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Sondierungsgespräche Volker Wissing – das ist das neue Gesicht der FDP neben Christian Lindner

FDP-Generalsekretär Volker Wissing vor dem aktuellen FDP-Logo
Rückt durch die Sondierungen zunehmend in den Fokus der Öffentlichkeit: FDP-Generalsekretär Volker Wissing
© Michael Kappeler / DPA
Er ist keineswegs ein Neuling auf dem politischen Parkett. Doch mit den Vorgesprächen zu einer neuen Regierungskoalition rückt Volker Wissing in den Fokus der Öffentlichkeit. Wer ist der FDP-Mann links auf dem viel diskutierten Polit-Selfie?

Es hätte nicht viel gefehlt und die Vertreter der beiden Lieblingsparteien von Erst- und Jungwählern hätten sich auf dem viel beachteten Selfie nach ihrem ersten Sondierungstreffen tatsächlich gleichberechtigt gezeigt: Robert Habeck und Annalena Baerbock für die Grünen, wie gewohnt, und für die FDP Christian Lindner und Linda Teuteberg. Doch die Bundestagsabgeordnete aus Brandenburg war nicht die Art Generalsekretärin, die sich Lindner vorstellte, und so servierte der FDP-Alleinherscher im August vergangenen Jahres die heute 40-jährige Juristin nach nur rund anderthalb Jahren im Amt kurzerhand ab. Nachfolger Teutebergs als Generalsekretär wurde eben jener Mann, der auf dem schon berühmt gewordenen Selfie ganz links steht, aber nicht nur deshalb zunehmend die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zieht: Volker Wissing.

So unfein der Schritt Lindners seinerzeit war, die Entwicklung danach gibt dem FDP-Chef offenbar recht. Mussten die Liberalen vor gut einem Jahr fürchten, bei dieser Bundestagswahl wieder aus dem Bundestag zu fliegen, ist ihnen nun die Beteiligung an der nächsten Bundesregierung praktisch sicher. Mission erfüllt, könnte man sagen, denn genau das war das Ziel einer Neuaufstellung der FDP-Spitze im August vergangenen Jahres. Die "Wirtschafts- und Finanzkompetenz nach vorne stellen" wollte Lindner seinerzeit, anders gesagt: die Stärken der FDP sollten mehr herausgestellt, die potenzielle Wählerschaft direkt angesprochen werden. Wissing dürfte dabei die entscheidende Personalie gewesen sein. Der 51-Jährige gab für den Posten des FDP-Generalsekretärs immerhin das Amt des Wirtschaftsministers und des Vize-Ministerpräsidenten in Rheinland-Pfalz auf – mit einem ehrgeizigen Ziel, das Wissing gleich nach seiner Bestätigung forsch formulierte. Es gehe darum, "Regierungsverantwortung in Berlin zu übernehmen".

Volker Wissing kennt und kann "Ampel"

Dieses Ziel ist nun tatsächlich zum Greifen nahe – und der Rechtsanwalt mit eigener Kanzlei ist mittendrin. Das mag für viele in der Öffentlichkeit eine Überraschung sein, doch auf dem Polit-Parkett ist der verheiratete Vater einer Tochter keineswegs ein Neuling. Auch in Berlin nicht. Im Januar 2004 wurde er als Nachrücker Bundestagsabgeordneter. Über den Posten des FDP-Obmanns im Finanzausschuss wurde er – als finanzpolitischer Sprecher seiner Fraktion –2009 zum Vorsitzenden des wichtigen Gremiums. Jäh unterbrochen wurde seine Berliner Karriere dadurch, dass die FDP vier Jahre später aus dem Bundestag flog. Doch er nutzte dies, um es in seiner Heimat Rheinland-Pfalz bis in hohe Regierungsämter zu schaffen. Der Entschluss, dem Werben Christian Lindners "nicht ganz ohne Wehmut" nachzugeben, und FDP-Generalsekretär zu werden, hat ihn nun zurück nach Berlin gebracht – in den Bundestag und, wer weiß, womöglich gar in ein Bundesministeramt.

