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Markus Wolf: Spion des Sozialismus

Er leitete 33 Jahre die Auslandsspionage der DDR und plazierte den Agenten Günter Guillaume an der Seite von Bundeskanzler Willy Brandt: Markus "Mischa" Wolf. Nach der Wende wurde er verurteilt, ins Gefängnis musste er aber nie.

Seit zehn Jahren kann der ehemalige Chef der DDR-Spionage, Markus Wolf, wieder an den Nikolaus glauben. Am Nikolaustag 1993, dem 6. Dezember, blieb der damals 70-Jährige auf freiem Fuß, obwohl ihn das Oberlandesgericht Düsseldorf wegen Landesverrat zu sechs Jahren Freiheitsstrafe verurteilt hatte. Wolf genoss Haftverschonung, weil das Bundesverwaltungsgericht zu diesem Zeitpunkt noch keine Entscheidung zur Frage der Strafbarkeit von Spionen eines untergegangenen Staates gefällt hatte.

Erst zwei Jahre später hob der Bundesgerichtshof in einem Revisionsverfahren das Urteil des Düsseldorfer Senats auf. DDR-Bürger könnten strafrechtlich nur eingeschränkt für ihre frühere Spionagetätigkeit verfolgt werden, befand der BGH. Es dauerte weitere vier Jahre, ehe "Mischa" Wolf vom Oberlandesgericht Düsseldorf wegen Freiheitsberaubung in vier Fällen zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt wurde.

"Mein Meisterstück"

Beide Wolf-Verfahren in Düsseldorf wurden in einem kleinen fensterlosen Gerichtssaal des Oberlandesgerichts am Rheinufer der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt geführt. Der abhörsichere Saal war 1975 eigens für den Prozess gegen Wolfs wohl erfolgreichsten Agenten in der Bundesrepublik, den Kanzleramtsspion Günter Guillaume gebaut worden, dessen Enttarnung zum Rücktritt von Bundeskanzler Willy Brandt beitrug. Auch Guillaume hatte in dem 44 Tage währenden Verfahren gegen seinen ehemaligen Chef Wolf ausgesagt und vor Gericht erklärt, sein Aufstieg zum persönlichen Referenten von Brandt sei "mein Meisterstück" gewesen.

Am 6. Dezember 1993 hatte das Gericht unter Vorsitz des in Spionageprozessen erfahrendsten Richters Klaus Wagner den ehemaligen Spionagechef in 34 Fällen der geheimdienstlichen Agententätigkeit für schuldig befunden. 33 Jahre lang bis zum Frühjahr 1986 habe Wolf die Auslandsspionage der DDR verantwortlich geleitet, befand Wagner damals. Der Haftbefehl gegen den Generaloberst a. D., der sich inzwischen als Autor betätigt und unter anderem ein Kochbuch sowie Memoiren unter dem Titel "Spionagechef im geheimen Krieg. Erinnerungen" veröffentlicht hat, war vor Beginn des damaligen Verfahrens gegen Zahlung einer Kaution in Höhe von 250.000 Mark außer Vollzug gesetzt worden.

Drei rosa Schweinchen für Wolf

Die selbstgebackenen Plätzchen, die Wolf vor zehn Jahren vor der Urteilsverkündung von einer Sympathisantin bekam, sind sicherlich schon lange aufgegessen. Die drei kleinen Schweinchenfiguren aus hellrosa Porzellan, die der am 19. Januar 1923 in Hechingen in Süd-Württemberg geborene ehemalige Agenten-Chef damals ebenfalls von einer Verehrerin als Nikolauspräsent im Gerichtssaal erhielt, stehen vielleicht immer noch auf seinem heimischen Schreibtisch.

Vier Jahre nach diesem ersten Urteil war es im Mai 1997 mit Richterin Ina Obst-Oellers eine Frau, die den als charmant geltenden "Mischa" Wolf im Verhandlungssaal 101 des Düsseldorfer Oberlandesgerichts zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilte. Sie befand den früheren Spionagechef der DDR der Freiheitsberaubung in vier Fällen in Tateinheit mit Nötigung und vorsätzlicher Körperverletzung für schuldig. Wolf hatte dieses zweite Verfahren damals als "politischen Prozess" bezeichnet und das Urteil so kommentiert: "Im ersten Verfahren 1993 waren es sieben Jahre, jetzt sind es zwei. Eigentlich müsste ich mit diesem Urteil leben können, wenn es nicht nach meiner Auffassung gegen Recht und Gesetz verstoßen würde."

Andreas Rehnolt / DPA