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Der Abwasch der Woche Bei Steinmeier fällt die Mauer


Wahrlich eine historische Woche: Erst 20 Jahre Mauerfall feiern, nur ohne die Leichtigkeit von damals. Dann einem verwandelten Hau-Drauf-Steinmeier im Bundestag zuschauen. Und schließlich noch Münte Adieu sagen. Zeit für den Abwasch.
Von Tilman Gerwien

Zu allererst muss ich hier was klarstellen: Wenn mir irgendwo irgendwann noch einmal Helmut Kohl, Michail Gorbatschow und George Bush senior begegnen, um noch einmal und diesmal so richtig darüber zu reden, wie sie die Mauer zwischen beiden Deutschlands eingerissen haben - dann kann ich für nichts mehr garantieren! Dann weiß ich nicht mehr, was ich tue! Dann gibt es drei Backpfeifen für jeden, aber mindestens, denn: Es ist genug jetzt. Es reicht, und zwar wirklich. Kohl, Gorbatschow und Bush auf Plakaten, in ganzseitigen Anzeigen, bei Festakten und auf Podiumsdiskussionen - seit Wochen schiebt vor allem der Axel Springer Verlag die drei alten Herren über die Bühnen der Republik, dass es allmählich keine Freude mehr ist. Es hört einfach nicht mehr auf damit. Vielleicht sind die drei Opfer einer getarnten Satire-Aktion der "Titanic" geworden?

Womit wir schon beim Montag wären, jenem Tag, an dem in Berlin die "Mauersteine" fielen. Es regnete, Lech Walesa krachte mit einem Kameramann zusammen, Bon Jovi sang vorm Brandenburger Tor "We weren't born to follow", es war eigentlich alles recht schön. Aber etwas fehlte: Es war das große Gefühl von damals, die tänzelnde Leichtigkeit des historischen Augenblicks. Breitgetreten und endlos verwurstet von der medialen Emotionsmaschine, die gefühlte 100.000 mal jubelnde Ossis an der Bornholmer Brücke zeigte, die "Wahnsinn!" in die Kameras brüllen, hatte sich dieses Gefühl leider davongeschlichen.

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Am

Dienstag

gab Angela Merkel im Bundestag ihre Regierungserklärung ab. Es war eine geht-so-Rede der Kanzlerin wie ja die meisten Reden von Merkel geht-so-Reden sind. Interessanter war der Auftritt des Frank-Walter Steinmeier, des selbst ernannten "Oppositionsführers" der SPD. Steinmeier stürzte sich geradezu auf seine Rede, er wirkte wie gedopt, er kriegte sich gar nicht mehr ein: "Klientelpolitik", "katastrophal", "Fehlstart", der Mann haute die klassischen Oppositionsvokabeln, nur so raus.

Oben auf der Tribüne fragten sich alle: Was ist denn mit dem los? Der war doch gestern noch der große Langweiler? Langweilig war Steinmeiers Rede nicht, das stimmt. Aber gut war sie auch nicht. Zu laut. Zu wenig Dramaturgie. Zu wenig Witz. Zu viel Schwert und zu wenig Florett. Und das mit den Oppositionsvokabeln wirkte alles in allem auch ein bisschen merkwürdig: Haben Steinmeiers Helfer in ihren Computern vielleicht ein Worterkennungsprogramm, mit dem sie auf die Suche gehen nach Begriffen, die man eben so nimmt, wenn man mal rhetorisch so richtig gegen die Regierung aufdrehen will? Alles, was Steinmeier sagte, klang jedenfalls wenig authentisch, es dampfte irgendwie nicht - und seine Empörung wirkte am Ende doch auch merkwürdig aufgesetzt und instant-mäßig.

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Am Donnerstag konnte man im Berliner Szene-Bezirk Prenzlauer Berg eine ganz erstaunliche Zeitreise antreten, eine Reise in ein versunkenes Land: die Bundesrepublik (West) der 70er Jahre. Dieses Land war ein schönes Land: Die Renten waren sicher, die Bundeswehr blieb in ihren Kasernen (andere vergossen im Zweifel ihr Blut für unser Öl), der öffentliche Dienst war fett und im Fernsehen gab es nur drei Programme, ab 23.00 Uhr hieß es: Ab in die Heia, aber ganz schnell, da kam nämlich nur noch das Testbild.

In dieses schöne Land sehnt sich offenbar der Buchautor Albrecht Müller zurück, ehemaliger Mitstreiter Willy Brandts, der sein neuestes Werk "Meinungsmache" vorstellte, in dem er die Medien als große Manipulationsindustrie beschreibt, die die Deutschen seit Jahren einer "neoliberalen" Gehirnwäsche unterzieht. Müller, Mitdiskutant Oskar Lafontaine und das Publikum in der "Kulturbrauerei" waren sich schnell einig: Es gibt zum Beispiel gar kein demographisches Problem! Wir wollen unsere alte Rentenformel wieder haben! Und wer mehr Steuerfinanzierung für die Rente will (wodurch Selbständige, Beamte und vor allem Besserverdiener endlich mit bezahlen müssten, was doch eigentlich "links" wäre), der ist irgendwie "neoliberal".

Nur stern-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges, der auch auf dem Podium saß, störte ab und zu mit spitzen Bemerkungen bei der kollektiven Gedankenreise zurück ins verlorene Paradies - in die gute alte BRD. Jenes Land, in dem es natürlich auch "Meinungsmache" gab. Mit der haben Albrecht Müller und seine Mitstreiter rückblickend aber interessanterweise gar kein so großes Problem. Weil es damals nämlich zu einem guten Teil ihre Meinung war, die gemacht wurde. Und weil oftmals sie die "Meinungsmacher" waren.

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Am

Freitag

war in Berlin nichts los, aber in Dresden. Dort begann die deutsche Sozialdemokratie auf ihrem Parteitag mit der Aufarbeitung ihres historischen Wahldesasters und all dem, was sie seit Jahren quält: Hartz IV und Rente mit 67, Afghanistan und die Basta-Politik der Spitze. "Münte" hielt seine letzte große Rede. Noch einmal hämmerte er seine berühmten kurzen Sätze in den Saal: Wir sind kampfbereit. Wir kommen wieder. Wir lieben das Leben. Das wird fehlen. Keiner sagte so schön "Angaschmang" und "Unterhaken" und "Glück auf". Nur wenige haben ihre Zuhörer so rühren können, bis hin zu Tränen, wie dieser Mann. Schade, dass er geht.


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