In jedem Fall ist der Mann eine Bestbesetzung für die anstehenden Koalitionsverhandlungen. Denn Wissing macht in diesen Tagen kein Hehl daraus, dass er der Union wie die meisten Liberalen insgesamt näher steht als der SPD, also "Jamaika" bevorzugen würde. Gleichzeitig hat der 51-Jährige schon bewiesen, dass er "Ampel" kann. Wirtschaftsminister und Vize-Ministerpräsident war Wissing nämlich im zweiten Kabinett von Malu Dreyer (SPD), die es verstanden hat, in Rheinland-Pfalz ein Bündnis aus SPD, FDP und Grünen so stabil zu führen, dass sie es nach der Landtagswahl im vergangenen Mai erneuert hat. Wie zu hören ist, soll Dreyer von SPD-Seite ebenfalls an kommenden Koalitionsverhandlungen beteiligt sein – was Wissing und Dreyer wieder zusammenführen würde. Eine Konstellation, die die Hoffnungen auf eine "Ampel" im Bund nähren dürfte.

Paragraphen und Zahlen nicht einziger Lebensinhalt

"Es ist das besondere Bewusstsein für den Wert der Freiheit, das die Freien Demokraten auszeichnet. Die Aufgabe der FDP ist es, den politischen Freiheitsbegriff mit Leben zu füllen." So lautet das politische Credo, das Wissing auf seiner Homepage herausstellt. Auf welche Art der Generalsekretär und seine Partei ihren Freiheitsbegriff in der kommenden Regierung mit Leben füllen wollen, ist Gegenstand der laufenden Sondierungen und Verhandlungen.

In seinen öffentlichen Auftritten scheint Wissing auf die Rolle des wirtschaftsnahen Politikers festgelegt – stets korrekt gekleidet in Anzug, Schlips und Kragen preist er mit ernstem Gesicht die Marktwirtschaft. Er bedient damit sicherlich ein Großteil der eigenen Klientel. In den Sondierungen und möglichen Koalitionsverhandlungen wird er bei den heiklen Themen Steuern und Finanzen ein gewichtiges Wort mitreden. Doch: "Paragraphen und Zahlen, das klingt als Lebensinhalt nicht wirklich aufregend, da muss es noch mehr geben", so Wissing auf seiner Homepage. Er bekennt sich zur Pfälzer Lebensart, weiß einen guten Wein zu schätzen und versteht auch etwas von An- und Ausbau eines guten Tropfens, kocht und backt selbst gerne und "beides nicht einmal schlecht", wie er sagt, und er spielte zeitweise als Organist in Gottesdiensten.

"Am Ende muss es passen"

"Es ist nicht immer einfach zu definieren, was Freiheit in den unterschiedlichen Kontexten bedeutet", nimmt Wissing sein politisches Credo an anderer Stelle seiner Homepage noch einmal auf. Es gilt also jetzt zu klären, wie seine, wie liberale Politik im Kontext der neuen Regierung aussehen könnte. Dass der FDP-Mann aus Rheinland-Pfalz beim abendlichen Vorgespräch den Grünen nicht offiziell gekleidet, sondern leger mit aufgeknöpftem Hemdkragen und in lockerer Jacke begegnete, wie im Selfie zu sehen, mag dabei nicht nur eine Kleidungsfrage, sondern auch ein Zeichen für Offenheit gewesen sein. Schließlich predigen nicht nur Grüne, sondern auch die FDP und ihr Chef Lindner, dass die neue Regierung für Aufbruch und Erneuerung stehen müsse. Doch ob "Jamaika" oder "Ampel", eines bleibt unumstößlich, so Wissing: "Am Ende muss es zusammen passen."

Quellen: Homepage Volker Wissing, ZDF-heute journal, "Der Tagesspiegel", Nachrichtenagentur DPA

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