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Spionagekrimi um Zahlungsdienstleister Jan Marsalek, Putin, Donald Trump, die bösen Onkel und das Katzencafé

Der flüchtige Ex-Wirecard-Manager Jan Marsalek, Russlands Präsident Wladimir Putin und der frühere US-Präsident Donald Trump
Im Uhrzeigersinn: Der flüchtige Ex-Wirecard-Manager Jan Marsalek, Russlands Präsident Wladimir Putin und der frühere US-Präsident Donald Trump
© Daniel Bockwoldt/Mikhail Klimentyev/Mandel Ngan/Pool Sputnik Kremlin/AP / Picture Alliance / DPA / AFP
Jan Marsalek, der heute flüchtige Ex-Wirecard-Manager, mochte Donald Trump, aber sein Favorit war Wladimir Putin. Interne Telegram-Protokolle zeigen außerdem, was Anfang 2020 sein scherzhafter Plan B war: die Eröffnung eines Katzencafés.

Es war der 1. Januar 2020 als die Wirecard-Mitarbeiterin Doris Bäcker* ihrem Kollegen Jan Marsalek zum 20-jährigen Betriebsjubiläum gratulierte. Und sie fügte hinzu: "Putin hat heute übrigens auch seinen 20. Jahrestag an der Macht."

Das muss ihrem Kollegen, damals Vorstandsmitglied des heute bankrotten Zahlungsdienstleisters, gefallen haben. Mit wie viel Sympathie der langjährige Chief Operating Officer von Wirecard selbst auf den russischen Machthaber Wladimir Putin blickte, zeigen jetzt Protokolle von Telegram-Chats, die stern und "Capital" auswerten konnten. Marsalek hatte sich in den Textnachrichten in den Jahren 2019 und 2020 mit seiner engen Mitarbeiterin Bäcker häufig ausgetauscht, oft dutzende mal am Tag. Die Textnachrichten und weitere interne Unterlagen geben auch neue Einblicke in die Geheimdienstverbindungen von Marsalek. Aber vor allem bestätigen sie, wie sehr er den russischen Präsidenten bewunderte.

"Ich weiß, du findest Trump und Putin gut"

An einem Tag Anfang Februar 2020 – externe Prüfer durchkämmten da bereits das undurchsichtige Zahlenwerk von Wirecard – sah Bäcker sich und Marsalek jedenfalls "gemeinsam recht nah am Abgrund". Deshalb, so schrieb sie, habe sie "grad keinen Nerv", mit ihm Grundsatzdiskussionen zu führen. Und sie schrieb: "Nochmal für‘s Protokoll - ich nehme es nicht persönlich, wenn Du mir Trump oder Putin schickst. Ich weiss, Du findest die gut. Ich weiss, dass Du weisst, dass ich die nicht gut finde - aber das gerne mal vergisst."

Auch für Donald Trump – einen lebensgroßen Pappaufsteller des damaligen US-Präsidenten hatte Marsalek in sein Firmenbüro gestellt – empfand der heute 40 Jahre alte Österreicher Sympathie. Aber Putin sei sein "Favorit", bestätigte er Bäcker.

Kein Wunder, dass auch andere Mitarbeiter Marsalek mit dem russischen Machthaber verglichen. Eine russische Partnerfirma von Wirecard arbeitete an einem gemeinsamen Projekt mit dem dortigen staatlichen Rüstungskonzern Rostec. Deshalb drängte Marsalek, den Russen eine rasche Antwort zu schicken: "Unsere Freunde fragen nach dem Status bzw Timeline", schrieb er in einer Mail im April 2015: "Sie müssen an Putin reporten :)." Der Kollege schrieb zurück: "An Putin reporten? Vollkommen harmlos, ich muss an einen Herren Marsalek reporten!"

Der war nicht der einzige im Haus, der Kontakte nach Russland pflegte. Wie Marsalek war auch Konzernchef Markus Braun zumindest zeitweise Mitglied der Österreichisch-Russischen Freundschaftsgesellschaft (ÖRFG) – noch im Jahr 2014 für einen Jahresbeitrag von 10.000 Euro sogar als "Senator". Über die ÖRFG war Marsalek am 29. und 30. Mai 2017 in Moskau zu gleich zwei Abendessen nacheinander mit dem damaligen österreichischen Innenminister Wolfgang Sobotka (ÖVP) eingeladen.

