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GOETHE-SERIE V: Mit Schiller über den Regenbogen

Der zehn Jahre jüngere Friedrich von Schiller zeigt Goethe den Weg zu neuen Ufern. Wie ein Liebespaar leben die zwei und fordern ihr Jahrhundert in die Schranken.

Der zehn Jahre jüngere Friedrich von Schiller zeigt Goethe den Weg zu neuen Ufern. Wie ein Liebespaar leben die zwei und fordern ihr Jahrhundert in die Schranken. Als der Freund stirbt, wird der Olympier wieder träge und huldigt einem neuen Gott: Napoleon

Es ist Hochsommer. Es ist warm. Goethe und Schiller gehen durchs abendliche Jena. Laufen über den Marktplatz, vorbei an der Wasserpumpe, am Brunnen, so, hier im letzten Haus wohnt Schiller. Goethe hat Lust, weiterzureden. Das Gespräch lockt ihn. Er sagt, er möchte von seinen Erfahrungen erzählen. Und ist schon bei seinem Lieblingsthema, der Metamorphose der Pflanzen. Auf Sizilien hat er doch die Urpflanze gesucht. Alles ist Blatt. Sein Credo. Im Vortrag, den sie gerade in der 'Naturforschenden Gesellschaft' gehört haben, stimmte doch alles wieder nicht.

Schiller meldet aber auch bei Goethe Zweifel an: Das ist keine Erfahrung, sagt er kopfschüttelnd, das ist eine Idee. Also das kann Goethe nun ganz schlecht vertragen. Kann mir sehr lieb sein, sagt er knapp, daß ich Ideen habe, ohne es zu wissen, und sie sogar mit Augen sehe. Aber Schiller kritisiert so charmant, so klug und diplomatisch, dass Goethe am Ende ihrer ersten Begegnung eingefangen ist. Und so ist denn dieser 20. Juli 1794 der Beginn einer ungewöhnlichen Freundschaft.

Dabei fand Schiller Goethe bis dahin ganz schrecklich. Und dieses blöde Weimar auch. Er hat ja sieben Jahre dort gelebt. Am Anfang noch voller Hoffnungen auf die Riesen vom Musenhof. Aber was fand er? Lauter Leute in Schneckenhäusern. Kamen nicht mal raus, um sich zu sonnen. Die ganze Stadt - eine Sekte. Und Goethe mittendrin als Guru. Lauter Philosophenverächter und übertriebene Naturverehrer. In Weimar, schreibt Schiller, sucht man lieber Kräuter oder treibt Mineralogie.

Geradezu kleinkariert ist das für den Dichter der 'Räuber', des 'Fiesko', des 'Don Carlos'. Und wie unpolitisch Goethes Stücke sind. Wie der seinen Egmont rummachen läßt mit Klärchen. Unmöglich findet Schiller das. Es geht doch um den Freiheitskampf der Niederländer. Handeln soll der Held, nicht tändeln. Und jede Warnung schlägt der in den Wind. Nein, guter Graf Egmont, schreibt Schiller über Goethes lahmen Helden, wenn es Euch zu beschwerlich ist, über Rettung nachzudenken, dann ist es richtig, wenn sich die Schlinge über Euch zusammenzieht. Wir sind nicht gewohnt, unser Mitleid zu verschenken.

Dass es Goethe in seinem Stück nicht um Politik geht, sondern um persönliche Nöte, die Angst zu handeln und die Hoffnung zu entkommen, also um das dämonische Spiel der Götter, das ist Schiller fremd.

Fremd ist ihm auch die Selbstdarstellung Goethes. Schreitet da durch Weimar wie ein Gott, ohne sich selbst zu geben. Und wie gut das Schicksal mit dem Herrn Geheimrat umgeht. Bekommt noch immer höchste Bezüge vom Hof. Wofür eigentlich? Und er, Schiller, muss kämpfen und kämpfen. Ja, er hasse Goethe, schreibt Schiller 1789 an seinen Freund Gottfried Körner, auch wenn er dessen Geist liebe. Ich betrachte ihn wie eine stolze Prüde, der man ein Kind machen muss, um sie vor der Welt zu demütigen.

