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Streit um künstliche Befruchtung: Kinder? Ja! Aber nicht für alle

Die Koalition streitet darüber, welchen Paaren die Kasse künstliche Befruchtung bezahlt und welchen nicht. Es geht um Geld. Doch vor allem um die Frage, wer Kinder bekommen soll und wer nicht.

Von Laura Himmelreich

Kinderwunsch: Eine menschliche Eizelle, die gerade injiziert wird, in einem Versuchslabor in Dresden

Kinderwunsch: Eine menschliche Eizelle, die gerade injiziert wird, in einem Versuchslabor in Dresden

Tina Buchholz blickt oft in enttäuschte Gesichter. In ihren Praxen in München und Berlin sitzen Paare, die sich ein Baby wünschen. Jahrelang haben sie es versucht. Vergeblich. Die Humangenetikerin rechnet ihnen dann die Kosten für eine künstlichen Befruchtung aus: 10.000 Euro kommen leicht zusammen. Anders als Verheiratete, müssen unverheiratete Paare alles selbst bezahlen. So sieht es das Gesetz vor. "Für einige kommt die Behandlung dann nicht mehr in Frage", sagt Buchholz. "Manche heiraten extra, obwohl sie das nicht wollen." Die Paare in ihrer Praxis im reichen München können sich öfter den Kinderwusch erfüllen, als ihre Patienten in Berlin. Buchholz ist Vorsitzende des Verbands der Reproduktionsmediziner. Sie und ihre Kollegen macht die Gesetzeslage wütend: "Uns ist es schnuppe, ob Patienten verheiratet sind oder nicht", sagt sie, "unser Ziel ist es, zu Kindern zu verhelfen."

Jedes fünfte kinderlose Ehepaar zwischen 20 und 50 Jahren hätte gerne Nachwuchs. Bei den unverheirateten Paaren liegt der Anteil derjenigen mit unerfülltem Kinderwunsch sogar doppelt so hoch. Doch dem Staat ist nicht jedes Baby gleich viel wert. In Deutschland sind Kinder eine Frage des Geldbeutels, des Trauscheins und der richtigen Adresse. Die Regeln, wer welche finanzielle Unterstützung für eine künstliche Befruchtung bekommt, sind wahllos und kompliziert: Sie hängen von der Krankenkasse ab, dem Bundesland, in dem man wohnt, und davon, ob man verheiratet ist oder nicht. Gesetzliche Kassen zahlen Verheirateten meist nur die Hälfte, Unverheiratete bekommen von ihren Kassen nichts. In Sachsen bekommen Verheiratete vom Land zusätzlich einen staatlichen Zuschuss. In Bayern wiederum: nichts von der Landesregierung. Für Niemanden. Sachsen-Anhalt hingegen ist für alle mit Kinderwunsch das Paradies. Hier bekommen auch Unverheiratete Zuschüsse. Doch wer will deshalb schon nach Sachsen-Anhalt ziehen?

160 Millionen pro Jahr

Als wäre das noch nicht irre genug, kümmern sich Bund, Länder, Gesundheits- und Familienministerium gleichzeitig um Paare mit Kinderwunsch. Das Familienministerium zahlt aber erst, wenn die Länder zahlen. Die meisten Länder wollen aber gar nicht zahlen und zeigen auf das Gesundheitsministerium und die Krankenkassen. Und das Gesundheitsministerium? Das findet, für Familien ist das Familienministerium zuständig. Und so schließt sich der Kreis, bei dem alle zuständig sind aber niemand verantwortlich sein will.

Künstliche Befruchtungen kosten jedes Jahr geschätzt 160 Millionen Euro - das sind gerade einmal 0,05 Prozent der Gesundheitsausgaben. Doch es geht eben nicht nur um Geld. Es geht vor allem um Ideologie. Um die Frage: Wer soll in Deutschland Kinder bekommen und wer nicht?

200.000 Kinder aus dem Reagenzglas

Immer weniger Paare sind verheiratet, wenn sie Eltern werden. In Westdeutschland kommt mehr als jedes dritte Erstgeborene unehelich zur Welt, in Ostdeutschland sogar mehr als zwei Drittel. Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) hat nun vorgeschlagen, dass der Bund auch Unverheirateten die Behandlung mitfinanziert. "Es kann nicht sein, dass auf der einen Seite geklagt wird, es werden zu wenige Kinder geboren, aber auf der anderen Seite", sagt sie, "Paaren mit Kinderwunsch, die Unterstützung verwehrt wird." Eigentlich müsste das schrumpfende Land froh sein über jedes Kind. Über 200.000 Deutsche verdanken ihr Leben der künstlichen Befruchtung. Sie könnten eine Stadt der Größe Rostocks füllen.

Doch kaum hatte Schwesig ihre Ideen präsentiert, sah die Union ihr Familienbild infrage gestellt. Solch ein schwieriger medizinischer Eingriff, warnt der gesundpolitische Sprecher, #link;Jens Spahn;Jens Spahn#, das gehe nur in "einer gefestigten Elternbeziehung", also in der Ehe. Man müsse an das "Kindeswohl" denken, appelliert der familienpolitische Sprecher, Marcus Weinberg. Die Ehe biete die beste finanzielle Absicherung. Es sind die letzten Verteidigungskämpfe eines Familienbilds, das zu verschwinden droht.

Last des Eingriffs

Immer wieder streiten die Koalitionsparteien wegen ihrer unterschiedlichen Vorstellung davon, was Familie ist. Mal wegen der Gleichstellung homosexueller Partnerschaften, mal wegen der steuerlichen Förderung von Alleinerziehenden. "Die Union tut sich schwer, einen modernen Begriff von Familie zu finden", sagt die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende, Carola Reimann.

Eigentlich hat es den Staat nicht zu interessieren, wie Paare ihr Liebesleben regeln. Es braucht gute Gründe, wenn er eingreifen will. Für den Rechtsphilosophen Reinhard Merkel, Mitglied im deutschen Ethikrat, geht der Staat bei der künstlichen Befruchtung zu weit: "Wer die Last eines erheblichen medizinischen Eingriffs auf sich nimmt", sagt er, "beweist damit nachdrücklicher, für die Verantwortung eines Kindes bereit zu sein, als diejenigen, die einfach nur verheiratet sind."

Bunde-Länder-Wirrwarr

Das ganze Chaos bei der künstlichen Befruchtung könnte die Regierung einfach beseitigen. Anstelle des Bund-Länder-Wirrwarrs könnten ausschließlich die Krankenkassen die Behandlung bezahlen, egal ob die Paare einen Trauschein haben oder nicht. Die SPD fordert, dass Kassen die Hälfte der Kosten auch für Unverheiratete Übernehmen. Für jene mit geringem Einkommen sogar mehr. Doch Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) und die Unionsfraktion lehnen das ab.

Dabei erfüllen die Verteidiger der Familie ihr Familienideal nicht einmal selbst. Der CDU-Politiker, Weinberg, der sich um das Kindeswohl sorgt, hat selbst einen vierjährigen Sohn. Verheiratet ist er nicht. Spricht man ihn darauf an, gerät er plötzlich ins Schwurbeln. Am Ende will er nicht, dass davon irgendetwas im stern steht. Nur einen Satz daraus gibt er zum Zitieren frei. Es ist der, auf den es ankommt. Ehegelöbnis hin oder her. Er sagt: "Emil Oscar ist glücklich."