Marsalek suchte die Nähe zu US-Geheimdienstlern

Braun ist ebenfalls Österreicher. Er sitzt heute in Haft, weist aber alle Vorwürfe betreffend Wirecard zurück. Seit Marsalek hingegen am 19. Juni 2020 mit einer Privatmaschine in Minsk in Belarus landete, wird sein Aufenthaltsort in Putins Reich vermutet. Die Chat-Protokolle und weitere Unterlagen zeigen, dass der Manager auch die Nähe von US-Geheimdienstlern suchte – zumindest solchen, die Trump oder dessen Republikanischer Partei nahestanden. Noch Mitte Februar 2020 hatte er angeblich eine Verabredung zum Kaffee mit dem von Trump ernannten damaligen US-Botschafter in Deutschland, Richard Grenell. So schrieb er es an Bäcker. Wenige Tage später ernannte Trump Grenell zum kommissarischen Chef aller US-Geheimdienste. Jetzt erzählte Marsalek Bäcker erneut, er habe einen Termin bei Grenell.

Die hatte bereits einige Tage zuvor die "Geheimdienst-Kontakte" des Kollegen herausgestellt, die jetzt ja "noch besser" seien und ihnen sicher aus der Patsche helfen würden.

Die Unterlagen, die stern und "Capital" auswerten konnten, zeigen, dass Wirecard-Vorstandsmitglieder in der Tat immer wieder zu exklusiven Runden mit Grenell eingeladen waren – etwa im September 2018 über den Lobbyverband Deutsches Aktieninstitut, im März 2019 bei einer Konferenz am Tegernsee oder im Juni 2020 zu einem Zoom-Call des Investors Christian Angermayer.

Selbst wenn Marsaleks Termine mit Grenell nur Aufschneiderei waren: Es gibt Mailverkehr mit ihm und dem früheren CIA-Agenten und späteren republikanischen Politiker Gary Berntsen. Bereits im April 2016 sollte Berntsen offenbar Wirecard bei Rechtshändeln in den USA helfen. Das zeigt eine Mail des Ex-Geheimdienstlers die dann von dem umstrittenen Unternehmer Hamid "Ray" A. weitergeleitet wurde.

Dabei ging es vermutlich um die Folgen der Razzia in der Aschheimer Konzernzentrale, die die Staatsanwaltschaft München im Dezember 2015 auf Basis eines Rechtshilfeersuchens des US-Justizministeriums durchgeführt hatte. In der Mail bot Berntsen Marsalek an, persönlich nach München zu reisen, um Wirecard bei der Verteidigung zu helfen. Angesichts des "Counter-Terrorismus-Umfelds" ließen sich die Dinge sicher "verhandeln", schrieb Berntsen.

Bei Hamid "Ray" A., der den Kontakt zwischen Marsalek und dem Ex-Agenten herstellte, handelte es sich um einen Unternehmer, der auch als "Porno-Baron" gilt. Aktuell steht der iranischstämmige Amerikaner im Visier der US-Justiz, weil er für eine Marihuana-Plattform ein System organisiert haben soll, mit dem sich illegale Zahlungen verschleiern lassen – unter Mithilfe eines Partners aus Deutschland, der in der Vergangenheit ebenfalls mit Marsalek in Kontakt stand.

Zudem spielten dubiose Transaktionen für Firmen aus dem Umfeld von A., die zeitweise auch Konten bei der Wirecard Bank unterhielten, eine Rolle in der Affäre um die zypriotische Skandalbank FBME. Für die FBME interessierte sich laut Medienberichten das amerikanische FBI im Zuge der Untersuchungen des US-Sonderermittlers Robert Mueller zu einer möglichen russischen Einflussnahme auf die US-Präsidentenwahl 2016 – weil sie Konten für wohlhabende russische Staatsbürger mit Verbindungen in politische Kreise führte.