Und Goethe? Findet den zehn Jahre jüngeren Schiller genauso unangenehm. Schon äußerlich, also dieses Hochaufgeschossene, diese Adlernase, und dann dieses schreckliche Schwäbeln.

Und ewig ist der Mann krank. Sieht man doch schon an den hektische Flecken im Gesicht. Außerdem raucht er, schnupft Tabak, schläft bis mittags und arbeitet nachts. Putscht sich dabei auf mit Punsch und Kaffee und braucht zum Schreiben den Geruch von fauligen Äpfeln. Das Obst soll ja Wochen in seiner Schreibtischschublade modern. Ekelhaft findet Goethe das.

Nein, er mag diesen Schiller nicht, diesen glühenden Geist und glänzenden Journalisten, Politiker, Philosophen. Er mag überhaupt keine genialen Leute in seiner Nähe. Außerdem ist Schiller ein Verehrer der Französischen Revolution. War es wenigstens am Anfang. Aber auch das ist schon zuviel für Goethe. Er hat für Demokratie nichts übrig. Veränderung, sagt er, kann es nur von oben geben. Nie von unten. Also nie vom Volk her. Da denkt Goethe wie seine alte Zuchtmeisterin Charlotte von Stein. Die nennt Franzosen nur noch Banditen und Räuber.

Also, es wäre schon ganz gut, diesen Schiller aus Weimar wegzukriegen. Deshalb plädiert Goethe 1788 dafür, ihm eine Professur in Jena zu geben. Für Geschichte. Jena ist schon seit Jahr und Tag die Sauf-und-Rauf-Universität mit rabiaten Verbindungsstudenten, also politischen Aufrührern. Soll Schiller da ruhig mal hin. In seinem Vorschlag an den Herzog nennt Goethe Schillers Charakter vorteilhaft, sein Betragen ernsthaft und gefällig. Also kühler geht es nicht.

So zieht Schiller damals nach Jena. Er ist dort wohl überwacht worden. Es gibt ja Spitzel. Der amerikanische Journalist Daniel Wilson schreibt in seinem Buch 'Das Goethe-Tabu', wie die Professoren damals in einem Gutachten warnen: Spitzeldienste seien unrechtmäßig und verdürben Seele und Herz der Studenten. Das mag wohl sein. Aber Informationen sind dem Hof in Weimar wichtiger. So gibt Goethe denn 1792 die Weisung des Herzogs weiter, mehr Geld für Spitzel auszugeben.

Und nun diese Freundschaft, diese Liebe zwischen Schiller und Goethe, die elf Jahre dauern wird. Bis zu Schillers Tod. Und Goethe, der sonst nur Diener, Handlanger, Schreiber und Sekretäre als Mitarbeiter duldet, braucht plötzlich einen freien Geist um sich, einen Meister.

Und der schreibt einen wunderbaren ersten Brief an den anderen Meister, schreibt mit Leidenschaft und philosophischem Schwung, dass Goethe ein Grieche sei, der mit griechischem Geist in diese nordische Schöpfung geworfen wurde und nun mit Imagination und Nachhilfe der Denkkraft dabei sei, ein Griechenland zu gebären.

Goethe ist ganz beglückt. So etwas hat ihm noch niemand gesagt. Die ganze Summe seiner Existenz sei damit gezogen worden, schreibt er zurück. Und was für eine angenehme Handschrift dieser Schiller hat. Spielt ja alles eine Rolle bei Goethe, dem Optiker und Ordnungsapostel.

Weil Schiller aber weiß, was er Goethe mit seinem gewaltigen germanisch-griechischen Entwurf zumutet und ahnt, dass Goethe auch ein Zauderer ist, einer, der jahrelang an Ideen klebt - er hat es ja beim Gespräch über die Urpflanze gemerkt -, bietet er sich voll Takt und Vorsicht als Helfer an. Als Führer durchs Labyrinth.

