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Münchner Oktoberfest: Der Tod kam aus dem Mülleimer

Am Abend des 26. Septembers 1980 hatte die Bombe eines Rechtsextremisten 13 Besucher des Münchner Oktoberfests getötet und über 200 verletzt. Für den damaligen Anwalt der Betroffenen sind längst nicht alle Fragen geklärt.

Ein Vierteljahrhundert ist es her, doch das Grauen bleibt unvergessen. Am 26. September 1980 gegen 22.20 Uhr detoniert am Haupteingang des Münchner Oktoberfests mitten in der lärmenden, bierseligen Masse die Bombe eines Rechtsradikalen. In einem Umkreis von 30 Metern liegen verstümmelte Leichen, verletzte Menschen schreien um Hilfe. Die Bilanz: 13 Tote - unter ihnen drei Kinder - und mehr als 215 Verletzte. Bis heute gibt es Zweifel, ob der Rechtsradikale Gundolf Köhler die Tat eine gute Woche vor der Bundestagswahl tatsächlich ohne fremde Hilfe begangen hat.

Wiesn ohne öffentliche Papierkörbe

Der 21-jährige Geologie-Student aus Donaueschingen und frühere Anhänger der dann verbotenen rechtsextremistischen "Wehrsportgruppe Hoffmann" hatte nach einer verpatzten Prüfung den Sprengsatz mit 1,39 Kilogramm TNT in einem Mülleimer am Eingang zum Oktoberfest deponiert. Er kam selbst bei der Explosion ums Leben. Als Konsequenz gibt es auf der Wiesn seitdem keine öffentlichen Papierkörbe mehr.

Das Oktoberfest wurde damals für einen Tag unterbrochen. Am Eingang zur Theresienwiese wurde ein Mahnmal errichtet, an dem auch heute noch Menschen das ganze Jahr über Blumen niederlegen. Am Jahrestag des Anschlags hat der Stadtrat dort in einer Feierstunde der Opfer gedacht. Der Anschlag mache einmal mehr deutlich, welches Maß an Menschenverachtung in der rechtsradikalen Szene herrsche, betonte Oberbürgermeister Christian Ude (SPD). "Die Opfer leiden bis heute."

Mehrere Menschen wurden zu Krüppeln, viele blieben jahrelang in ärztlicher Behandlung. Eine junge Frau musste Dutzende Operationen über sich ergehen lassen, einem damals 17-jährigen Automechaniker riss die Bombe beide Beine weg. Zwei Frauen, die mit ihren Ehemännern vom Wiesn-Bummel auf dem Heimweg waren, wurden zu Witwen. Ein Familienvater verlor zwei seiner drei Kinder. Er kämpfte mit anderen Betroffenen jahrelang für eine Wiederaufnahme des Verfahrens, um mögliche weitere Schuldige dingfest zu machen - vergeblich.

"Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen"

Die Bundesanwaltschaft befand damals, Köhlers Motiv könne "sowohl auf eine schwere Persönlichkeitskrise als auch auf Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen" zurückgehen. Beamte einer zeitweise 100 Mann starken Sonderkommission überprüften mehr als 860 Hinweise, befragten 1800 Zeugen und erstellten 100 kriminaltechnische Gutachten, bis der Fall gut zwei Jahre später zu den Akten gelegt wurde. Ein hinreichender Tatverdacht gegen andere Personen habe sich nicht ergeben, erklärten die Ermittler.

Der Anwalt der Betroffenen, Werner Dietrich, kam hingegen nach Einsicht in die Ermittlungsakten zu dem Schluss, drei oder vier weitere Täter aus dem neonazistischen Bereich könnten an dem Anschlag beteiligt gewesen sein. Außerdem könne der Anschlag in einem größeren Zusammenhang gestanden haben und keineswegs nur die Tat eines frustrierten Einzelnen gewesen sein. "In diese Richtung ist nicht weiter ermittelt worden", kritisiert Dietrich noch heute. Köhler könnte ein Nachahmungstäter gewesen sein, der den Anschlag Rechtsradikaler rund acht Wochen zuvor auf den belebten Bahnhof von Bologna zum Vorbild nahm. Dort starben 85 Menschen.

Nach Dietrichs Angaben hatten Augenzeugen in dem Auto, in dem der Wiesn-Attentäter nach München kam, weitere Personen gesehen, die sich wild gestikulierend unterhielten. Außerdem habe eine Frau kurz vor dem Attentat gehört, wie jemand sagte: "Weg hier, es passiert hier gleich was."

Opfer-Anwalt hofft auf neue Fakten

Zwar wurden nach Abschluss der Ermittlungen noch einmal weitere Zeugen vernommen. Im Juni 1984 erklärte der damalige Generalbundesanwalt Kurt Rebmann jedoch, die Recherchen würden nicht wieder aufgenommen. Für Dietrich ist der Fall dennoch nicht endgültig abgeschlossen. "Wenn noch einmal neue Fakten kommen, werden wir weitermachen - es geht nicht nur um ein Einzelverbrechen, sondern um die politische Dimension und um Gerechtigkeit für die Opfer."

Sabine Dobel/DPA / DPA