Verbotsdebatte Dann verbietet doch das Leben


Glühlampen, "Killerspiele", Alkohol für Jugendliche: Die Rote Liste von Dingen, die es bald nicht mehr geben soll, wird täglich länger. Dabei sind diejenigen, die immer am lautesten nach Verboten rufen, diejenigen, denen am ehesten geholfen werden muss.
Von Niels Kruse

Es ist ja nicht so, dass Verbote keine Freude bereiten können. Vor allem wenn sie einen nicht selbst betreffen. Man nehme nur ein Gesetz aus Minnesota, das es untersagt, mit einer Ente auf dem Kopf in den US-Bundesstaat ein- oder auszureisen. Mit viel Liebe zum Detail hat sich auch die Legislative in St. Louis Gedanken über die Arbeit ihrer Feuerwehr gemacht. Ergebnis: Es ist untersagt, Frauen in Nachthemden zu retten, was nächtliche Löscheinsätze nicht gerade vereinfachen dürfte. Und in Florida dürfen Bikiniträgerinnen nicht singen - zahllos quellen solch bizarre Untersagungen aus US-Gesetzestexten hervor.

In Regeln und Normen geübte Deutsche lehnen sich angesichts dieser Lappalien erheitert zurück, schließlich waren hier Verbote ganz anderen Kalibers gang und gäbe: etwa die rigorosen Klassiker "Rasen betreten verboten" oder "Spielen verboten". Da sich durch die Spätfolgen der Studentenrevolte aber ohnehin immer weniger Menschen an solche in Blech gemeißelten Befehle gehalten haben, fühlte sich dieses Land in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten doch recht frei an. Zumal niemals ernsthaft an den wirklich wichtigen Grundrechten gerüttelt wurde, nämlich Rasen und Saufen.

Kräftig auf die Verbotspauke gehauen

Damit ist es nun vorbei, seitdem allerlei Berufsbedenkenträger kräftig auf die Verbotspauke hauen. So soll Rasen wegen des Klimaschutzes unterbunden werden. Was vor allem die Autoindustrie freuen dürfte, vielleicht kommt sie durch diese Nebenschauplatzdiskussion darum herum, klimafreundlichere Autos bauen zu müssen. Die andere Idee stammt von der Drogenbeauftragten der Union, der CSU-Bundestagsabgeordneten Maria Eichhorn. Sie forderte unlängst ein absolutes Alkoholverbot für Minderjährige. Anlass: Die so genannten "Flatrate-Partys" - eine Art Massenbesäufnis zum Pauschalpreis, das auch mal in der Ausnüchterungszelle endet. Im Rheinland nennt man das Karneval.

Damit nicht genug, auf der Roten Liste bedrohter Dinge stehen noch "Killerspiele", Rauchen, Sportwetten, Fernreisen, Glühbirnen und Stand-by-Schalter (letztere drei aus Gründen des Umweltschutzes), Gen-Mais sowie "Paintball"-Spiele und sogar Anti-Nazi-Symbole. Immerhin hatten die Richter am Bundesgerichtshof jetzt ein Einsehen und verboten das Verbot, Aufnäher mit durchgestrichenen Hakenkreuzen zu tragen. Angesichts dessen, was alles nicht sein darf, fiel Verbraucherminister Horst Seehofer der hübsche Slogan von einer "Olympiade der Verbote" ein. Der Sozialwissenschaftler Günter Amendt spricht von einer heraufziehenden "prohibitiven Mentalität".

Steht Reisen nach Kambodscha bald unter Strafe?

Steht es wirklich so schlimm um die Freiheit in Deutschland? Werden Jugendliche demnächst wie Kriminelle behandelt, weil sie mit einem Schwips nach Hause kommen? Landen Studenten im Gefängnis, weil sie die Nächte mit höchstillegal heruntergeladenen Computerspielen durchzocken? Werden Angestellte von der Polizei abgeführt, weil sie bei der Arbeit eine Reise nach Kambodscha gebucht haben?

Steht Deutschland gar eine Amerikanisierung der Rechtssprechung bevor, in der lieber die Rechte der Allgemeinheit geopfert werden, zugunsten ominöser Regressansprüche einer Handvoll von Querulanten? In denen der Staat kraft seiner Funktion die letzten Poren des Privaten zukleistert, um anderen das Odeur, was aus ihnen strömt, zu ersparen? Ihnen aus einem Fürsorgegefühl heraus das Denken abnimmt, anstatt an die Eigenverantwortung des Einzelnen zu erinnern?