Welch ein Angebot. Goethe wird es brauchen und nutzen. So einen Begleiter hat er noch nie gehabt. Herder war am Ende doch immer nur zynisch. Frau von Stein am Ende doch immer nur die Zuhörerin. Schiller ist der geniale Kopf, dem alles gelingt. Seine Stücke werden aufgeführt. Er ist der Liebling der Buchhändler. Sogar der Herzog liest ihn.

Und Goethe? Seit 15 Jahren passiert da nicht viel. Die Metamorphosen liegen auf Lager. Die Farbenlehre wächst und wächst zu Haus. Und nun kommt da dieser Feuerkopf, dieser Schiller. Der schreibt an Goethe: Es ist hohe Zeit, daß ich für eine Weile die philosophische Bude schließe. Er will sich ganz in seine neue Zeitschrift stürzen, die 'Horen', genannt nach den griechischen Göttinnen der Jahreszeiten. Für die will auch Goethe was liefern. Die Arbeit beginnt.

Goethe zieht nach Jena. Er muss nah bei Schiller sein. Er zieht in ein einfaches Zimmer des baufälligen Schlosses. In Weimar am Frauenplan hat er sein Museum mit Kutsche, Köchin und Christiane. Die sorgt nun dafür, dass er in seiner Junggesellenwirtschaft mit Lebensmitteln versorgt wird. Auch mit frischen Sachen aus dem Garten. Mit Deiner Arbeit ist es schön, schreibt die Geliebte ihm, was Du einmal gemacht hast, bleibt ewig. Aber bei ihr haben in nur einer Nacht die Schnecken beinahe alles aufgefressen, meine schönen Gurken sind fast alle weg.

Aber sie schickt, was er wünscht. Auch Wein und Champagner. Und mahnt die leeren Flaschen an. Notiert mit vielen Tintenklecksen alle Ausgaben: Komödie-Abonnement ... 2 Paar Strümpfe vor Dich ... dem Kutscher Trinkgeld. Und dann kauft sie sich zwei cattune Halstücher ... Ich wollte doch auch ein bißchen Aufsehen machen.

Doch, sie vergnügt sich schon. Geht auch ins Theater. Geht vor allem tanzen. Tanzt viele Schuhe durch. Aber sie quengelt und drängelt auch. Hat Sehnsucht. Dabei haben sie längst kein gemeinsames Schlafzimmer mehr. Aber er soll doch wieder nach Weimar kommen. Du kannst hier wie in Jena im Bette dictiren, schreibt sie. Da schreibt er das Gedicht 'Amyntas'. Darin ist der Mann der Baum. Und die Frau umringt ihn als Efeu. Erstickt ihn fast.

Aber Wochen später erstickt auch sie fast. In Gerüchten. In Weimar sagt man ihr auf der Straße ins Gesicht: Goethe hat eine andere. Und die wird er heiraten. Sie schreibt ihm von Panikträumen. Ich habe dabei so geweint, und da war mein ganzes Kopfkissen naß. Goethe antwortet, sie solle alle Grillen und Träume verjagen. Er arbeite gut. Müsse aber allein sein und brauche Zeit. Er werde wohl zu Ostern kommen. Das schreibt er im November.

Er braucht Urlaub von Christiane. Braucht Ruhe beim Schreiben. Braucht am Abend dann die neue Familie, die sich in der Laube bei Schiller trifft. All die jungen, großen Talente! Sie sind nicht in Weimar. Sie sind in Jena: Schiller, Fichte, Wilhelm und Alexander Humboldt, Schelling, Hegel, die Schlegel-Brüder, Brentano, Tieck und Voß, der die Ilias und die Odyssee übersetzt.

Sie treffen sich also bei Schiller, trinken, lachen, lesen vor, was sie am Tag geschrieben, diskutieren über Kant und das radikal Böse im Menschen, was Goethe erschreckt und Schiller beflügelt.

Und dann wettern die beiden Dioskuren los. Trompeten ihre Xenien in die Öffentlichkeit. Xenie heißt Gastgeschenk. In Wahrheit ist es ein gedichteter Stachel im Fleisch von Feind und Freund. Goethe wischt allen eins aus: Schlegel, seinem Schwager, beleidigt Jung-Stilling und Lavater, und Jean Paul wird geärgert, Kant gestochen und Newton erschlagen. Natürlich, Goethes Lieblingsfeind. So sei doch höflich! -Höflich mit dem Pack? / Mit Seide näht man keinen groben Sack.

