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VERTEIDIGUNGSMINISTER: Die nackte Kanone

Die SPD demontiert ihren ehemaligen Vorsitzenden Rudolf Scharping, der als liebestoller Verteidigungsminister sogar militärische Geheimnisse ausplauderte. Wasserspiele, Flugaffäre, Dampfgeplauder - einer der wichtigsten Minister im Kabinett Schröder stürzt ab.

Endlich spürt Rudolf Scharping den Kick. Das echte Leben. Pilati statt Politik. Die Politik, so sagt er, habe er »betrachtet wie einen Lebensersatz«. Jeden Termin wahrgenommen, um die eigene Bedeutung zu unterstreichen. Eine Art Methadon-Programm für den Lebensabstinenten. Gut, dass er nun bei der Gräfin an den echten Stoff rankommt. Denn auf seine Hilfsdroge muss er wohl bald verzichten.

Wenn Franz Müntefering den hormongesteuerten Kollegen im Fernsehen verteidigen muss, fragt er vorher Freunde um Rat: »Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll.« Dabei erfindet sonst keiner so schöne Sprechblasen wie der SPD-Generalsekretär. Nur, für Scharping gelten die normalen Maßstäbe nicht mehr. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Wolfgang Clement – wie Scharping SPD-Vize – gibt zu, was Müntefering vor laufender Kamera noch verschweigt: »Wir alle sagen, der hat im Moment ?ne Macke.« Zwar fordere, so Clement, keiner seinen Rücktritt, aber »alle gucken nur in die Luft: Fällt er runter oder nicht«.

Eine nackte Kanone als Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Stützpunkt bis vergangenen Samstag: Mallorca. Von dort hat er in sternenklarer Nacht, eine Hand am Handy, alles klargemacht für den Mazedonien-Einsatz seiner Truppe. Debatte im Bundestag – da schwebt er ein in Berlin, lässt sich im Plenum auslachen und jettet zurück zu seiner liebsten Gräfin (»Wir sind so glücklich.«). Truppenbesuch in Mazedonien – schnell hin und genauso schnell wieder zurück, auch noch mit dem für die Opposition reservierten Flieger. Völlig abgehoben.

Ob Scharping nun vorerst nur sein Ansehen oder bereits sein Amt verspielt hat, macht keinen großen Unterschied. Der »Endkampf« (Michael Glos, CSU) seiner Karriere hat begonnen. Und Kanzler Schröder fürchtet die nächste Detonation seines leicht entflammbaren Ex-Rivalen.

Knutschereien im Pool mit Brille

»Ich wünsche mir«, grantelte Bundestagspräsident Wolfgang Thierse über die Inszenierungen des Privaten, »dass man gelegentlich auch danach fragt: Schadet man sich und der Integrität der eigenen Person damit?« Das Stadium hat Randy Rudi vorige Woche hinter sich gelassen. Die Republik weiß längst, dass er auch zu feuchten Knutschereien im Pool seine Brille aufbehält, dass er auf saftgrünen Wiesen die Arme ausbreitet, um auf seine Gräfin zuzufliegen. Und dass die brutalstmögliche Libido-Darstellung noch nicht zu Ende ist: Auch künftig, drohte der Minister, werde er sich fröhlich, unbeschwert und glücklich in der Öffentlichkeit zeigen. Er ist nämlich gar nicht so, wie alle denken. Nur beruht das Missverständnis auf Gegenseitigkeit: Die Welt ist auch nicht so, wie er denkt.

Rudolf Scharping, der seit mehr als einem Vierteljahrhundert Berufspolitiker ist, wechselte quasi über Nacht das Darstellerfach. Jetzt tobt er sich in den bunten Blättern auf den Seiten aus, die sonst Jenny Elvers und Container-Alex bevölkern. In Palma am Flughafen haben ihm am Sonnabend die Kameraleute im Dutzend aufgelauert, bei der Ankunft seines Fluges HL 6066 in Frankfurt waren es noch mehr. Schon machen die ersten Anekdoten über den Auslands-Einsatz die Runde. Die Gräfin soll getobt und im

Restaurant sogar mit der Hand die Kamera von Spiegel-TV weggestoßen haben. Focus-TV filmte – exklusiv – das Hotelzimmer, in dem die beiden genächtigt haben – als wären?s die Laken eines Pop-Paares. Eine ganze Traube aus Fernseh- und Pressemenschen hing im Frankfurter Westend ab – in der Wolfsgangstraße vor der Gräfinnen-Tür.