"Achtung, enthält heißes Getränk"

In diesem Zusammenhang wird immer wieder auf ein absurdes Urteil in den USA aus dem Jahr 1992 verwiesen, durch das die damals 79-Jährige Stella Liebeck 2,9 Millionen Dollar zugesprochen bekam. Sie hatte sich an einem bei der Imbisskette gekauften Kaffee verbrüht. Vor Gericht brachte sie das Argument vor, sie hätte ja nicht ahnen können, der der Kaffee heiß sei. Seitdem muss auf den Bechern der Hinweis stehen: "Achtung, enthält heißes Getränk".

Diese Art von Bevormundung erwächst in den Vereinigten Staaten allerdings weniger aus dem Anspruch heraus, Obrigkeiten die Verantwortung für das eigene Handeln überantworten zu wollen, als vielmehr daraus, das freie Unternehmertum vor sagenhaften Schadenersatzklagen zu schützen. Traditionell anders in Deutschland. Hier schreit man gern nach Papa Staat wegen Ruhestörung, falschen Gartenzwergen, Alcopops oder "Killerspielen". Und der eilt nur zu gern zu Hilfe.

Was macht mehr Spaß, als Verbote zu umgehen?

Größer aber als die ungebändigte Lust an der Verbieterei ist nur die Leidenschaft, sie zu unterlaufen. Eine Binsenweisheit, deren zeitlose Gültigkeit sich gerade wieder in Mexiko beobachten lässt. Zigtausende von US-amerikanischen Jugendlichen fallen, wie jedes Jahr im Frühling, in die dortigen Touristengebiete ein, um das zu tun, was in ihrer Heimat entweder verboten ist oder zumindest nicht gern gesehen wird: Alkohol trinken, meist in ernormen Mengen. Und Sex haben, meist in enormer Ausgiebigkeit. Gegen die "Spring Break"-Party sind "Flatrate-Partys" nur Anfängerkurse in Sachen Jugendausschweifungen.

Um sich dem Vollrausch hinzugeben, brauchen aber selbst amerikanische Teenager nicht eigens den langen Weg nach Mexiko auf sich zu nehmen. Obwohl in den USA die weltweit höchste Altersgrenze für den Alkoholkauf gilt, sie liegt bei 21 Jahren, haben dort schon rund zwölf Prozent aller Elf- bis 15-Jährigen Erfahrungen mit dem Suff gemacht. In Deutschland sind es 17 Prozent. Das Problem "Wie komme ich an Alkohol?" jedenfalls scheint auch in dem Land mit den strengen Vorschriften keines zu sein. Und war es auch schon zu Zeiten der Prohibition nicht.

Ausdruck elterlicher Hilfslosigkeit

Dass jetzt ausgerechnet diejenige Generation lauthals nach Alkoholverboten ruft, die vor 20, 30 Jahren selbst drogenkonsumierend gegen die Autoritäten der damaligen Zeit protestiert hat, irritiert dabei am meisten. Für den Sozialforscher Amendt aber ist es lediglich ein Ausdruck elterlicher Hilflosigkeit, die angesichts des eigenen Lebens und der Erziehung ihres Nachwuchses völlig überfordert ist. Und nicht zuletzt durch All-Inclusive-Urlaube, Schützenfesten und Verwandten-Geburtstage auch nicht immer ein gutes Vorbild in Sachen Drogenkonsum abgeben.

Wie auch? Auf Kinder und Jugendliche prasselt das Leben in Form von Freunden und Verwandten, Fernsehen und Kinofilmen, Werbeplakaten und Computerspielen, Schulelehrern und Vorgesetzten, Zeitschriften und Büchern, Urlauben und Shoppingtouren genauso ungefiltert ein, wie auf Erwachsene. Alkohol-, Ballerspiel- oder Urlaubsräusche sind nur eine von vielen kleinen und wohl auch nötigen Fluchten aus den Beschränkungen, die das Leben mit sich bringt. Wer aber deswegen immer sofort nach Verboten!, Verbieten! und Untersagen! ruft, ist offenbar nur heilos überfordert, sich dem geballten Leben zu stellen.


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