Schon im Zuge der FBME-Affäre wurde auch bekannt, wie eng der Kontakt zwischen Marsalek und A. war – und wie lang er bestand. Als es im Jahr 2012 einmal Probleme mit einer Partnerbank der FBME gab, die Bedenken bei der Weiterleitung von Zahlungen hatte, schrieb ein Manager aus dem Pornogeschäft per Mail an A., dieser solle "Darling Jan" bitten, eine andere Bank aufzutreiben, über die sich die Geldtransfers organisieren lassen. So stand es in einem Untersuchungsbericht für die Zentralbank von Zypern. Mit "Jan" war offenbar Marsalek gemeint.

My Darling Marsalek

Tatsächlich nannten sich Marsalek und "Ray" in ihren Mails gegenseitig "Love" und "Darling". Im März 2014 pries der Wirecard-Manager A. auch als einen seiner "engsten Freunde"; er sei "die ehrlichste und ehrenhafteste Person, die ich kenne".

Bereits im Oktober 2019 hatte die "Financial Times" (FT) bei Wirecard wegen möglicher Kontakte von Marsalek zu dem Ex-CIA-Mann Berntsen nachgefragt. In dem Entwurf einer Antwort des Konzern beteuerte dieser, Marsalek stehe "nicht in Kontakt" mit Berntsen oder anderen früheren CIA-Angehörigen.

Grundlage der FT-Recherchen war wohl ein Mailwechsel vom Februar 2018, bei der offenbar ein Ray, ein Jan, der Ex-CIA-Mann Gary Berntsen und ein ehemaliger US-Botschafter dabei waren. Ray schrieb sie alle als "my Dear Uncles" an – liebe Onkel –, um sie einander vorzustellen. Es gehe um Pläne, die österreichische Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen – was dann Trump im Mai 2018 mit der dortigen US-Botschaft vormachte. Während man das "Game of Thrones" spiele, so fügte Ray hinzu, möge man die "geschäftlichen Möglichkeiten" nicht vernachlässigen.

Ein Jan – offenbar Marsalek – antwortete. Er erwähnte die frischgewählte neue österreichische Koalition aus der konservativen ÖVP und der rechtspopulistischen FPÖ. Die FPÖ sei für die Verlegung nach Jerusalem, die ÖVP eher nicht. Er selbst "und ein Freund", so Mail-Schreiber Jan weiter, hätten ÖVP wie FPÖ im Wahlkampf unterstützt und unterhielten "enge Beziehungen mit der Führung beider Parteien". Jedoch würden Beziehungen der FPÖ zur ultra-rechten Szene ihr Verhältnis zu der jüdischen Gemeinde in Österreich erschweren.

Schließlich fragte er die Amerikaner direkt: Könne man einen "informellen Kanal" zur US-Politik aufbauen?

Marsalek hatte Kontakte zu FPÖ und ÖVP

Fragen dazu von stern und "Capital", ließ der Anwalt von Marsalek unbeantwortet. "Wir möchten derzeit keine Erklärungen abgeben", schrieb er. Auch Berntsen ließ Fragen zu dem Vorgang bisher unbeantwortet. Nach jüngsten Berichten in österreichischen Medien ist aber klar, dass Marsaleks Kontakte zu FPÖ und ÖVP enger waren, als die beiden Parteien es sich heute wünschen würden.

Hinzu kommt Marsaleks erwiesene Nähe zur österreichischen Geheimdienstszene. Martin W., ehemaliger hochrangiger Bediensteter des Wiener Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismus (BVT), bestätigte bei einer Vernehmung am 23. Januar, dass er und der ehemalige FPÖ-Abgeordnete Thomas Schellenbacher Marsalek im Juni 2020 bei der Flucht geholfen hätten. Er solle sich um einen Flug nach Minsk kümmern, habe ihm eine Assistentin von Marsalek ausdrücklich gesagt. Das Vernehmungsprotokoll liegt stern und "Capital" vor.

