VG-Wort Pixel

Ex-Wirecard-Manager Wie Jan Marsalek Teilnehmer eines "intimen" Gesprächs mit Trump-Botschafter Grenell wurde

Richard Grenell
Alles top secret: Richard Grenell sprach auf der Münchner Sicherheitskonferenz zu einem Kreis von 25 exklusiv geladenen Investoren, darunter Jan Marsalek
© Darko Vojinovic / DPA
Der damalige Wirecard-Vorstand Jan Marsalek sprach im Februar 2020 von einem Treffen mit dem damaligen US-Botschafter in Deutschland, Richard Grenell. Der bestreitet vehement, dass es dieses Treffen gab. Interne Unterlagen geben Marsalek recht.

Wer ist glaubwürdiger? Der flüchtige Ex-Wirecard-Manager Jan Marsalek, der Millionen Euro veruntreut haben soll? Oder Richard Grenell, der jahrelang unter dem US-Präsidenten und Rekordflunkerer Donald Trump amerikanischer Botschafter in Deutschland war?

Sicher ist: Grenell ist keinerlei Straftat verdächtig. In zumindest einer konkreten Frage spricht die Beleglage jetzt aber eher dafür, dass eine Aussage von Marsalek über ein Treffen der beiden Männer zutrifft und nicht ein Dementi von Grenell – was immer man Marsalek sonst zur Last legen mag.

Er hatte im Telegram-Chat mit einer Mitarbeiterin am 13. Februar 2020 um 14.27 Uhr davon gesprochen, dass er um 15 Uhr "beim amerikanischen Botschafter zum Kaffee" verabredet sei, also mit dem damaligen Diplomaten Grenell. Der stern und "Capital" berichteten vor gut zweieinhalb Wochen darüber. Kurz darauf zitierte auch die "Zeit" den Telegram-Eintrag, verlegte den Termin aber fälschlich auf Januar 2020 – was wiederum das US-Portal "Forensic News" zitierte, zusammen mit den Recherchen von stern und "Capital".

Der Trump-Mann spricht von "fake news"

Jetzt reagierte Grenell auf Twitter und sprach von "fake news", ganz im Stil seines einstigen Chefs. Er habe Marsalek "nie getroffen", versicherte Grenell. Richtig sei, dass er damals auf der Münchner Sicherheitskonferenz gesprochen habe. Aber die hätten ja "15.000 Menschen besucht".

Wer an diesem Event schon einmal teilgenommen und die hohen Hürden für die Anmeldung erlebt hat, kann über eine solche vermeintliche Teilnehmerzahl allerdings nur staunen. Genau in diesen Tagen sollte eigentlich die Ausgabe der - so ihr englischer Name - "Munich Security Conference" (MSC) für das Jahr 2021 stattfinden; Corona machte einen Strich durch die Rechnung.

Sicher ist, dass Marsalek im Jahr 2020 als "Teil einer Delegation", so eine Konferenzsprecherin, "Zutritt zur Hauptkonferenz MSC 2020" hatte. Grenell sprach dort bei einem Panel, das als "Seitenveranstaltung" ausgelegt war – in einem Saal für bis zu 100 Leute. Also etwas weniger als 15.000.

Unterlagen, die dem stern und "Capital" vorliegen, legen außerdem nahe, dass am Nachmittag des 13. Februars 2020 Grenell am Rande der MSC zwar Marsalek nicht zum Vier-Augen-Gespräch traf. Aber der Amerikaner sprach vor einer sehr kleinen, sehr exklusiven Runde von ungefähr 25 Teilnehmern im Hotel Kempinski Vier Jahreszeiten. Zu den Teilnehmern gehörte auch Marsalek.

Nur 25 Investoren waren geladen

Der schillernde Investor Christian Angermayer hatte hier als Begleitprogramm für die Hauptkonferenz ein eigenes hochrangiges Forum arrangiert, das sich über mehrere Tage erstreckte. Die Zuhörer, zu denen Marsalek offenkundig gehörte, waren "25 internationale Investoren", wie Angermayer nach der Konferenz in einem Rückblick schrieb, auch an den Wirecard-Vorstand. Aus internen Mails geht hervor, dass Marsalek auch über Angermayer für die MSC akkreditiert worden war.

Den Investoren wollte er, so Angermayer im Vorfeld, in einem "sehr intimen Rahmen" die Gelegenheit zu vertraulichen Gesprächen mit an die 30 Vertretern der internationalen Politik bieten. Und alles top secret. Die eingeladenen Investoren sollten mit niemandem über das Programm sprechen, "nicht einmal in Ihrer eigenen Organisation".

Nach einem Programmentwurf vom 11. Februar 2020 ("strikt vertraulich") stand Grenell am 13. Februar um 15.15 Uhr auf dem Programm, gefolgt von "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt. Die US-Botschaft postete am Abend nach dem Auftritt auf Twitter sogar zwei Fotos von Grenells Auftritt bei Angermayer. Auf einem Stuhl in der zweiten Reihe entdeckt man halb verdeckt den Kopf eines Mannes, der Marsalek sehr ähnelt.