Alles erscheint in den 'Horen'. Schiller druckt auch Goethes 'Römische Elegien', und ganz Weimar steht Kopf. Empört sich über die bordellmäßige Nacktheit darin. Und Herder meint, die Horen müssten nun mit u geschrieben werden.

Schiller findet das alles drollig genug, und Goethe wohnt ja meist in Jena. Also weg vom kleinen Karo Weimar. In Jena ist der Olympier kaum wiederzuerkennen. Nichts mehr vom stocksteifen Herrn Minister. Fast väterlich kümmert er sich um jeden aus der bunten Truppe, vor allem, wenn er Liebeskummer hat. Er tröstet den Shakespeare-Übersetzer Schlegel, der seine Caroline an Schelling verliert und gerät ein paar Jahre später auch selbst mal wieder in Gefühlswirren.

Der fast 60-jährige Goethe wird sich in die 18-jährige Pflegetochter seines Buchhändlers verlieben, in Minna Herzlieb. Ein zartes Geschöpf, eine Unberührbare, ein bisschen vielleicht wie Goethes Schwester Cornelia: Angst vor der Ehe und Panik vor der Liebe. Goethe mag ja diese leicht neurotischen Nonnentypen. Sie regen zum Dichten an, beflügeln Legenden und schützen vor zu hohem Einsatz.

Also Goethe geht es gut. Er isst auch gut. Ist noch dicker geworden. Sieht aus wie ein Schwangerer, schreibt Charlotte von Steins ältester Sohn. Und die schreibt an ihren Jüngsten: Goethe ist entsetzlich dick, mit kurzen Armen, die er ganz ausgestreckt in beiden Hosentaschen hält. Der arme Goethe, der uns sonst so lieb hatte.

Dabei tastet Goethe sich so langsam wieder an sie ran. Schickt ihr zum Geburtstag Lachs und Hamburger Fleisch und schreibt an Christiane, sie solle den kleinen August nur recht fleißig zu Frau von Stein schicken, damit er sich bilden kann.

Also das Kind als Vermittler. Goethe organisiert das von Jena aus. Und Frau von Stein glaubt auch bald, in August die vornehme Natur des Vaters und die gemeinere der Mutter unterscheiden zu können. Einmal gibt sie ihm ein Stück Geld. Das drückt der Junge an den Mund und küsst es. Das habe sie auch an Goethe beobachtet. Da hat sie dem Kleinen noch ein Stück gegeben. Und August ruft: Alle Wetter!

Also Goethe geht es gut in Jena. Und Schiller treibt ihn an, den 'Wilhelm Meister' wieder rauszukramen. Goethe tut es. Und schreibt. Sitzt bald mittendrin in der Geschichte von Wilhelm, dem jungen Mann aus gutem Hause, der zum Theater will, zu den Komödianten. Das ist seine Sendung.

Goethe schreibt mit Tempo einen herrlichen Erzählton und wirbelt alle Regeln der Kunst durcheinander. Nein, wird er später sagen, es gibt in seinem Roman keine Idee, wenn seine lieben Deutschen mal wieder nach ihr suchen sollten.

Das mag er auch an Schiller nicht, dieses Stürzen in Ideen und Philosophien. Denn durch sie kam er dahin, wird Goethe später über Schiller schreiben, die Idee höher zu halten, als die Natur, ja, die Natur dadurch zu vernichten. Undenkbar für Goethe.

Also, es gibt keine Idee im Wilhelm Meister, es gibt einen Helden, der auf seiner Irrfahrt durchs Leben immer mehr Kulturgepäck mit sich rumschleppt. Und es gibt so wundersame Figuren wie Mignon, dieses merkwürdige Kind aus der Gauklerwelt, das Wilhelm jenes Lied vom Land singt, wo die Zitronen blühn.

Ein Shakespeare-Kind ist diese Mignon, ein Luftgeist, mal er, mal sie genannt, ein romantischer Zwitter, der Goethe zu sich zieht ins Reich der Kinder, die doch immer seine Sehnsucht sind.

