bittet ihre Mitbewerber auf die Bühne. Ihr sei dieses Signal wichtig.

Dann stehen sie da, gemeinsam, im Blitzlichtgewitter. Die Mitwerber, die nun Mitstreiter sein sollen. Das "Wir" in einer Partei, die viel gespaltener wirkt, als die denkt.

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