Für die Tage darauf versprach Angermayer auch Gesprächstermine mit dem deutschen Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), den Präsidenten von Afghanistan, Kasachstan und Serbien sowie den Außenministern von Belarus, Iran, Jemen und Oman. Insgesamt waren, so bilanzierte Angermayer hinterher, acht Staatsoberhäupter der Einladung als Gastredner in seinem Forum gefolgt sowie 18 Regierungsvertreter.

Kurz nach der Münchner Konferenz, am 19. Februar 2020, berief Trump Grenell als obersten Geheimdienstchef der USA. Angermayer reagierte am 20. Februar 2020 mit einer jubilierenden Mail an seine "dear MSC Guests". Einer der Redner seines Forums sei befördert worden: "Botschafter  Rick Grenell ist nun auch amtierender Geheimdienstchef der USA!"

"Kaum trifft er Dich wird er abberufen"

Ebenfalls am 20. Februar kamen Marsalek und seine Kollegin via Telegram auf das Gespräch am 13. Februar zurück; auch hier klang alles so, als habe der Manager den damaligen US-Botschafter wirklich getroffen. "Kaum trifft er Dich wird er abberufen", staunte die Mitarbeiterin: "Und koordiniert jetzt Geheimdienste..."

Auf zwei Anfragen von stern und "Capital" zu der Frage hat Grenell bisher nicht reagiert - stattdessen blies er auf Twitter zur Attacke. Die US-Botschaft in Berlin verwies auf Angermayer. Der reagierte nicht auf Fragen. Nach den Unterlagen, die stern und "Capital" vorlagen, gab es offenbar bereits zuvor Kontakt zwischen dem Wirecard-Manager Burkhard Ley und dem Büro des Botschafters – was gar nicht vorwerfbar sein muss. Das legt eine Mail nahe, die ein Mitarbeiter der Schweizer Finanzfirma Mountain Partners nach einer von ihr veranstalteten Unternehmerkonferenz am Tegernsee am 31. März 2019 an Ley schickte. Er habe, so der Firmenmann an den Wirecard-Manager, "im Nachgang nochmals Deine Bitte aufgegriffen, ein Treffen mit dem US- Botschafter anzufragen". Grenell habe auch bei seinem Vortrag auf der Konferenz "explizit erwähnt, dass er immer ein offenes Ohr hat für Anfragen seitens von Unternehmen". Die persönliche Assistentin des Botschafters habe bereits angekündigt, "dass Du Dich jederzeit an sie wenden kannst. Sie organisiert dann direkt den Termin."

Es gibt keinen Beleg, dass Marsalek nach dem Gespräch am 13. Februar 2020 mit Grenell zu tun hatte, etwa in dessen Zeit als Geheimdienst-Zar. Aber dass Marsalek ein Fan von Donald Trump war, ist belegt – wenngleich er den russischen Präsidenten Wladimir Putin noch mehr schätzte.

"Dass Grenell auch auf Marsalek traf, überrascht mich nicht", sagt darum jetzt der Abgeordnete Fabio De Masi, der für die Linken im Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestages sitzt: "Das sind Brüder im Geiste." Marsaleks Verbindungen in Sicherheits- und Geheimdienstkreise seien ja "exzellent" gewesen.

Die Hinweise auf Marsaleks Kontakte in die Agentenszene häufen sich

In der Tat häufen sich die Hinweise auf Marsaleks Kontakte in die Schlapphutszene. Nach einem Bericht von stern und "Capital" über einen Mailaustausch mit dem Ex-CIA-Mann und Trump-Anhänger Gary Berntsen im April 2016 bestätigte der jetzt die Verbindung gegenüber "Forensic News".

Sogar der Politveteran Bernd Schmidbauer, bis in das Jahr 1998 Geheimdienstkoordinator unter Kanzler Helmut Kohl, bestätigte jetzt ein Treffen mit Marsalek. Beide kannten den österreichischen Ex-Verfassungsschützer Martin W. Im Oktober 2018 trafen sich dann auch Schmidbauer (Spitzname: Agent 008) und der Wirecard-Manager in München. "Ich war überrascht, dass Marsalek über ein so breites nachrichtendienstliches Wissen verfügte", sagte Schmidbauer jetzt der "Welt". Marsalek habe "erkennbar Verbindungen zu mehreren Geheimdiensten, etwa zu amerikanischen und russischen".

Schmidbauer hat auch eine Theorie, wo Marsalek heute lebt. Es gebe ja, so der Szenekenner, "einige Hinweise darauf, dass er nach Russland geflüchtet ist und dort von den Nachrichtendiensten geschützt wird".

tis

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker