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Durchbruch: 68 hat das Land demokratisiert!

Die westdeutsche Republik war eine erstickte Gesellschaft. Die Proteste machten Deutschland zu einer lebendigen Demokratie. Ein historisches Verdienst.

Von Jürgen Trittin

Ob die 68er Fluch oder Segen waren, ist eher eine Frage des persönlichen Standpunkts - oder der eigenen Betroffenheit. Dass sie sich durchgesetzt haben, kann spätestens seit 2002 nicht mehr bezweifelt werden. Die Bundestagswahl 2002 zwischen Schröder und Stoiber war eine merkwürdig anachronistische Schlacht über die gesellschaftlich-kulturelle Hegemonie in Deutschland. Zur Entscheidung stand nicht nur das Pro oder Kontra zum Irak-Krieg oder die Frage, wer den ökologischen Herausforderungen angesichts einer Jahrhundertflut besser begegnen konnte. Die Wahl war auch ein noch mal aufgelegter Kulturkampf. Zur Auswahl stand Stoibers Modell Wolfratshausen gegen das Modell einer offenen Gesellschaft. Die offene Gesellschaft - und mit ihr Rot-Grün - gewann. Von ihr profitieren heute auch jene, die sie immer bekämpft haben. Ohne die 68er könnten weder Christian Wulff noch Günther Oettinger trotz gescheiterter Ehen so gelassen in Wahlen gehen - und das ist auch gut so. Und wer wünscht sich eigentlich die Zeiten zurück, wo ein liberaler Parteiführer seinen Lebensgefährten verstecken musste, weil er sonst der Gefahr strafrechtlicher Verfolgung ausgesetzt war? Das war vor 68 so.

Es wäre dennoch falsch, die Leistung der 68er auf eine rein kulturelle Frage zu reduzieren. Die westdeutsche Bundesrepublik war eine erstickte Gesellschaft. Und das war so gewollt. Ludwig Erhard brachte dies mit dem Begriff "formierte Gesellschaft" auf den Punkt. Dagegen brach, nicht nur in Deutschland, der antiautoritäre Protest auf. Es war eine Bewegung in der gesamten entwickelten westlichen Welt. Doch in Deutschland hatte dieser Protest eine zusätzliche Dimension. Es ging im Kern um das demokratische Selbstverständnis Deutschlands. Ein demokratisches Selbstverständnis im Sinne gelebter Demokratie - das war etwas der formierten Gesellschaft Fremdes, ja von ihr als bedrohlich Empfundenes. Sie reagierte auf Protest verängstigt, geschockt, gewaltsam - nicht nur mit staatlicher Gewalt. Jubelperser und aufgehetzte Rentner verprügelten in Berlin Dutschke-Anhänger, während wir Bremer Schüler uns von einem sozialdemokratischen Polizeipräsidenten von jenen Straßenbahnschienen knüppeln lassen mussten, auf die wir uns zum friedlichen Protest gegen Fahrpreiserhöhungen gesetzt hatten. Ich finde es müßig, der Frage nachzugehen, wer mit der Gewalt angefangen hat. Natürlich hat die Hetze der „Bild“ die Schüsse auf Rudi Dutschke begünstigt. Und natürlich waren diese Schüsse keine Rechtfertigung dafür, im Springer-Hochhaus Bomben zu legen.

Durch 68er endgültig demokratisiert

Aber die Diskussion darüber, wer angefangen hat, verfehlt den Kern der Debatte. Warum hörte man mit der Gewalt auf? Warum war der "Bild"- Chef des Jahres 1968 im Jahre 2002 bei den Gegnern des Irak-Kriegs? Warum wurden aus militanten Demonstranten Bundesminister? Deutschland wurde durch die 68er endgültig demokratisiert. Erst durch die antiautoritäre Revolte, durch die von ihr erzwungenen Veränderungen, die wiederum sie selbst veränderte, wurde aus einer formalen, einer bloß äußerlichen Demokratie eine gelebte demokratische Gesellschaft. Eine als so verlässlich demokratisch angesehene Gesellschaft, dass keiner der europäischen Nachbarn ernsthafte Einwände erhob, als 1990 die Frage der Vereinigung der BRD mit der DDR auf der Tagesordnung stand. Das waren die gleichen Nachbarn, die nach dem Zweiten Weltkrieg gute Gründe hatten, auf die Teilung Deutschlands zu drängen. Franzosen, Polen und Niederländer, sie alle waren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Opfer deutscher Angriffskriege gewesen. Dieses Deutschland zu teilen und durch Einbindung in Nato und EU, in RGW und Warschauer Pakt in seiner Souveränität zu beschränken war aus ihrer Sicht hoch vernünftig.