Die Liebenden werden die Meute, die sie selbst mit frivolen Bildchen angefüttert haben, nicht mehr los. Scharping wollte einmal Täter sein und wird nun zum Opfer der eigenen Inszenierung. Kein Paparazzo ist hinterrücks in sein Privatleben eingebrochen. Er wollte so virtuos auf der Klaviatur der Mediendemokratie spielen wie die Schröders, Blairs und Clintons. Ein Desaster.

Liebe ist eine Teufelsmacht

Denn die Liebe ist eine Teufelsmacht, verwirrt die Sinne. Was die bekannte Scheidungsanwältin Pilati in hormonell stabileren Zeiten durchaus weiß. Vor zwölf Jahren sagte sie dem Magazin der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«: »Wenn Sie verliebt sind, sind Sie befangen, denn dann wollen Sie ja, dass alles so gut wie möglich sei, ohne Rücksicht darauf, ob die Realität das hergibt.« Mittlerweile steht fest: Den Turtelurlaub auf Mallorca hat die Realität nicht hergegeben. Nicht in Zeiten, in denen der Minister Soldaten in einen gefährlichen Einsatz schicken muss.

Da kann es sich der Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt nicht leisten, mit wallendem Blut die von Frau und Familie getrennten Soldaten in Mazedonien zu besuchen. Scharping, der das Zuhören einst zu seinen Stärken zählte, war allenfalls

physisch anwesend beim Kurztrip am vergangenen Donnerstag: »Der Mann sah total fertig aus und hatte einen richtig dicken Hals«, erinnert sich der Hauptgefreite Martin Grädner, 23, aus Magdeburg. Dann grinst er: »Vielleicht kommt das vom vielen Fliegen.« Deutlich habe man gemerkt, dass der Minister den Soldaten wenig Interesse entgegengebracht habe. »Immer nach dem Motto: Ins eine Ohr rein, aus dem anderen wieder raus.«

Als Scharping dem Mann aus dem deutschen Feldlager in Erebino bei Tetovo die Hand schüttelte, sagte er: »Machen Sie weiter

so.» Was dann schwierig wurde, weil der zerstreute Minister vor der Presse die streng vertrauliche Route ausplauderte, auf der die Truppenverstärkung aus dem Kosovo nach Mazedonien vorrücken sollte. Sein Generalinspekteur Harald Kujat, der daneben saß, konnte nur mühsam die Fassung bewahren. Aus Angst vor Anschlägen mussten die Bundeswehreinheiten über gefährliche Nebenstrecken zum Grenzübergang Jazince umgeleitet werden. Die riskante Fahrt verlängerte sich durch die Tolpatschigkeit des Oberbefehlshabers von sechs auf zwölf Stunden.

»Adoleszentesten Überschwang« diagnostizierte die »Süddeutsche« bereits vor Jahresfrist bei dem gut erhaltenen Fünfziger. Seine legendäre Arbeitswut hat Scharping gut in den Griff bekommen. »Wir gehen jetzt sehr viel ökonomischer mit unserer Zeit um«, freut sich die Gräfin. Wenn es irgendwie gehe, hielten sie sich die Wochenenden frei. Ihren Minister findet sie »rasend komisch«. Ein toller Typ. Dabei dachte sie früher, als sie ihn nur aus dem Fernsehen kannte, was Millionen andere auch dachten: »Er spricht zu langsam.« Und: »Der Bart muss ab.« Aber jetzt staunen selbst Genossen, die ihn ewig kennen. »Der lebt einfach sein Ding«, sagt

ein führender SPD-Mann. »Der lässt es drauf ankommen.« Da schwingt neben Unverständnis auch Neid mit. Für Clement hat Scharping jedenfalls »eine Art zweiter Souveränität gewonnen, die ihm offenbar diese Frau verleiht«. Schade, dass die erste Souveränität dabei so vollständig verschwunden ist.

Der Mann mit den lagsamen Bewegungen

In Rheinland-Pfalz, wo er mal ein ordentlicher Ministerpräsident war, nannten sie den Mann mit dem Bart und den langsamen Bewegungen »Gottvater«. Da schritt er gravitätisch die Weinfeste ab, dehnte die Vokale ins Endlose und sagte zu jedem Problem: »Da möchte ich ein paar Hinweise geben.« In Bonn, wo er mal beinahe Kanzler geworden wäre, begann die Inszenierung des Westerwälders als Weltmann. »Ein Mann entwirft sich selbst«, schrieb die Journalisten Sibylle Krause-Burger.

