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Zwischenruf: Einladung zum Frühstück

Edmund Stoibers Rivalität mit Angela Merkel zermürbt die Union. Der CSU-Chef hat die Kanzlerkandidatur längst verloren - aber wann begreift er das endlich? Aus stern Nr. 17/2004

Er hat ein Problem mit sich, und er wird ein noch größeres bekommen. Das allein müsste noch niemanden in Alarmstimmung versetzen. Aber er ist schon jetzt ein Störfall für andere - und wenn seine Energien weiter außer Kontrolle geraten, wird er ein Tschernobylist für die Union, vielleicht sogar für das ganze Land. Edmund Stoiber: notorischer Primus, besessener Besserwisser, hypermotorischer Selbstausbeuter, rücksichtsloser Sand-ins-Getriebe-Werfer. Gewinnt er nicht Abstand zu seinen Leidenschaften, wird er machtkrank. Krank an ungestillten Ambitionen, an den Widersprüchen zwischen Können, Wollen und Dürfen.

Das größte Risiko für den Machtwechsel zur Union, für eine Kanzlerin Angela Merkel, heißt Stoiber. Der wirkungsvollste Verbündete Gerhard Schröders ebenso. Denn aus München kommt das tägliche Dementi der Regierungsfähigkeit der Opposition.

Jeder weiß: Sie ist es, sie wird es

Edmund Stoiber hat verloren. Zweimal. Lebensgeschichtlich betrachtet: final. Er hat verloren gegen Gerhard Schröder, fast tragisch knapp bei der Bundestagswahl 2002. Die Kanzlerkandidatur hat ihn verändert, er gewann Größe, Gelassenheit, Sprachfähigkeit, Integrationskraft. Nun brennt er auf Revanche - und wird wieder klein: verbissen, nickelig, spalterisch. Und er hat verloren gegen Angela Merkel, die sich die Kanzlerkandidatur beim nächsten Mal nicht mehr nehmen lässt. Ganz gewiss nicht. Denn sie, die sich Gefolgschaft nicht mit Lehen erkaufen kann, hat ihre CDU mit ausgeklügelter, zuweilen durchtriebener Regie vollkommen auf sich ausgerichtet: das Fußvolk mit programmatischem Profil beeindruckt, Widersacher in einstweilige Resignation getrieben, querulatorische Freiherren aus den Ländern geduldig moderierend eingebunden. Roland Koch, der Hesse, hat das begriffen und sich - spät, sehr spät - in die Reserve geflüchtet: Er werde "keine Initiative für eine Kanzlerkandidatur" wagen. Es gibt immer noch machtpolitische Kretins, die Merkel unterschätzen. Seit ihrem raffiniert durchgeplanten Coup mit Horst Köhler sind das indes Unbelehrbare, ein verlorener Haufen. Jeder weiß: Sie ist es, sie wird es.

Einmal hat sie auf die Kanzlerkandidatur verzichtet, hat sich zum Frühstück in Wolfratshausen pressen lassen. Ein zweites Mal wird sie sich nicht unterwerfen. Denn 2006 ist ihre letzte Chance auf die Kanzlerkandidatur - wie die Stoibers. Unterliegt sie erneut, ist sie erledigt. Verliert er, ist er beim nächsten Mal zu alt. Draußen für den Rest seiner Tage. Nulla vita extra Bavariam...

Fürsorgliche Träume im Albtraum

Er hat schon verloren. Der eisige Empfang auf dem Leipziger CDU-Parteitag, die schwesterlichen Wahlsiege in Hessen, Niedersachsen und Hamburg, ihr pralles Selbstbewusstsein, ihr programmatischer Avantgardismus mit Kopfpauschale und Merz-Konzept, Köhlers Triumph über Stoibers Schäuble - eine einzige Serie von Keulenschlägen. Und nun auch noch der Zweifel, schmerzhaft bohrend und nie mehr zu betäuben, ob er nicht doch die Chance zum historischen Abgang ins Präsidentenamt hätte ergreifen sollen. Denn Horst Köhler - unkonventionell, klar und direkt - beweist ihm täglich, was aus diesem Amt zu machen ist. Sehr viel mehr, als er für möglich hielt. Er, der nun in München seinen Freistaat mit einer Radikalität reformiert, als wolle er an Bayern allein auslassen, was für ganz Deutschland gereicht hätte. Und an seinem Schreibtisch sitzen schon die Kapitulanten und raunen, welchen Posten er in einem Kabinett Merkel reklamieren sollte. Superminister für Wirtschaft und Finanzen? Oder doch lieber Außenminister? Das brächte weniger Ärger. Fürsorgliche Träume im Albtraum.

Stoiber hat verloren, aber er kann nicht verlieren. Er hat immer Recht, und er muss Recht behalten. Bei allem - besser: gegen alles -, was Merkel denkt, sagt und plant. Rechts oder links, drüber oder drunter - Hauptsache, neben der CDU. Kopfpauschale in der Krankenversicherung: unsozial. Stufentarif bei der Steuer: unbezahlbar, jedenfalls sofort. 40-Stunden-Woche? 42 Stunden! Koordinationsgespräche werden zu Koalitionsverhandlungen, Konzepte zu faulen Kompromissen, Konservative zu Kronzeugen von Rot-Grün. Das Publikum beginnt zu seufzen: Die können?s auch nicht besser.

Keine Formelkompromisse mit der CSU

Will die Union siegen, muss sie dem Selbstzersägen ein Ende machen. Das verlangt Härte von Merkel: bloß keine Formelkompromisse mit der CSU! Und schier Übermenschliches von Stoiber: Unterordnung. Nach dem CDU-Parteitag im Herbst, der sie krönen wird, ist Gelegenheit dazu. Zeit für ein zweites Frühstück, diesmal in Berlin, wo sie wohnt: Kandidatenfrühstück am Kupfergraben.

Hans-Ulrich Jörges / print