Als die Einbindung in die Blöcke wegen der Auflösung des einen Blocks nicht mehr funktionierte, gab es zwei Voraussetzungen für die Akzeptanz der deutschen Einheit durch seine Nachbarn. Es war die Fortdauer der Selbsteinbindung Deutschlands in die EU. Die geschah durch die Bereitschaft zum Abschied vom einzig echten westdeutschen Nationalsymbol - der D-Mark. Die andere Voraussetzung war der unbestreitbar demokratische Charakter dieses neuen Deutschland. Vor der endgültigen Demokratisierung Deutschlands stand der klare Bruch mit seiner imperialistischen und nazistischen Tradition. Die Aufdeckung und die Aufarbeitung der Schuld der Väter-und-Mütter-Generation der 68er markierte den Sprung von einer formalen zu einer gelebten Demokratie. Eine Gesellschaft, in der die Eliten des Nationalsozialismus, die Angehörigen der SS, der NSDAP sowie Marinerichter bis hinein ins Kanzleramt weiterhin das Sagen hatten, in der es keine Institution gab ohne eine braune Geschichte, ohne Teilhabe am größten Verbrechen der Menschheit, eine solche Gesellschaft wurde nicht einfach dadurch demokratisch, dass sich diese Eliten nun Wahlen stellen mussten. Das war nötig, aber nicht hinreichend. Es bedurfte des Bruches mit dieser Geschichte.

Verlogenheit der Gesellschaft wurde durchbrochen

Heute gibt es Gedenkstätten nicht nur auf dem Gelände der KZs von Buchenwald und Bergen-Belsen. Im Gefängnis von Wolfenbüttel wird an den Justizterror der Nazis erinnert, im Landeskrankenhaus von Moringen an jene Jugendlichen, die dort wegen des Spielens von Jazzmusik eingekerkert wurden. Die Generation, die aus dem Krieg und der Gefangenschaft gekommen war, West- wie Ostdeutschland furios wieder aufgebaut, aber alles vor 45 verdrängt hatte, war von ihren Kindern gezwungen worden, sich zu ihren Verbrechen zu bekennen. Die Verlogenheit der vom Wirtschaftswunder geblendeten Gesellschaft durchbrochen zu haben, das erst hat die von den Alliierten den Deutschen verordnete Entnazifizierung zu Ende geführt. Das ist das historische Verdienst der 68er-Bewegung. Sie hat die Grundlage für die deutsche Demokratie gelegt. Es ist dies das spezifisch Deutsche an jener globalen antiautoritären Bewegung Ende der Sechziger. Eine Generation, die wie keine zuvor von der globalen Kultur des Rock’n’Roll geprägt war, stand weltweit auf - in Berkeley, in Paris und in West-Berlin. Es gab keine 68er ohne Woodstock. Und es gab keine 68er ohne den Protest gegen den US-Krieg gegen Vietnam. Aus Protest gegen diesen Krieg zerlegte Hendrix auf seiner Gitarre furios die Hymne der USA - und setzte sie auf eine neue Art zusammen. 1968 war ich in der achten Klasse. Die Bremer Schülerbewegung hatte zwei Themen - den Kampf gegen "Notenterror" und gegen den Vietnamkrieg.

Ein Lehrer machte uns deswegen Vorwürfe. Die Amerikaner würden doch in Vietnam auch die Freiheit Berlins verteidigen. Unsere Gegenfrage konnte er nicht beantworten, warum es dafür nötig sei, Napalm auf Kinder zu werfen, warum dafür gemordet, vergewaltigt und gefoltert werden müsse. Wegen des Protestes gegen diesen Krieg sind wir damals von Menschen des Antiamerikanismus geziehen worden, die schlechter Englisch konnten als wir, weniger von diesem Land wussten und weniger von seinen Idealen teilten. Der Protest gegen diesen Krieg bewies auch, dass eine globale zivile Bewegung in der Lage war, die größte Militärmacht der Erde so in ihren Möglichkeiten zu zügeln, dass der Krieg gegen ein kleines Land in einer historischen Niederlage endete. Eine Niederlage, deren Folgen bis heute fortwirken und die Handlungsfähigkeit der letzten verbliebenen Supermacht erheblich beschneiden. Die amerikanischen Neokonservativen wollten dieses Trauma überwinden. Sie sind im Irak gescheitert - und sie werden deshalb in diesem Jahr abgewählt werden. Ihr Scheitern begann mit Hendrix’ Version des Star Spangled Banner. Für diese politische wie kulturelle Leistung muss sich niemand verstecken.

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