HOME

Liebknecht-/Luxemburg-Mord: Tod im Landwehrkanal

Vor 85 Jahren schlugen Freikorpstruppen auf SPD-Geheiß den "Spartakus"-Aufstand blutig nieder und ermordeten die KPD-Gründer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Die Lynchjustiz sollte sich als historisch folgenreiche Tat erweisen.

Ende des Jahres 1918 waren von der SPD die Weichen für einen demokratischen Neuanfang nach der Abdankung von Kaiser Wilhelm II. gestellt: Philipp Scheidemann hatte am 9. November die deutsche Republik ausgerufen und eine Regierung sollte von einer aus allgemeinen, gleichen Wahl hervorgehenden Nationalversammlung bestimmt werden. So lautete der überwältigende Mehrheitsbeschluss der revolutionären Übergangsregierung, des "Rates der Volksbeauftragten", bestehend aus den unterschiedlichen Strömungen der Sozialdemokratie. Das war dem zahlenmäßig eher unbedeutenden "Spartakusbund" unter der Führung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zu wenig. Er strebte die sozialistische "Diktatur des Proletariats" auf deutschem Boden an.

"Einer muss der Bluthund werden"

Der "Spartakusbund" gründete am 28. Dezember 1918 eine neue Partei, die "Kommunistische Partei Deutschland" und beschloss - gegen den Widerstand von Rosa Luxemburg -, nicht an den Wahlen teilzunehmen, sondern den revolutionären Kampf auf der Straße zu führen. In der Nacht zum 6. Januar 1919 erklärte der "kommunistische Revolutionsausschuss" unter Führung von Liebknecht die Ebert-Regierung für abgesetzt. In Berlin eskalierten wenige Tage vor der Wahl zur Nationalversammlung Massendemonstrationen zum offenen Bürgerkrieg.

Der SPD-Politiker Gustav Noske glaubte, nur mit Hilfe von kaisertreuen Offizieren und rechtsgerichteten Freikorpstruppen dem Aufstand begegnen zu können. Auf Druck des Generalstabsoffiziers Waldemar Pabst unterzeichnete Noske als Oberbefehlshaber der Regierungstruppen den Schießbefehl. "Einer muss der Bluthund werden", soll er gesagt haben. Bis zur Niederschlagung der Revolte am 12. Januar verloren zahllose Menschen ihr Leben oder trugen schwere Verletzungen davon. Für die spätere kommunistische Geschichtsschreibung stand Noske damit "an der Spitze der bewaffneten Konterrevolution".

Mord ohne Haftbefehl

Am 15. Januar verhafteten Freikorpssoldaten die untergetauchten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in einer Wohnung im Berliner Bezirk Wilmersdorf. Sie verschleppten die beiden Köpfe der revolutionären Bewegung in das Stabsquartier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division im damaligen Eden-Hotel in der Kurfürstenstraße nahe der Gedächtniskirche und verhörten sie dort unter schweren Misshandlungen. Einen Haftbefehl gab es nicht.

Am Abend wurde zunächst Liebknecht mit einem Auto zum Tiergarten gefahren, das angeblich eine Panne hatte. Die bewaffneten Freikorpssoldaten gingen mit Liebknecht in einem dunklen Parkweg und erschossen ihn schließlich mit drei Schüssen aus nächster Nähe, weil er angeblich flüchten wollte. Danach wurde Luxemburg abgeführt und beim Verlassen des Quartiers von einem Freikorpssoldaten mit einem Gewehrkolben niedergestreckt, ins Auto gezerrt und im Wagen erschossen. Im offiziellen Bericht der Schützen-Division heißt es am nächsten Tag, dass Liebknecht bei einem Fluchtversuch im Tiergarten erschossen und Luxemburg von einer Volksmenge vor dem Eden-Hotel gelyncht und entführt worden sei. Ihre Leiche warfen sie in den Landwehrkanal, wo sie erst Ende Mai 1919 gefunden wurde.

Freispruch für die Täter

Die Ermordung der Kommunisten durch rechtsgerichtete Militärs schürte nicht nur den Hass der KPD, sondern verstörte auch einen Großteil der SPD-Anhänger. Verständnislos reagierten auch weite Teile der Öffentlichkeit, als ein Kriegsgericht die maßgeblich an dem Mord beteiligten Offiziere im Mai 1919 freisprach.

Unterzeichnet wurde das Urteil von Gustav Noske, inzwischen sozialdemokratischer Reichswehrminister. Die SPD-Führung verteidigte aus Angst vor der "Bolschewisierung Deutschlands" weiterhin ihr Vorgehen. Luxemburg und Liebknecht seien "Opfer ihrer eigenen blutigen Terrortaktik geworden", schrieb das SPD-Organ "Vorwärts". Die Niederwerfung des Aufstands bedeute "ganz besonders für die Arbeiterklasse, einen Akt der Rettung, den zu vollbringen wir vor der Geschichte verpflichtet waren".

Friedhof Friedrichsfeld als sozialistische Pilgerstätte

Um die Grabstellen nicht zum Ort von Kundgebungen werden zu lassen, wurden Luxemburg und Liebknecht auf dem Friedhof Friedrichsfelde beigesetzt, "weit vor den Toren der Stadt". All das half nichts. Bereits am 25. Januar nutzten die USPD und die KPD die Beerdigung von Liebknecht und anderen Opfern des Aufstandes zu einer beeindruckenden Massendemonstration. Für die Beerdigung Luxemburgs am 13. Juni 1919 mussten aufgrund des großen Andrangs sogar Eintrittskarten ausgegeben werden.

Je weiter das Ereignis in die Ferne rückte, desto mehr wurde der Friedhof zur Pilgerstätte für die sozialistische Linke. In den 20er Jahren war auf KPD-Beschluss von dem Architekten Mies van der Rohe eine Gedenkstätte der Sozialisten errichtet worden. Von den Nazis eingerissen, wurde sie 1951 von der SED neu hergerichtet. Alljährlich im Januar zogen beim traditionellen Gedenkmarsch Hunderttausende mit den führenden SED-Politikern an der Spitze zum Friedhof in Friedrichsfelde. 1988 kam es beim Aufzug zu oppositionellen Kundgebungen und Verhaftungen. Demonstranten hatten mit dem Zitat von Luxemburg "Die Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden" auf einem Spruchband den Zorn des SED-Regimes auf sich gezogen.

Auch nach der Wende blieb die Linke, vor allem die aus der SED hervorgegangene PDS, der Tradition der Gedenkmärsche treu. Dieses Jahr, am 11. Januar, nahmen rund 25.000 Menschen an der Prozession teil. Darunter neben Gregor Gysi auch Ex-DDR-Staatschef Egon Krenz, der erst vor kurzem aus der Haft entlassen worden war.

Christoph Marx und Wilfried Mommert