Und noch eine einzigartige Figur turnt leichtfertig und vergnügt durch den Roman: Philine. Eines Tages liegt sie sogar in Wilhelms Bett. Goethe mag solche Frauenzimmer nicht. Schauspielerinnen! Er kennt die Sorte zur Genüge. Sie ziehen ihn an, aber eigentlich stoßen sie ihn ab. Und das zeigt er Philine nun im Roman. Er versucht, sie vor den Lesern unmöglich zu machen. Aber Philine tanzt ihrem Autor auf der Nase rum oder knackt Nüsse auf und klappert in ihren lauten Pantöffelchen heiter weiter durch Wilhelms Lehrjahre.

Wilhelm Meister ist Goethes ganz großer Wurf. Der Roman des Jahrhunderts. Schiller ist überwältigt. Zwei Tage habe er ununterbrochen gelesen, schreibt er Goethe im Juli 1796. Es steht da wie ein schönes Planetensystem, alles gehört zusammen.

Wie Goethe und Schiller. Ein seltsames Paar. Schiller ist der stürmische Liebhaber, der Antreiber, der Mahner und Anreger. Schiller, schreibt Richard Friedenthal, ist der Mann in der Verbindung. Und Goethe ist ganz feminin nachgiebig, fast hingebend, wenn Schiller rät und korrigiert und Vorschläge macht. Und Schiller tut das, trotz aller Schärfe, die er haben kann, bei Goethe mit zärtlicher Schonung. Und der schreibt dem Freund, er möge ihn doch bitte weiterhin aus seinen eigenen Grenzen heraustreiben.

Elf Jahre Goethe und Schiller bedeuten für beide elf Jahre höchste Leistung. Schiller zieht 1799 nach Weimar. Von nun an schmeißt Goethe mit ihm zusammen das Hoftheater. Goethe als Direktor, Schiller als Dramaturg.

So etwas wird es in Deutschland nie wieder geben. Und Schiller liefert die Stücke für Uraufführungen: 'Wallenstein', 'Maria Stuart', 'Jungfrau von Orleans', 'Braut von Messina'. Und den Wilhelm-Tell-Stoff hatte ihm Goethe aus der Schweiz mitgebracht. Hat er ihm geschenkt. Und Goethe zieht den alten Faust wieder aus der Versenkung hervor, arbeitet am 1. und am 2. Teil. Und dann schreibt er 'Hermann und Dorothea'.

Es ist die Geschichte vom schüchternen Helden Hermann, der eine reiche Heirat ausschlägt, weil er sich in ein Flüchtlingsmädchen verliebt. In Dorothea. Sie ist eine dörfliche Pallas Athene, die vor französischen Revolutionären geflohen ist. Und alles endet natürlich happy.

Ein Idyll vor den Gewitterwolken der Zeit. Geschrieben in herrlich flotten Hexametern, die Johann Heinrich Voß, der Homer-Übersetzer, Goethe schmackhaft gemacht hat. Mit dieser Geschichte, schreibt Goethe, habe er den Deutschen einmal ihren Willen getan, und nun sind sie äußerst zufrieden.

So ist es. 'Hermann und Dorothea' wird der populärste Goethe seiner Zeit. Mehr als 'Werther'. Werther gehört zur Oberschicht. Aber Hermann, der Gehemmte, ist ein Bürger und wächst über sich hinaus. Und damit hinein ins Herz jeder Magd und jeder Näherin. Hermann führt im Mondenschein das Flüchtlingsmädchen heim. Da fließen Tränen. Pastoren segnen den Autor für diese vorbildliche Geschichte. Und Buchhändler werben mit diesem schönsten Hochzeitsgeschenk.

Goethe hat sein Gedicht oft und gern am Frauenplan vorgelesen. Der Direktor des Weimarer Gymnasiums, Karl August Böttiger, der sonst ziemlich ironisch mit Goethe umspringt, ist begeistert von so einer Lesung. Auch, weil Goethe diese herrlich tiefe, melodische Stimme hat. Am Ende, als Dorothea ihrem Hermann dienen will, liest Goethe einen Hauptsatz des Poems: Nur durch dienen kann sie herrschen! Und dann kommt der Abschied von den Ihren. Und da hatten der Vorleser und wir Zuhörer die Thränen im Auge.

