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Gewerkschaft Solidarnosc: Der Sieg der Arbeiter

Das polnische Staatsfernsehen übertrug vor 25 Jahren live, als Lech Walesa den Streik auf der Danziger Leninwerft für beendet erklärte. Doch die Hoffnung auf einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" wurde bald zunichte gemacht.

"Wir haben miteinander gesprochen wie ein Pole mit dem anderen", sagte der schnauzbärtige Streikführer Lech Walesa zufrieden. Zuvor hatte er mit einem überdimensionalen Kugelschreiber seine Unterschrift unter das Danziger Abkommen gesetzt. "Das ist ein Sieg beider Seiten." Das staatliche polnische Fernsehen übertrug live, als Walesa nach 18 Tagen den Streik auf der Danziger Leninwerft für beendet erklärte. Tausende Arbeiter hörten auf dem Werftgelände Walesas Worte, tausende Danziger standen vor den Toren.

"Weder Sieger noch Verlierer"

Auch wenn Walesa, Seite an Seite mit dem stellvertretenden polnischem Ministerpräsidenten Mieczyslaw Jagielski, betonte, es gebe weder Sieger noch Verlierer, war die Übereinkunft vom 31. August 1980 vor allem ein Triumph der streikenden Arbeiter. Denn sie hatten die kommunistische Regierung gezwungen, mit ihnen auf Augenhöhe zu verhandeln.

Mit der Durchsetzung ihrer wichtigsten Forderung, einer unabhängigen Gewerkschaft, hatten sie etwas Unerhörtes im sowjetischen Machtbereich geschaffen. Der Sommer 1980, die Gründung der Gewerkschaft Solidarnosc (Solidarität), die sich in den Folgemonaten mit zehn Millionen Mitgliedern zu einer Macht gegen das Monopol der kommunistischen Partei entwickelte, war der erste erfolgreiche Schritt auf dem langen Weg nicht nur Polens in die Freiheit und schließlich in ein Europa, dass seine Teilung überwand.

Überwindung eines Traumas

Und noch etwas gelang den Streikenden: Mit dem Erfolg des August 1980 überwanden sie das Trauma des blutigen Dezembers 1970. Auch damals streikten die Arbeiter der Leninwerft, gingen für wirtschaftliche und politische Reformen auf die Straße. Doch damals ließ die Regierung die Proteste brutal niederschlagen. Mehr als 40 Menschen starben, hunderte wurden verletzt.

Walesa war 1970 im Streikkomitee. "Damals habe ich gebetet: Gib mir noch eine Chance, auf die Werft zurückzukehren und zu gewinnen", sagte er der dpa. "Zehn Jahre lang habe ich das richtige Verhalten überlegt, die Fehler, die Chancen. Und als es im August 1980 zu dieser Situation kam, war ich bereit."

Funke des Widerstands

Der Funke des Widerstands sprang nach Beginn des Streiks am 14. August von der Leninwerft über auf die anderen Küstenstädte und schließlich auf das ganze Land. Ob in den Bergwerken Oberschlesiens oder im Krakauer Stahlwerk Nowa Huta - die Forderungen nach freien Gewerkschaften, einer Aufhebung der Zensur, dem Recht auf Streiks wurden überall erhoben. "Sicher, sie hätten jeden Moment Gewalt anwenden können", sagte Walesa. "Aber wenn der Streik gut organisiert und solidarisch ist, hat das System keine Chance. Unsere Haltung war: Ihr könnt uns töten, aber nicht besiegen."

Die Erleichterung war dennoch enorm, dass im August 1980 ein neues Blutbad vermieden werden konnte. Polnische Dissidenten berieten die streikenden Arbeiter bei den Verhandlungen mit der Regierung. Der Schulterschluss von Arbeitern und Intellektuellen - endlich gelang er.

Hoffnung auf "Sozialismus mit menschlichem Antlitz"

Das Danziger Abkommen leitete am 31. August ein, was im Rückblick in Polen als "16 Monate Hoffnung" bezeichnet wird. Die Hoffnung auf den "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" wurde bald erneut zunichte gemacht. Als die Solidarnosc begann, nationale und internationale Bekanntheit zu erlangen, wurde unter der Führung des Ministerpräsidenten und Generals Wojciech Jaruzelski am 13. Dezember 1981 das Kriegsrecht verhängt, um den wachsenden Einfluss der Gewerkschaft zu brechen. Erst 1989, als historisches Jahr des Wandels, brachte endgültig den Sieg der demokratischen Opposition, und wieder einmal machte Polen mit den Gesprächen am Runden Tisch den Anfang bei den großen europäischen Veränderungen.

Unbestritten sind de historischen Verdienste des einstigen Elektrikers Walsa. Doch sein Mythos ist verblasst, auch wenn angesichts der Jubelchöre zum Jubiläum ein anderer Eindruck entsteht. Als polnischer Präsident verscherzte sich Walesa viele Sympathien auch einstiger Weggefährten - zu rechthaberisch, zu machtverliebt, zu sehr darauf bedacht, die Macht des Präsidenten gegenüber Regierung und Parlament auszubauen.

"Ich bin dafür und sogar dagegen"

Seine Stilblüten wie "Ich bin dafür und sogar dagegen", die häufigen Widersprüche, finden manche originell, viele aber einfach nur peinlich. Als Walesa vor fünf Jahren erneut für das Präsidentenamt kandidierte, wählte nicht einmal ein Prozent der Polen den Helden von einst. Er selbst fühlt sich eher missverstanden und sonnt sich vor allem im Ausland im alten Glanz. "In hundert Jahren wird es keinen Präsidenten geben, der soviel getan hat wie ich", rühmte er sich kürzlich in einem Interview. Inzwischen wendet er sich lieber von der schnöden Alltagspolitik ab und seinem neuen Lieblingsthema zu - der Solidarität in Zeiten der Globalisierung.

Doch auch mit dem viel beschworenen Geist der Solidarität tun sich viele Polen heute schwer. Die Hoffnungen von einst haben sich längst nicht für alle erfüllt. Knapp 18 Prozent der Polen sind ohne Arbeit, auch viele der Werftarbeiter an der Ostsee. Die Arbeiter der Danziger Werft, auf der im August 1980 alles begann, müssen am Mittwoch ohne Bezahlung frei nehmen. Aus Sicherheitsgründen wird die Werft an diesem Tag geschlossen, denn Walesa, die Spitzen der polnischen Politik und Staats- und Regierungschefs aus fast 30 Ländern feiern auf dem Platz vor der Werft den Jahrestag des Danziger Abkommens. Die Arbeiter, so heißt es in polnischen Medien, dürfen nicht einmal Blumen an "ihrem" Denkmal niederlegen.

Eva Krafczyk/DPA / DPA
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