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Ergebnisse: Gute Seite, schlechte Seite

Platz 1 für die Region Bayerischer Untermain - nirgendwo leben mehr zufriedene Menschen. Platz 97 für das sächsische Oberlausitz-Niederschlesien - vier von fünf Bewohnern sind unzufrieden.

Die Japanischen Kirschen blühen, dass es eine Pracht ist. Auf den Magnolienbäumen singen die Amseln ihr Abendlied. Unten im Tal strömt träge der Fluss. An seinem Ostufer steigen die Wälder des Spessarts in die Höhe, im Südwesten beginnt der Odenwald.

Von ihrem Wohnzimmerfenster aus haben die Kroths einen fantastischen Panoramablick. Die fünfköpfige Familie aus dem Städtchen Obernburg gehört zu den Auserwählten, die in der Region Bayerischer Untermain zu Hause sind. "Kein bisschen" wundert es Barbara Kroth, 40, dass die Leute in der Umgebung von Aschaffenburg und Miltenberg zu 82 Prozent meinen, hier könne man "sehr gut leben." Auch wenn sie angestrengt nachdenkt, fällt ihr keiner ein, der anderer Ansicht wäre.

Besser als anderswo

Nirgendwo in Deutschland wurde in der Umfrage eine größere Zufriedenheit bekundet. Die Untermainler im Nordwestzipfel Bayerns, wo der fränkische Dialekt schon hessisch gefärbt ist, sind so gesehen die glücklichsten Menschen der Republik. Sie haben allen Grund dazu. Nicht nur die Natur hat es gut gemeint mit diesem Landstrich. Das Wirtshausessen, das Wetter, der Wein, die Arbeitslosenquote (6,5 Prozent), das Einkommen - irgendwie scheint hier alles ein bisschen besser zu sein als anderswo.

Barbara Kroth und ihr Mann Eberhard, 45, sind beide am Main aufgewachsen. Nach kurzem Exil im 40 Kilometer entfernten Darmstadt kehrten sie schnell wieder zurück, um hier ihre Kinder großzuziehen. Die Anziehungskraft der Region ist auch für Auswärtige groß. Durch Zuzüge und Geburtenüberschuss wächst die Einwohnerzahl - im vergangenen Jahrzehnt um über zehn, im Städtchen Obernburg sogar um fast 20 Prozent. In der Nachbarschaft der Kroths wohnt so mancher Frankfurter Banker oder Pilot, der hier für immer seine Zelte aufgeschlagen hat und nun regelmäßig pendelt.

Vater Eberhard hat es noch besser und kann zu Fuß zur Arbeit gehen. Der Ingenieur hat einen gut bezahlten, krisensicheren Job in der High-Tech-Branche. Mutter Barbara singt Sopran im "Gemischten Chor 1948" ihres Geburtsortes Erlenbach. Keine Heimatschnulzen, sondern Klassik. Zurzeit wird Mozarts Requiem geprobt. Die drei Söhne besuchen das nahe Gymnasium. Thomas, 19,baut demnächst sein Abitur und will "irgendwas mit Biologie und Medizintechnik" machen. Um seine berufliche Zukunft ist ihm nicht bang: "Alle meine Bekannten hatten nie Probleme, etwas zu finden." Bruder Sebastian, 16, ist ein HandballCrack. Der Verein im kleinen Nachbarort Großwallstadt mischt regelmäßig die Bundesliga auf. Der zwölfjährige Nicolas spielt Klavier. Ganz in der Nähe ist eine Musikschule.

Heile Welt

Kulturell hat die Region auch sonst einiges zu bieten. Nicht nur in Aschaffenburg. In Obernburg haben es sich schon die alten Römer wohl sein lassen, wovon ein schmuckes Museum zeugt. Die Theaterfestspiele auf der nahe gelegenen Clingenburg genießen überregionales Ansehen. Und im Spessart lockt das Wasserschlösschen Mespelbrunn, dessen Besitzer Albrecht Graf von Ingelheim gerade von 79 Prozent der Bewohner seines Dorfes als Bürgermeister wiedergewählt wurde. Klingt nach heiler Welt. Ist wohl auch eine.

Inken Baumann liebt ihre Heimat. Sie ist hier aufgewachsen. Sie schwärmt von den endlosen Kiefern- und Birkenwäldern. Den Seen. Dem kleinen Zoo in ihrer Stadt Weißwasser. Sie kann sogar dem öden Plattenbau, in dem sie wohnt, wegen der Nachbarn Gutes abgewinnen. Sie sagt: "Hier kann man prima leben - wenn man genug Geld hat." Wenn. Die 33-jährige Verwaltungsangestellte war so mutig, noch einmal ein Kind zu wollen. Jetzt ist sie im Babyjahr und hat kaum 1000 Euro für sich und ihre beiden Jungen.