Und dann wird Goethe wieder bequem. Und sein Leib geht in die Breite. Freunde, die ihm von überallher Tagebücher schreiben müssen, damit er wieder was zum Schreiben hat, schneiden ihn langsam. Herder allen voran: Hole der Henker den Gott, schreibt er, weil Goethe ihn, wie er meint, bloß als Papier ansieht, auf welches er schreibt.

Im Augenblick aber schreibt Goethe wenig. Lieber lädt er ein. Er hält Hof. Führt durch sein Museum, zeigt seine Radierungen, seine Steinsammlung, seinen Zeus und seine Hera. Und dann wird gespeist wie auf dem Olymp. Alles vom Feinsten. Das Geschirr, der Champagner, der Wein, die Krebse und Kapaune, alles kunstvoll dekoriert mit Früchten und Blumen und seltenen Pflanzen. Und die Tafelmusik kommt aus dem Hinterhalt.

Und wo ist Christiane Vulpius? In der Küche. Ist nicht erwünscht. Hat nur die Arbeit. Auch die Jenaer Romantiker, dieses Häuflein großzügig Liebender, wollen nichts mit ihr zu tun haben. Ihr göttlicher Goethe und diese Frau! Warum hat er sich nicht eine schöne Italienerin mitgebracht?

Der Göttliche hält einmal die Woche seine Kränzchen ab. Literarische Liebeszirkel. Bottleparties: Die Herren bringen den Wein mit, die Damen Salate und Gebratenes. Und Goethe stellt zärtliche Paare zusammen. Dann werden Rätsel geraten, und wenn Goethe in Hochstimmung ist, schleppt er seine Farbenlehre an und versucht, sie unter die Leute zu bringen.

Schiller würde am liebsten weggehen, wenn er nur wüsste, wohin. Er versteht auch Goethe nicht mehr. Beklagt sich über ihn bei Wilhelm von Humboldt. Dieses elende Getändel im abgewrackten Weimar! Nur Goethe könnte den Laden aufmischen. Aber nichts passiert, weil er abwechselnd alles treibt, sich auf nichts energisch konzentriert.

Was haben sie nicht alles zusammen erarbeitet. Geduzt haben sie sich nie. Wenn Goethe über Schiller im Tagebuch schreibt, heißt er Hofrat Schiller. Aber zwei Verschworene des Geistes sind sie gewesen. Das Jahrhundert haben sie in die Schranken gefordert und beenden es nun gemeinsam.

Schon zum 29. Dezember 1799 lädt Goethe wie eine Liebende: Sie finden geheizte und erleuchtete Zimmer. Ein Gläschen Punsch soll der warmen Stube zur Hülfe kommen, ein frugales Abendessen steht nachher zu Befehl. Auch Silvester verbringen die Freunde miteinander. Ganz allein. Und Goethe schreibt am 1. Januar 1800, wie froh er gewesen sei, mit Schiller das Jahrhundert zu schließen.

Goethe leger im Hausrock. Zu zweit und im Gespräch. Da ist er der Größte. Amüsant, charmant, liebenswürdig, ja, bezaubernd. Viele haben es beschrieben, und Goethe selbst sagt, man habe ihn im Gespräch größer gefunden als in seinen Werken.

Nach einer schweren Nierenkolik sieht Goethe Schiller am 1. Mai 1805 zum letzten Mal. Der vom Tod Gezeichnete ist auf dem Weg zum Theater. Ein Mißbehagen hinderte mich, ihn zu begleiten, schreibt Goethe, und so schieden wir vor seiner Hausthüre, um uns niemals wiederzusehen. Schiller stirbt am 9. Mai. Niemand wagt, es Goethe zu sagen. Schließlich geht Christiane zu ihm. Er ahnt die Nachricht - und weint.