Mal gibt er den Sporthelden. Als »Bild«-Kommentator verriet er der staunenden Nation, wie man jeden Berg mit dem Rad bezwingt: »Vorne ein 39er Blatt und hinten ein Ritzel von 26 Zähnen.« Er herzte Erik Zabel, sonnte sich in Jan Ullrichs Ruhm. Und wunderte sich, dass die Kleingeister noch immer nicht einsahen, dass er nun wirklich weit mehr ist als ein dröger Aktenhengst. Dann präsentiert er sich als Krieger. Im Kosovokrieg servierte der Verteidigungsminister jeden Nachmittag im Moltke-Saal des Bonner Verteidigungsministeriums neue Gräuelgeschichten aus dem Reich des Slobodan Milo³evi. Wahre, halbwahre und womöglich auch ganz falsche. Aber immer mit langsamer, großer Geste. Er umarmte weinende Kinder im Krisengebiet, veröffentlichte sein Tagebuch. Wenn er in Fahrt ist, stoppt ihn niemand. So wie er jetzt die Liebe lebt, lebte er damals das Entsetzen.

Moralist des Krieges

Er war der Moralist des Krieges. Das sah klasse aus. Und plötzlich galt er wieder als Schröders Konkurrent. Als Gabi Bauer ihn einmal in den Tagesthemen auf seinen Erfolg ansprach, blaffte er: »Was soll ich denn tun, schlechtere Arbeit machen, damit mein Ansehen sinkt?« Klar, dass er sich für den größten und bedeutendsten aller Brandt-Enkel hält. Nur die anderen verstehen es nicht. Spätabends beim Rotwein lässt er gelegentlich seinen Frust darüber ab, dass ihm der ihm zustehende Platz verweigert werde: »Ich gestatte mir den leisen Anspruch, die Qualität der menschlichen Führung eines Georg Leber mit der Effizienz eines Helmut Schmidt zu verbinden.«

Dabei eignet sich kein SPD-Großpolitiker weniger für die Mediengesellschaft als Scharping. Und keiner war so dringend darauf angewiesen, seine langweilige Aufsteigerbiografie ein wenig aufzupeppen. So gesehen war es ein Glücksfall, dass ihn die SPD zum Märtyrer machte, als Oskar Lafontaine ihn beim Parteitag 1995 in Mannheim von der Parteispitze putschte. Da stand der

Geschlagene auf der Bühne, zeigte Größe und gab sich dafür her, den Stellvertreter des Usurpators zu machen. Als Lafontaine ihm zur Wahl in das Vize-Amt gratulierte, war der puterrot vor Scham und Peinlichkeit. Was ziemlich genau die Haltung der Sozialdemokraten im Umgang mit ihrem Ex-Vorsitzenden in den vergangenen Jahren beschreibt: Scharping ist ein Opfer, von dem weiteres Unheil möglichst ferngehalten werden muss. Der Kredit reichte sechs Jahre lang. Nun ist er verspielt.

Rudolf Scharping stolpert nicht über geheime Leidenschaften, sondern über allzu öffentliche. Und über seinen Drang, mit jeder

Selbstinszenierung zu beweisen, dass er eigentlich ganz anders ist, als alle denken. Wenn Rudolf Scharping einen Witz erzählt, hat der meist zwei Pointen, von denen die zweite immer die gleiche ist: Erst kommt der Gag. Alle lachen höflich. Dann kommt der Nachbrenner: »Das war jetzt der vertrocknete, verbiesterte Scharping«, dröhnt Rudi ironisch in die Runde.

In seiner Sehnsucht nach einem neuen Image ließ er alle Welt an seiner Liebe teilhaben wie an seinen Witzen. »Wir sind selig, uns gefunden zu haben«, säuselten die Verliebten. Nur einmal gab es Differenzen: »Über die Frage, wer glücklicher ist, den anderen getroffen zu haben.«

Für die Politik scheint der Mann verloren. Als am Sonntag der Tag der offenen Tür im Kanzleramt vorbei war, haben sie noch ein wenig gesungen, Gerhard Schröders Lieblingslied von den »Caprifischern«. Der Kanzler war dabei, Udo Lindenberg und noch ein paar andere. Einer hat den Text von der untergehenden Sonne leicht variiert: »Wenn bei Capri der Scharping im Meer versinkt.«

Stefan Schmitz, Tilman Gerwien, Joachim Rienhardt, Regina Weitz, Klaus Wirtgen