So geht es den meisten hier. Die einen sind knapp dran, weil sie zu den 25 Prozent gehören, die keine Arbeit haben. Die anderen sind knapp dran, weil die Arbeit oft schlecht bezahlt wird. Drei bis vier Euro Stundenlohn für eine Verkäuferin sind ortsüblich. Beim Arbeitslosenverband ging kürzlich ein Gesuch für eine Buchhaltungskraft ein, "Vollzeit, perfekt in Word und Excel", für 650 Euro im Monat. Ein Aushilfslehrer Deutsch, Mathe, Englisch wurde für 9,20 Euro pro Stunde gesucht. Ergebnis: Auch die meisten Selbstständigen haben es schwer, weil hier keiner mehr was kaufen kann.

Arbeitslosenquote über 20 Prozent

Nirgendwo in Deutschland ist die allgemeine Unzufriedenheit so groß wie in der sächsischen Region Oberlausitz-Niederschlesien. Nur 21 Prozent meinen, in der Gegend östlich von Dresden ließe sich "alles in allem sehr gut leben". Hoyerswerda, Bautzen, Görlitz, Zittau - in allen Städten liegt die Arbeitslosenquote über 20 Prozent. Die Altstädte sind wieder fein herausgeputzt, die Schlaglöcher aus den Straßen verschwunden, aber die Arbeitsplätze auch.

Weißwasser war einst der Stolz der DDR. Zuoberst auf dem Boden lag der Sand - Rohstoff für Glas -, darunter die Braunkohle für die nötige Schmelzenergie. 16 Prozent der Braunkohle, 20 Prozent des Stroms und 60 Prozent des DDR-Glases wurden in der Region um das ursprünglich nur 13.000 Einwohner zählende Städtchen produziert. Tausende von Plattenbauten stampfte man aus der Erde. 1989, im Jahr der Wende, hatte Weißwasser 38.000 Einwohner. Seitdem wird geschrumpft.

1998 hat Inken Baumann ein Klassentreffen organisiert. "Die meisten Schulfreunde habe ich im Westen aufgespürt", sagt sie. Mensch Inken, hier lacht ja keiner mehr, haben die meisten gesagt. Und: Gib mir Arbeit, und ich komme zurück. Aber Arbeit gibt es nicht. Das Kraftwerk Boxberg beschäftigte einst rund 4000 Menschen. Heute sind es noch 600. Die Glasindustrie schrumpfte von rund 4000 auf 200. Jedes Jahr kehren rund 2000 Einwohner Weißwasser den Rücken. Ein Ende der Abwärtsspirale ist nicht abzusehen. "Der Letzte macht das Licht aus, ist hier ein Standardspruch", sagt Karin Zurawski vom Arbeitslosenverband.

"Da gehen reihenweise Ehen kaputt"

Auch Baumanns Lebensgefährte Michael, der Vater ihrer Kinder, hat vor einem Jahr aufgegeben. Erst war er im Tagebau, dann schulte er um auf Gas-Wasser-Installateur. Jetzt ist er Gastarbeiter im Westen der Republik, südlich von Frankfurt. Der neunjährige Pit - als er eingeschult wurde, waren sie 28 in der Klasse, jetzt sind sie noch 19 - sieht seinen Vater nur alle drei Wochen und vermisst ihn "wie Hölle". Der einjährige Scott kennt den Vater kaum. "Am Sonntag, wenn Michael wieder weg muss, ist schon morgens die Stimmung in der Familie ganz gedrückt", sagt die Mutter. Vielen gehe es ähnlich: "Da gehen reihenweise Ehen kaputt."

Um Baumanns Wohnung herum werden nun wieder Plattenbauten platt gemacht. Die Stadt Weißwasser spart und beleuchtet nachts nur noch jede zweite Straßenlaterne. Das Kino hat geschlossen, nur zwei Altenheime werden derzeit neu gebaut. Inken Baumann sagt, dass ihr Michael jetzt seinen Meister habe und etwas Neues suche. Im Sommer würden sie heiraten und sich entscheiden, ob sie auch wegzögen. Sie wolle nicht. Aber sie werde wohl müssen.

Georg Wedemeyer / print