22 Jahre später hält Goethe den Totenschädel des Freundes in seiner Hand. Die Überreste Schillers sollen in die Fürstengruft umgebettet werden. Monate wird das dauern. Solange soll der Kopf am Frauenplan bleiben. Und Goethe, der ewig strebend sich erhöht, glaubt, in der Knochenform die gottgedachte Spur zu erkennen.

Im großen Welttheater erkennt Goethe die Zeichen der Zeit mal wieder gar nicht. Die Friedensabschlüsse Preußens und Österreichs mit den Franzosen deutet er in einem Poem so: Der lang ersehnte Friede nahet wieder, / Und alles scheint umkränzet und umlaubt . . .

Dabei gibt es nur Verrat und Länderraub und Plünderung von Kunstschätzen und Mord und Totschlag an französischen Gesandten. Preußen intrigiert gegen Österreich und Österreich gegen den Rest des Reichs. 1805 besiegt Napoleon die Österreicher und Russen bei Austerlitz und überzieht nun Deutschland mit einer blutigen Schleppe. Doch bis zur Katastrophe 1806, der Schlacht bei Jena und Auerstedt, nimmt der Politiker Goethe von all dem Terror keine Notiz.

Der junge Romantiker Jean Paul beschreibt das, als er den Riesen von Weimar besucht. Man hatte ihn gewarnt, aber egal, er klingelt, wird eingelassen, wartet. Endlich tritt der Gott her: kalt, einsilbig, ohne Akzent. Und Knebel platzt herein mit der Nachricht: Die Franzosen ziehen in Rom ein.- Hm! sagt der Gott.

Man trinkt ein Glas Champagner. Spricht über Kunst und Theater. Das ist schon eher ein Thema. Am Ende liest der Alte Jean Paul ein ungedrucktes Gedicht vor, wodurch sein Herz durch die Eiskruste in Flammen trieb.

In der Nacht vom 14. zum 15. Oktober steht dann Weimar in Flammen. Jetzt notiert Goethe im Tagebuch: Abends um 5 Uhr flogen die Kanonenkugeln durch die Dächer. Um 1 26 Einzug der Chasseurs. 7 Uhr Brand, Plünderung, schreckliche Nacht.

Christianes Bruder versteckt sich mit Frau und Kind drei Tage lang im Park. Ihr ganzer Besitz fliegt im hohen Bogen zum Fenster raus. Frau von Steins kostbare Zimmer werden kurz und klein geschlagen. Kein Haus bleibt verschont. Nicht das Schloss, und nicht das feine Domizil am Frauenplan.

Angetrunkene französische Soldaten brechen am Abend die Tür auf, stürmen die Treppe hoch, wollen den Hausherrn sehen, rennen sein Schlafzimmer ein, stehen vor ihm mit gezückten Bajonetten.

Ja, es hätte Goethes Ende sein können, wenn Christiane nicht auf die wilden Kerle eingedroschen hätte. Laut fluchend mit dem Silberleuchter. Und das ohnerachtet sie nicht Französisch sprach, wird Goethes Adlatus Dr. Riemer später notieren. Die besoffenen Soldaten trollen sich, und Goethe ist gerettet. Und was schreibt er ins Tagebuch? Erhaltung unseres Hauses durch Standhaftigkeit und Glück. Kein Wort von Christiane.

Aber es kommt ein alter Vorsatz zur Reife: Er heiratet Christiane am 19. Oktober 1806 in der Sakristei der Jakobskirche. Unsre Trauringe, schreibt er, werden vom 14. Octbr. datirt. Es ist der Tag von Napoleons Sieg.

Goethe ist zutiefst beeindruckt vom selbsternannten Kaiser. Wie ein Feuervogel tauchte er doch aus der Sintflut der Französischen Revolution auf und nahm sich alles Recht der Welt. Er erfüllt für Goethe das Vermächtnis der Revolution - von oben. Nichts geht von der Masse aus. Das ist sein Credo.

Napoleon, der Kriegsgott, der Dämon, hat es genial umgesetzt. Also ist für Goethe die verlorene Schlacht auch nicht Schmach und Schande, sondern Eintritt ins neue Zeitalter. Und er findet es völlig in Ordnung, dass Carl August, um sein Herzogtum zu retten, Napoleons Rheinbundstaaten beitritt.