Martin W. gab auch an, dass ihm Marsalek erstmals im Jahr 2015 vorgestellt worden sei, bei einer Veranstaltung in einem Ministerium. Für ihn als damals noch aktiven Nachrichtendienstler sei ein Vorstandsmitglied eines großen Zahlungsdienstleisters natürlich ein interessanter Ansprechpartner gewesen. Später habe ihm der Wirecard-Mann erzählt, er verfüge auch über Pässe, die auf andere Namen ausgestellt seien als Jan Marsalek.

Bereits vor zwei Wochen hatten stern und "Capital" publik gemacht, dass Marsalek laut Erkenntnissen des deutschen Verfassungsschutzes mit allein "acht mutmaßlichen von der Republik Österreich ausgestellten Reisepässen" ausgestattet gewesen sei. Vergangene Woche hatten der stern und "Capital" überdies berichtet, wie Marsalek dem als Putin-Günstling geltenden ukrainischen Oligarchen Dmytro Firtasch ab Frühjahr 2019 zur Eröffnung von Konten bei der hauseigenen Bank verhalf – Firtasch lässt allerdings erklären, er habe "keine Beziehung zu Putin".

Marsaleks Geheimdienstkontakte beschäftigen jetzt auch einen Sonderermittler des Wirecard-Untersuchungsausschusses des Bundestages, den ehemaligen Grünen-Abgeordneten Wolfgang Wieland.

De Masi: "Marsalek ist der Jackpot für jeden Geheimdienst"

Mit Marsalek und Grenell hätten sich "zwei gefunden", sagte der Linken-Finanzexperte Fabio De Masi zu den neuen Recherchen von stern und "Capital": "Die Kontakte zur CIA überraschen nicht." Ein "Geheimdienst-Freak" wie Marsalek an der Spitze eines Payment-Konzerns sei "einfach der Jackpot für jeden Geheimdienst".

"Die Verbindungen von Wirecard zu Geheimdiensten müssen unbedingt aufgeklärt werden, hier geht es auch um Sicherheitsinteressen der Bundesrepublik", bekräftigte Danyal Bayaz, der für die Grünen Mitglied des Untersuchungsausschusses ist. Dass ausgerechnet die deutschen Nachrichtendienste – wie von ihnen behauptet – keine Erkenntnisse zu Jan Marsalek haben“, wirke "äußerst unglaubwürdig", ergänzte die Grünen-Finanzexpertin Lisa Paus.

Sicher scheint nach den neuen Recherchen von stern und "Capital", das sich Marsalek als Teil einer politisch eher rechts zu verortenden Schiene zwischen Trump in Washington und Putin in Moskau gesehen zu haben schien. Das hatte er womöglich auch mit dem von ihm unterstützten Oligarchen Dmytro Firtasch gemeinsam. Noch im Februar 2020 erzählte Marsalek seiner Chatpartnerin Bäcker, dass "unser Freund Dimitry Firtash fragt, ob wir ihm bei der Refinanzierung von zwei Immobilien helfen können". Es gehe um Objekte in Spanien und Frankreich.

Auch Firtaschs Umfeld war mit dem Umfeld von Trump in Kontakt – etwa bei den Versuchen von Trumps Anwalt Rudy Giuliani, belastende Informationen über Geschäftsaktivitäten von Joe Bidens Sohn in der Ukraine zu beschaffen.

In den Karneval wollte Marsalek als "korrupte Hillary"

Mit US-Demokraten wie dem heutigen Präsidenten Biden hatte Marsalek offenbar nicht viel am Hut. Als ihn seine Kollegin Doris Bäcker Ende Februar 2020 fragte, als was er sich im Karneval verkleide, antwortete er: "Als crooked Hillary" – also als korrupte Hillary. So nannte Trump Hillary Clinton, seine demokratische Mitbewerberin im Jahr 2016.

Bereits im Februar 2020 scherzten Bäcker und Marsalek über Plan B, falls die Sache mit Wirecard böse enden sollte: Sie wollten ein "Katzencafé" eröffnen.

Am 18. Februar hatte Bäcker sogar eine neue Idee: "Dabei fällt mir ein - wenn unser Plan B (Katzencafé) nicht funktioniert, können wir Plan C Kindergärtner machen."

In der Realität hatte Marsalek offenbar andere Pläne.

* Name von der Redaktion geändert.


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