Warten auf Köhler Wann wird's mal wieder richtig Sommer?


Die Spannung steigt, die Entscheidung naht. Wird der Bundespräsident das Parlament nun auflösen oder nicht? Das politische Berlin wird von der Warterei zermürbt - der Wunsch nach einem ereignislosen Sommer wächst.
Von Florian Güßgen

Eigentlich ist es eine prickelnde Angelegenheit. Hoch spannend. Super wichtig. Wird Horst Köhler das Parlament nun auflösen - oder vielleicht doch nicht? Klar, im politischen Berlin gibt es seit Tagen kein anderes Thema. Und deshalb warten wir alle. Gerhard Schröder wartet in Hannover, Angela Merkel wartet im Kosovo, in Paris und auf Sylt. Die Medien warten, indem sie exzessiv über alle Eventualitäten berichten, über Szenarien und Varianten - und, natürlich, über das Warten an sich. Der "Tagesspiegel" fasste die Stimmungslage am Donnerstag mit der wunderbaren Schlagzeile zusammen: "Schröder wartet auf Köhlers Anruf". Die Schlagzeile hätte auch lauten können. "Deutschland wartet auf Köhler".

Ein anstrengendes Warten

Während wir also auf den Bundespräsidenten warten, auf die ersehnte Eilmeldung aus dem Ticker, haben wir Zeit, uns über die Natur dieses Wartens Gedanken zu machen, über die Natur dieses Sommer zu sinnieren. Es ist, so viel steht fest, ein anstrengendes, ein rastloses Warten, das den politisch-journalistischen Komplex erfasst hat. Neuwahlen, Linkspartei, Vertrauensfrage, Merkel, Wahlmanifest, Mehrwertsteuer - es ist viel passiert in letzter Zeit, im Mai, im Juni, im Juli. Fast kein Tag verstrich, ohne dass ein "Paukenschlag", eine "Sensation" uns aufgescheucht hätte. Die Politik hat das politische Berlin gehörig geschlaucht. Jetzt ist Sommer, die Luft ist raus. Eigentlich ist es jetzt Zeit, sich dem Blues hinzugeben, sich die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen und Harry Potter zu lesen. Alle haben sich den Urlaub verdient, bevor es dann im August noch einmal richtig losgeht mit dem Showdown, mit dem Wahlkampf, mit dem Ringen um die Macht, mit der Kopfpauschale und der Bürgerversicherung, mit Rededuellen, Illner und Christiansen, den üblichen Verdächtigen eben.

"Talking Heads" ohne Sendepause

Aber in diesem Sommer ist nichts normal, nicht mal der Wahlkampf, denn noch steht nicht fest, ob es die Neuwahl, für die dann gekämpft werden soll, überhaupt geben wird. Das macht dieses Warten so anstrengend. Es ist kein Weihnachts-Warten, bei dem man dann, wenn Nikolaus oder Christkind läuten, auf die Katharsis des Geschenke-Auspackens, gleichsam die Erlösung, hoffen darf. Es ist eher ein Warten wie an einem langen Nachsitz-Nachmittag im Sommer. Zwei Stunden hat der Lehrer verordnet, der erste Gong naht - aber selbst, wenn die zweite Stunde vorbei sein sollte, könnte der Lehrer noch einen draufsetzen. Selbst wenn Köhler diese Woche das Parlament auflöst, wird sich der Beschluss hinziehen, müssen die Karlsruher Richter entscheiden. Schon jetzt hat das Verfassungsgericht durchblicken lassen, dass es sich bei seiner Entscheidung nicht unter Druck setzen lassen will. Na bravo. Und so verharren wir in dieser Stimmung latenter, aber leicht enervierter Spannung, während in Berlin eigentlich nichts passiert, außer, dass alle warten. Und so müssen alle reden, agieren, schreiben, ohne, dass wirklich etwas passiert. Die "Talking Heads" bleiben auf Sendung. Es ist kein echter Sommer.

Sehnsucht nach Krokodilen

Im Mai ließ uns die Aussicht auf einen spannenden, auf einen ereignisreichen Sommer noch jubilieren. Das Sommerloch war schon vorab zugeschüttet. Diese Euphorie ist nun verflogen, die aufmerksame Warterei nervt. Selbst das Wetter hat sich drastisch verschlechtert. Herrschte Anfang der Woche in der Hauptstadt noch eitel Sonnenschein, regnet es mittlerweile ohne Unterlass. Manchmal, aber nur manchmal, ertappt sich selbst der politikbegeisterte Mensch deshalb nun bei dem Wunsch nach einem wirklichen Sommer - mit Sommerloch, mit Krokodilen in deutschen Baggerseen, mit kompletter politischer Flaute - ohne Köhler, ohne Verfassungsgericht, ohne Neuwahlen. Die traurige Erkenntnis dabei ist jedoch, dass selbst ein ganz normaler Sommer von Köhlers Entscheidung abhängt. Entscheidet der sich nämlich gegen die Auflösung des Bundestags, könnte es sein, dass der Bundestag im schlimmsten Fall erst 2006 gewählt wird. Dann ginge möglicherweise noch ein Sommer drauf. Wann kommt der Mann denn nun endlich?


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