Goethe ist nun also verheiratet. Ein Schock im Schock des Kriegs. Am Tag der Hochzeit schreibt Charlotte von Stein: Während der Plünderung hat er sich mit seiner Mätresse öffentlich in der Kirche trauen lassen. Und sie hechelt alles mit ihrer Freundin Charlotte, Schillers Witwe, durch. Und in der 'Allgemeinen Zeitung' steht: Göthe ließ sich unter dem Kanonendonner mit seiner ... Haushälterin ... trauen.

18 Jahre leben die zwei nun zusammen, und noch immer sind die Gemüter in Aufruhr. Aber Goethe ist da stoisch. Bereits einen Tag nach der Eheschließung führt er Christiane - die in seinem Tagebuch nun meine Frau heißt - in die Gesellschaft ein, bei Johanna Schopenhauer. Und die schreibt an ihren Sohn Arthur: Ich denke, wenn Goethe ihr seinen Namen gibt, können wir ihr wohl eine Tasse Tee geben.

Zwei Jahre nach der Hochzeit, am 2. Oktober 1808, hat Goethe eines seiner größten Erlebnisse: Er trifft Napoleon. Der Mann der Tat empfängt den Mann der Feder.

Das ist in Erfurt. Napoleon will dort mit Zar Alexander I. die Welt aufteilen und ordentlich feiern. Aus Pariser Schlössern sind Mobiliar und Teppiche, Geschirr und Bilder angeschleppt worden. Luxus im Stil des neuen Empire. Und Goethe wird zur Audienz befohlen. Zum Lever.

Ein Lever ist kein Tete-a-tete, sondern ein ziemliches Durcheinander. Goethe wird eingelassen. Er sieht gut aus im Frack. Sehr stattlich. Er ist noch braun vom Sommer. Die Haare sind sorgfältig gebrannt. Er macht Eindruck. Bleibt aber in schicklicher Entfernung.

Vous etes un homme!, sagt Napoleon in seiner Entourage von Würdenträgern und Domestiken. Der Kaiser sitzt und frühstückt. Goethe steht. Napoleon ist vierzig und ein bisschen fett. Die knappe Uniform sitzt wie eine Pelle. Er fragt militärisch knapp: Wie alt? 60. Ihr habt euch gut erhalten. Familie? Kinder? Den Zaren schon gesehen? Nein, sagt Goethe und hofft schon. Da sagt Napoleon: Schreiben Sie über unser Treffen hier. Und widmen Sie ihm den Bericht.

Wie bitte? Er ist doch kein Auftragsschreiber. Also so etwas, sagt Goethe entschuldigend, habe er noch nie gemacht. Talleyrand kommt, tuschelt mit Napoleon und geht. Ein General bringt Neuigkeiten aus Polen. Goethe steht da und wartet.

Dann schmeichelt ihm der Kaiser und kehrt die Bildung raus. Den ''Werther' habe er siebenmal gelesen, sagt er zu Goethe. Sogar zu den Pyramiden habe er ihn mitgenommen!

Siebenmal? Alle Wetter. Goethe ist beeindruckt. Aber da sagt Napoleon schon, was er am 'Werther' falsch findet: Gekränkter Ehrgeiz und unerfüllte Liebe seien die beiden Gründe für den Selbstmord. Das sei ein Grund zu viel, sagt Napoleon. In seinem militärischen Kopf vermischt man keine Gründe.

Goethe, der Kritik nicht ausstehen kann, sagt freundlich, diesen Fehler habe noch nie einer bemerkt. Kommen Sie nach Paris!, sagt Napoleon und unterschreibt schon wieder irgendwelche Verträge. Und Goethe lässt durch den Kammerherrn anfragen, ob er sich zurückziehen dürfe. Napoleon nickt.

Zwölf Tage später wird Goethe der größte französische Orden überreicht: das Kreuz der Ehrenlegion. Er zeigt es mit Stolz und trägt es mit Lust und spricht von Napoleon als mein Kaiser.